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„Aus Misstrauen wird Ablehnung“

Herr Blome, haben Sie in den vergangenen Wochen einen Vertrauensverlust durch Telefonate, in Gesprächen oder durch Mails am eigenen Leib gespürt?
Nikolaus Blome (NB):Der Begriff „Lügenpresse“ ist ein gängiger Vorwurf geworden, der allerdings vielleicht auch nur deshalb so gängig ist, weil er im Internet hürdenlos verbreitbar ist. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob es wirklich auf breiter Front einen Vertrauensverlust von Medien und Politikern gibt. Was dem aus Sicht der Medien entgegenspricht, ist zum Beispiel, dass der Konsum von Produkten der „Lügenpresse“ derzeit größer ist denn je. Die gedruckten Auflagen fallen zwar, aber die Online-­Medien fangen das mehr als wieder auf.

<p>Lebendige Diskussion: Mitarbeiter von PwC Berlin stellten Fragen an den Politiker und den Journalisten.</p>

Lebendige Diskussion: Mitarbeiter von PwC Berlin stellten Fragen an den Politiker und den Journalisten.

Herr Kubicki, sehen Sie das ähnlich?
Wolfgang Kubicki (WK): Ich möchte eines richtigstellen: Politiker ist kein Beruf. Ich bin Anwalt und Strafverteidiger und stehe im Ranking des Ansehens deutlich höher als andere Berufsgruppen. Einen grundsätzlichen Vertrauensverlust, etwa in demokratische Werte und Politiker allgemein, kann ich so nicht erkennen. Es gibt aber grundsätzlich die Frage, ob bestimmte handelnde Personen die nötige Kompetenz mitbringen. Die Welt wird immer komplexer, und wenn Menschen selbst das Gefühl haben, sie durchschauen das alles nicht mehr, muss das Vertrauen in die handelnden Personen vorhanden sein, diese Prozesse managen zu können. Und da ist das Misstrauen gewachsen. Aber das ist kein grundsätzlicher Vertrauensverlust in die persönliche Integrität von Menschen.

Herr Blome, glauben Sie, dass dieses Misstrauen durch besondere Anlässe erst geweckt oder verstärkt wird? Ist die Kritik, die wir erleben, ereignisgetrieben?
NB: Vor allem Politiker können dieses Misstrauen schüren, indem sie Dinge ankündigen, aber nicht abliefern. Und das können die Leute schon noch überprüfen. Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Bevölkerung wirklich die Krisen um Euro, Griechen­land und Flüchtlinge in allen internationalen Inter­dependenzen nachvollziehen kann. Aber wenn die Kanzlerin sagt, ich kriege das binnen Wochenfrist in den Griff, zum Beispiel ein Griechenlandproblem, und sie bekommt es dann nicht in den Griff, dann können die Leute das erkennen, durchschauen und sagen – dann vertraue ich ihr nicht mehr. Zumindest schwindet allgemein das Vertrauen, das lässt sich dann in diesen Umfragewerten sehr schön bemessen.
WK: Ich sehe das ähnlich, auch anhand anderer Beispiele. Die Menschen – wir Juristen nennen sie: alle recht und billig Denkenden – haben ein untrügliches Gefühl dafür, das etwas nicht stimmt. Nehmen wir den Fall Böhmermann. Natürlich kann man die Ermächtigung erteilen, dass Herr Erdogan als ausländisches Staatsoberhaupt hier bei uns ein Strafverfahren initiieren darf. Aber man darf dann nicht gleichzeitig sagen, dass man den Straftatbestand abschaffen will. Diese Diskrepanz schürt Misstrauen. Und wenn das dann in der Folge auch nicht erklärt wird, wird aus Misstrauen Ablehnung.

Wird zu wenig erklärt, auch von den Medien?
WK: Na klar, bei dem Druck, den die haben!
NB:Manchen Leuten können Sie gar nichts erklären. Weil sie es gar nicht hören wollen. Da mache ich dann auch keinen Versuch mehr, mit diesen Leuten zu sprechen.

Obwohl wir mehr Zugang zu Informationen haben, wächst durch mangelndes Vertrauen offenbar die Bereitschaft der Menschen, sich auf simple Botschaften einzulassen. Woran liegt das?
NB:Im Internet kann man sich schneller als früher seinen Reinraum schaffen und mit Leuten treffen, die einer Meinung sind, bundesweit 10.000 statt früher vier Leute am Stammtisch. Dass diese Leute eine hermetische Weltsicht entwickeln, ist offenkundig. Und im Internet finden die Leute das, was sie suchen und mehr als eine Zeitung Tag für Tag bieten kann. Verloren geht dabei, dass diese Leute auf Dinge stoßen, von denen sie bislang nicht wussten, dass es sie interessiert. Es geht eine breite gesellschaftliche Kommunikation verloren, wenn die Menschen sich nur vertikal informieren anstatt auch das zu konsumieren, was eine Tageszeitung eben für wichtig hält.
WK: Ich glaube, dass Herr Blome das zu positiv darstellt. Es gibt einen journalistischen Mainstream, der wohl mit den Produktionsmethoden zu tun hat, mit der Geschwindigkeit, mit der Dinge am Markt sein müssen: den Schwarmjournalismus. Wer heute online ein bestimmtes Thema sucht, findet in der Regel nicht nur dieselbe Information auf unterschiedlich­sten Portalen, sondern auch dieselbe Bewertung dieser Information. Das erzeugt das Gefühl bei mir, dass bei aller Geschwindigkeit die Ausdifferenzierung der Information ausfällt.

