Kolumne

Vertrauensinstanz

Spektakuläre Firmenzusammenbrüche wie die der FAVAG (l.) und Nordwolle – im Bild die Inhaber G. Carl und Heinz Lahusen vor Gericht – zeigten, dass Aufsichtsräte mit der alleinigen Überwachung der Geschäftsführung überfordert waren.
Zur Person Klaus-Peter Naumann

ist Sprecher des Vorstands des Instituts der Wirtschaftsprüfer in Deutschland (IDW) und Honorarprofessor für Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung.

Das zweitgrößte Versicherungsunternehmen in Deutschland stand im Ruf zweifelsfreier Bonität. Die ausgezeichnete Vermögens- und Ertragslage der Bilanz war jedoch trügerisch: Jahrelang war der Vorstand versicherungsfremde Finanzspekulationen mit unkalkulierbarem Risiko eingegangen. Das Buchungswesen war auf Irreführung angelegt, so wurden etwa fingierte Konten­bezeichnungen verwendet und Geschäfts­vorfälle falsch oder gar nicht verbucht. Auch der Aufsichtsrat bemerkte nichts. Im Sommer 1929 brach die Frank­furter Versicherungsgesellschaft (FAVAG) zusammen. Spektakuläre Firmenzusammenbrüche wie von FAVAG 1929 oder Nordwolle 1931 hatten gezeigt, dass die Aufsichtsräte ihre eigentliche Aufgabe – die Überwachung der Geschäftsführung – alleine nicht angemessen umsetzen konnten.

1931 – Geburtsstunde des Wirtschaftsprüfers als Antwort auf die Vertrauenskrise der Unternehmen
Die schwere wirtschaftliche Krise in Deutschland war die Geburtsstunde des Berufsstands der Wirtschafts­prüfer. Die Aktienrechtsreform von 1931 führte die obligatorische Abschlussprüfung für Aktiengesellschaften und Kommanditgesellschaften auf Aktien ein. Dem neu geschaffenen Berufsstand wurden diese Abschlussprüfungen als Vorbehaltsaufgabe zugewiesen. Auch die Wirtschaft wollte den Wirtschaftsprüfer: Er sollte zur „Wiedergesundung des deutschen Wirtschaftslebens“ beitragen.

Der Beruf hat sich im Laufe der Jahre nicht zuletzt durch ein hohes Ausbildungsniveau und kontinuier­liche Fortbildung seine Reputation erarbeitet. Er erfüllt einen hohen Qualitätsanspruch, der durch Berufspflichten und Qualitätssicherung sowie durch eine Berufsaufsicht fortlaufend gesichert wird. In der Abschlussprüfung wurden diese Maßnahmen durch eine externe und in erster Linie präventiv wirkende Qualitätskontrolle ergänzt.

Wirtschaftsprüfer im Fokus – als geschätzte Experten, aber auch als (vermeintlich) Verantwortliche in Bilanzskandalen
Seit einigen Jahren rücken Wirtschaftsprüfer ­stärker in den Fokus der Öffentlichkeit – als geschätzte Experten zu Finanzfragen, aber auch als (vermeintlich) Verantwortliche in Bilanzskandalen. Sowohl in der Zeit der Enron- und Worldcom-Krisen nach der Jahrtausendwende als auch in den Wirtschaftskrisen jüngerer Zeit wurde deutlich, dass stetig aufgebautes Vertrauen in die Abschlussprüfung schnell wieder zerstört werden kann. Dies zeigt, wie stark reputations­abhängig das Wirtschaftsprüfergeschäft grundsätzlich ist.

Die Erwartungen der Adressaten der Abschlüsse sind ebenso wichtig wie die Einhaltung der Regeln. Teil­weise gehen diese Erwartungen über die regulatorischen Anforderungen hinaus. Der Berufsstand soll ökonomisch relevante Trends erkennen und die Öffentlichkeit auf Risiken hinweisen. Dies kann schon wegen der Verschwiegenheitsverpflichtung nicht ein einzelner Berufsangehöriger oder seine Prüfungs­gesellschaft, sondern nur die Gesamtheit des Berufs­stands gegenüber der Öffentlichkeit erfüllen.

