Kolumne

Mother language without mother

Mother language without mother

Sprache ist ein andauerndes vertrauens­volles Wechselspiel, das eigene Kompetenzen voraussetzt: den Wortschatz, die Regeln und das Sprachgefühl. Es ist dieses Wechselspiel, das gestört wird, wenn die Kenntnis nicht ausreicht und Sprachgefühle nicht harmonieren. Sind solche ­Defizite bekannt, lassen sich Missverständnisse antizipieren und Konflikte vermeiden. Im Alltag aber kommt es immer wieder zu Situationen wie diesen beiden, die ich zufällig vor kurzer Zeit erlebt habe:

1. Ein deutscher Student unterhält sich über Mobiltelefonie und fragt einen englischen Kommilitonen: „Do you have a flat?“ Es wirkt wie die unvermittelte Erkundigung nach einer Wohnung. Antwort: „Yes“. Niemand bemerkte, dass er eigentlich „flat rate“ sagen wollte.
2. Ein deutscher Professor spricht über Angela Merkel und nennt sie „compromising“. Er will sie als „kompromissbereit“ beschreiben und hätte es mit „willing to make compromises“ umschreiben können. So hat er sie als „kompromittierend“ dar­gestellt.

In beiden Fällen ist ein Sinn entstanden, der nicht beabsichtigt war – und noch dramatischer: der nicht berichtigt wurde. Ohne auf die Patzer einzugehen, bat ich den Studenten und den Professor um eine Selbsteinschätzung: Beide attestierten sich „sehr gutes“ Englisch.

Um die vielen Kompetenzen, die wir im Laufe des Lebens erwerben, zu einem Erfolg führen zu können, benötigen wir Sprache. Sie dient der Artikulation von Wissen, Erkenntnissen und auch Gefühlen. Wie treffsicher wir damit sind, ergibt sich aus der Sorgfalt, mit der wir sprechen. Zugleich hängt es von dem Verständnis ab, das uns entgegengebracht wird. Bei Fremdsprachen helfen Dolmetscher, das Spiel zu harmonisieren.

Unberechenbarer verläuft das Spiel, wenn die Defi­zite verdeckt, unterschätzt oder schlicht ignoriert werden. Fast jeder kennt Menschen, die „nicht dieselbe Sprache sprechen“ – und die trotzdem weiter­reden. Ihr Verhältnis verschlechtert sich, Vertrauen wird aufgezehrt. Da ich mich seit mehr als 20 Jahren im englischen Sprachraum bewege, wo viele deutschsprachige Menschen reüssieren wollen, habe ich mich oft gefragt, ob wir den Anforderungen an das Wechselspiel der Sprache ausreichend gerecht werden.

Für mich besteht zunächst kein Zweifel, dass Englisch einen Sonderrang unter allen Fremdsprachen einnimmt. Als „Lingua franca“ ist es allgegen­wärtig, und wir können es in vielen Situationen nicht mehr ignorieren. Wer nicht das Glück hatte, mit englischsprachigen Eltern groß zu werden, dem ist die ­Sprache nie in Fleisch und Blut übergegangen. Trotzdem sind wir gezwungen, sie mit der Selbstverständlichkeit einer Muttersprache anzunehmen – ohne Mutter!

Diesem fundamentalen kulturellen Dilemma fühlen sich offenbar immer mehr Deutsche gewachsen. Laut einer Befragung des Allensbach-Instituts glauben rund 9,5 Millionen Deutsche „sehr gut“ Englisch zu sprechen. 2012 waren es noch 7,2 Millionen. Das bedeutet, dass in drei Jahren auf einen Schlag 2,3 Millionen Deutsche das größtmögliche Selbst­vertrauen in ihr Englisch entwickelt haben.

Ob sich diese Überzeugungen mit den tatsächlichen Sprach­kenntnissen decken, kann ich nicht überprüfen. Die meisten Menschen, die ich kenne, beherrschen „unsere Lieblings­fremdsprache“ tatsächlich flüssig. Und bis auf einen Politiker kenne ich niemanden, der einen Dolmetscher zu Hilfe rufen würde.

Ich will nicht verhehlen, dass ich selbst schon Missverständnisse fabriziert habe, als ich etwa in den USA nach einem „Beamer“ fragte, der dort „projector“ genannt wird. „Beamer“ bedeutet in der amerikanischen Umgangssprache ausgerechnet einen BMW!

Die Quellen für unsere sprachlichen Fehltritte sind trotzdem vielfältig:

1. „False Friends“: So nennen Sprachlehrer Wörter, die uns vertraut sind, aber die im Englischen etwas anderes bedeuten: „That irritates me – das ärgert mich.“ Auf unsere Bedeutungen „nerven“, „verwirren“ und „verunsichern“ käme niemand.
2. „Lousy Friends“: So nenne ich „Scheinanglizismen“, die englisch klingen, aber die wir erfunden oder verfremdet haben und ins Englische über­nehmen: „He has a spleen.“ Das bedeutet: „Er hat eine Milz.“
3. „Superfalse Friends“: Wörter, die wir für international gängig halten, obwohl es sie gar nicht gibt: „That’s an eclatant manko.“ Wer das sagt, sollte besser direkt Deutsch sprechen.
4. „False Families“: Ganze Redewendungen, die wir direkt aus dem Deutschen übertragen oder die wir uns konfus gemerkt haben: „Can we discuss it under four eyes?“ Anstatt: „Can we have a word?“ Oder: „Do you want to twist my leg?“ Anstatt: „… twist my arm?“
5. „Blackouts“: Begriffe, die sich nicht einfach umschreiben lassen und die wir nicht kennen. Vor allem in der eigenen Branche darf es nicht dazu kommen!

Allein in diesen Kategorien bieten wir häufig Gele­genheiten, sich zu wundern, zu amüsieren und manchmal auch zu ärgern. Hinzu kommen Verwirrungen, die aus unseren unterschiedlichen Kulturen resultieren: unsere direkte Art, Probleme zu benennen, Ratschläge zu geben oder ungeniert den Körper zu thematisieren.

Es besteht also die Gefahr, dass wir das Vertrauen, das im Wechselspiel der Sprache eine Voraussetzung bildet, auf mehrere Arten stören:

1. Wir überschätzen die eigenen Ausdrucksfertigkeiten.
2. Wir bluffen.
3. Wir werden überschätzt.
4. Wir enttäuschen Erwartungen.
5. Wir wirken skurril oder konfus.

Das größte Problem deutschsprachiger Menschen besteht darin, dass unsere Köpfe voller Englisch sind. Trotzdem – und deswegen – wissen wir oft gar nicht mehr, wo uns der Kopf steht, wenn wir englisch sprechen: vor allem in Situationen, in denen es darauf ankommt! Wir sollten dann den Mut und die Offenheit besitzen, nachzufragen, eigene Kenntnislücken einzugestehen – eine Wörterbuch-App zu installieren und manchmal auch einen Dolmetscher dazuzubitten – warum nicht einfach eine muttersprachliche Kollegin oder einen Kollegen?

Bildnachweis: Evgenyatamanenko/Istockphoto, PR

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