Haben Sie das Gefühl, dass all das den Journalismus schlechter macht? Oder verändert es ihn nur und wir müssen uns damit arrangieren?
WK:Die Journalisten hatten früher mehr Zeit, sich mit einem Thema zu beschäftigen und zu produzieren. Heute stimmt ja bei den Online-Medien die Überschrift oft komplett nicht mehr mit dem Text überein, der darunter folgt. Warum? Weil es darum geht, dass möglichst viele Klicks kommen. Es geht überhaupt nicht mehr um die Information, sondern darum, möglichst viele Leute auf die Seite zu locken, damit sich diese bei Werbern gut verkaufen lässt.
NB: Schlagzeilen mussten auch früher gut verkaufen. Alle Boulevardzeitungen und Magazine überlegen sich sehr gut, was sie auf das Titelblatt schreiben. Denn das löst den Kaufimpuls am Kiosk aus. Aber ich gebe zu: Das ist bisweilen schon hemmungslos übergeigt und schlechtes Handwerk. Passiert das zu oft, wird der Leser das merken und dieses Medium meiden.
WK:Wir sind ja beim Thema Vertrauen: Wenn Journalismus sich verkaufen muss, muss er doch auf die Bedürfnisse der Leserschaft Rücksicht nehmen. Und da wird auch gerne über die eine oder andere Zielgruppe hingeschludert von den Medien. Was dazu führen kann, dass auch „die Politiker“, die es ja so eigentlich nicht gibt, regelmäßig infrage gestellt werden von den Medien, die sich auf diese Weise verkaufen müssen. Und diese Politiker leiden dann bisweilen unter einem Vertrauensverlust, der nur dem Geschäftsmodell der Medien geschuldet ist.

Herr Blome, wird Ihr Handwerk überhaupt noch richtig gelehrt? Mir kommen immer wieder Kollegen entgegen, die glauben, sie hätten recherchiert, wenn sie zwei Begriffe in eine Suchmaschine eingegeben haben.
NB:Tja, mutmaßlich schlecht ausgebildete Journalisten machen mutmaßlich schlechten Journalismus. Das stimmt. Wer mehr macht, macht mehr Fehler; wer schnell viel machen muss, macht noch mehr Fehler. Aber trotzdem sehe ich darin keine qualitative Bedrohung. Ich sehe vielmehr die Gefahr, dass Online-Medien den Takt, in dem Leser Appetit haben nach frischen Geschichten, nicht aus der Politik befriedigen können. Der Betrieb Politik ist ein träger Prozess, der nicht genug relevante Nachrichten für die vielen Kanäle produziert. Es ist eine echte Gefahr, dass wir Medien suggerieren, die Politik könne in Minutenfrist Probleme lösen.

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Der Vertrauenskultur in unserem Land wieder auf die Beine zu helfen, wo fangen wir da an?
WK: In einer Demokratie halte ich es für fatal, wie Herr Blome zu sagen, wir diskutieren nicht mehr. Das ist anmaßend und überheblich. Ich kann als jemand, der Wahlen gewinnen und die demokratische Grundordnung aufrechterhalten will, niemanden aufgeben. Man muss sich auch mal die Zeit nehmen, wenn man andere von seiner Position überzeugen will, Dinge zu erklären. Gut, ich weiß, dass dafür bei der Bildzeitung keine Zeit ist … Aber im Ernst: Wir brauchen differenziertere Kommunikation und müssen runterkommen vom dauernden Moralisieren. Wir müssen Dinge wie die Steuerthematik differenzierter angehen. Die Diskussion, die wir derzeit führen, läuft darauf hinaus, Steuern sparen, Steuern vermeiden und Steuern hinterziehen sei jeweils ungefähr das gleiche Delikt. Dabei ist Steuern sparen staatlich gewollt und Steuervermeidung betriebswirtschaftlich sinnvoll und überlebensnotwendig. Wir sollten vielleicht der OECD-Empfehlung folgen und unser Steuerrecht reformieren. Dann hätte man nicht das Problem, sich mit den anderen Staaten wegen besserer Standortbedingungen rumschlagen zu müssen.

35%

der Bevölkerung trauen der Regierung zu, akute Probleme lösen zu können. Quelle: ETI

Herr Blome, wie können wir aus Ihrer Sicht die Vertrauenskultur wieder herstellen?
NB: Nun, bestimmt nicht mit Vorträgen wie diesem, bei allem Respekt. Es geht doch eher darum, welche einfachen Fragen können sich die Leute stellen und wie werden die beantwortet? Also etwa ob es mehr legale Gründe gibt, eine Briefkastenfirma in Panama zu haben, oder mehr illegale? Wenn in einer Debatte ein großer Teil der Bevölkerung das Gefühl hat, es stimmt etwas nicht, dann muss der Widerspruch aufgelöst werden von der Politik. Weil sonst das Gefühl entsteht, da oben gibt es eine Kaste, die macht, was sie will und niemand räumt auf.

Vertrauen Sie sich eigentlich gegenseitig? Würde einer dem anderen sein Auto abkaufen?
WK: Das kommt auf das Auto an. Aber wenn Herr Blome sein Auto genauso pflegt wie seine Meinung, dann besteht eine Chance. Leider ist sein Renault Espace nicht meine Marke …
NB: Ich würde das natürlich auch machen. Und um auf das Vertrauen noch mal einzugehen: In der Tat stehen Politiker und Journalisten weit unten. Wenn die Leute dann aber konkret gefragt werden, ob sie einen Politiker kennen, dem sie vertrauen, dann sagen sie meist: „Ja, meinem Wahlkreisabgeordneten.“ Das bedeutet: Beim Vertrauen ist auch die Naherfahrung wichtig.

Bildnachweis: Christian Kielmann (5)

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