<p>Bilanzskandale wie bei Enron (l.) und Worldcom (r.) haben das jahrzehntelang aufgebaute Vertrauen in die Wirtschaft stark beschädigt.</p>

Bilanzskandale wie bei Enron (l.) und Worldcom (r.) haben das jahrzehntelang aufgebaute Vertrauen in die Wirtschaft stark beschädigt.

2016 – Wirtschaft und Wirtschaftsprüfung stehen vor erheblichen Veränderunge  
Der Berufsstand durchlebt genau wie die Wirtschaft zurzeit einen bedeutsamen Wandel – Globalisierung, Spezialisierung, Digitalisierung, aber auch Regulierung sind hierfür nur wenige Stichworte. ­Etablierte Geschäftsmodelle stehen zunehmend auf dem Prüfstand. Unternehmen brauchen Sicherheit auch über interne Prozesse und Strukturen. Wachstum wird bei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften eher im Assurance- und Beratungsgeschäft gesehen als bei der Abschlussprüfung – einem der Natur der Sache nach begrenzten Markt. Dennoch bleibt die Abschluss­prüfung unverzichtbares Ankerprodukt des Berufs.

Der Grund hierfür ist einfach: Der Berufsstand kann mit einer immer komplexer werdenden und hoch­qualitativen Abschlussprüfung seine Kompetenz und überdurchschnittliche Leistungsfähigkeit zeigen – eine Reputation, die auf andere Dienstleistungen ausstrahlt. Sie kann als Differenzierungsmerkmal gegenüber anderen Berufsgruppen genutzt werden. Das Markenzeichen „Wirtschaftsprüfer“ ist in der Außenwirkung ein Synonym für hohe Qualität und Unabhängigkeit, welches das Vertrauen zwischen den Marktteilnehmern stärkt – auch im Beratungsgeschäft.

Wirtschaftsprüfer schaffen Vertrauen – sei es in Systeme, Prozesse oder Daten
Hierbei geht es um sämtliche Assurance-Leistungen – unabhängig davon, von welcher Service-Line sie erbracht werden –, bei denen der Wirtschaftsprüfer auf das berufstypische Instrumentarium und auf die Expertise aus der Abschlussprüfung sowie seine Kenntnisse aus der Begleitung verschiedener Unternehmen aller Branchen zurückgreifen kann und ein Urteil abgibt. Das Urteil des Wirtschaftsprüfers über die Eigenschaften und Zuverlässigkeit von Systemen, Prozessen oder Daten gibt den verschiedenen Teilnehmern des Wirtschaftslebens die Möglichkeit, in deren Aussagen zu vertrauen. Dieses Vertrauen ist unverzichtbar für ein effizientes und gerechtes Wirtschafts­system. Ein Großteil des heutigen Leistungsspektrums des Berufsstands auch außerhalb der Abschlussprüfung folgt dieser Maxime – man denke nur an die Unterstützung von Unternehmen bei Governance, Risk and Compliance, an Assurance-­Leistungen bei Outsourcing und Cloud Computing oder an Daten­analysen im Big-Data-Umfeld. Vertrauen unter Marktteilnehmern verhindert überbordende Regulierung, ermöglicht erst die Handlungsfähigkeit und somit das Funktionieren der Märkte.

Mehr Einstehen in eigener Sache – weniger Understatement
Damit seine Leistungen weiterhin geschätzt werden, muss der Berufsstand heute proaktiver sein als früher: Es ist mehr Werbung durch Aufklärung in eigener Sache nötig. Er sollte sich mit den Erwartungen seiner Stakeholder auseinandersetzen und ihnen erklären, wie er diesen entsprechen und wo er unterstützen kann. Auch das bisherige „Understatement“ ist zu überdenken: Um die öffentliche Wahrnehmung seiner Rolle zu steigern, wäre es wünschenswert, dass sich der Berufsstand stärker in gesellschaftlich relevante Themen einbringt und häufiger klare Position bezieht.

„Wirtschaft braucht Vertrauen“ – dies galt im Jahr 1931, und es gilt auch heute, und so lautet folgerichtig der Claim des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW). Das IDW hat es sich zur Aufgabe gemacht, die gesellschaftliche Rolle des Berufsstands und das Image des Wirtschafts­prüfers in der Öffentlichkeit zu stärken. Ziel ist, dass der Berufsstand in der Öffentlichkeit als wichtiger Player in einem globalen Wirtschaftssystem anerkannt wird, der dessen Funktionsfähigkeit grundlegend unterstützt.

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