Kolumne

Der Dog-Matiker

Vertrauen statt Kommandos: Der Managertrainer Ulv Philipper überträgt dieses Prinzip vom Umgang mit Hunden auf die Führung von Mitarbeitern.

Der Ort ist wie geschaffen als Pilgerstätte für Menschen mit oder ohne Problemhund: mächtige Tannen- und Kieferbäume, flach liegendes Gras aus der letzten Sommer­saison, ein kleiner Teich auf dem 1.500 Quadratmeter großen Grundstück einer ehemaligen Gärtnerei. Ein verstecktes, nahezu verwunschenes Naturparadies, ein Eldorado für Hunde. Auch für Bliss. Die Lieblingshündin von Ulv Philipper, eine vier Jahre alte ­Labradordame, tänzelt aus dem Flur des Wohn­hauses von Maren und Ulv Philipper, in dem fünf weitere Hunde auf dem Wohnzimmerteppich vor sich hin dösen und Bliss gerne den Vortritt lassen.

Bliss interessiert das verlockende Schnüffel-Terrain aber überhaupt nicht. Sie begleitet ja jetzt ihren offenbar überaus wertgeschätzten Chef hinaus zu den Bäumen. Immer wieder springt sie an ihm hoch vor Freude, sitzt dann ganz nah auf Tuchfühlung neben ihm beim „Klickklickklick“ während des Foto­shootings, wedelt mal kurz mit dem Schwanz, schaut immer wieder mit inbrünstigem Blick hoch zum – ja was? Diese offenbar innige Beziehung zwischen Herr und Hund mutet fast an wie ein Liebesverhältnis. Umso etwas Ähnliches handelt es sich wohl auch. Für die Mantras des Hunde- und Menschenverstehers Ulv Philipper ist Labradorlady Bliss eine Art lebender Beweis auf vier Pfoten: uneingeschränktes Vertrauen, tiefe Bindung, grenzenlose Freiheit.

Die Philipper’sche Dog-Matik entfaltet erst recht ihre frappierende Wirkung, als es dann ein paar Schritte vom Grundstück hinaus aufs freie Feld geht. Dort sprießen gerade die ersten jungen Keime des Sommerweizens hervor. Da sitzen sie auch schon: drei Hasen, die an den frischen Stängeln nagen. Gefundenes Fressen wäre das für unzählige Hunde, die sich dann sofort auf Hasenjagd begeben würden, gerne mal auch für mehrere Stunden. Und auf Herrchens Rufen und Pfeifen pfiffen. Nicht so Bliss. Sie schnuppert interessiert in Hasenrichtung, aber als Philipper stehen bleibt, setzt sie sich einfach vollkommen entspannt hin. Schaut den davon­hoppelnden Hasen noch etwas gelangweilt hinterher – und Herrchen freudig und erwartungsvoll an. Die angeblich dem unwiderstehlichen Jagdinstinkt geschuldete Hetzjagd auf Beute-Hasen geht Bliss sprichwörtlich am Hundehintern vorbei. Wie funktioniert das bloß?

Es liegt an dem von Philipper so bezeichneten „Stop!“-Konzept. Damit setzt der 52-Jährige mit dem struppigen Hemingway-Bart auch alte Führungsprinzipien durch eine neue Art von Vertrauenskultur außer Kraft. Das Ergebnis sieht aus wie das von vielen Hundehaltern mehr oder weniger erfolgreich eingeforderte Gehorchen aufs Wort. Aber es ist doch völlig anders. Denn das „Folgen“ entspringt eben nicht dem strengen Kommando, sondern aus jener tiefen Verbundenheit mit dem menschlichen Hundeführer, auf die Philipper abhebt. „Stop“ bedeutet für ihn „die Fähigkeit, den Hund auch bei höchster Belastung zu unterbrechen“ – bevor er etwa aus Jagdeifer auf die Straße vor ein Auto stürmt.

Man müsse dazu wissen, so Philipper, dass der Familiengenosse Hund, seinem Instinkt vertrauend, stets sehr aufmerksam seinen Zweibeiner beobachte. Ist der verlässlich? Kann man ihm vertrauen? Der Zweibeiner geht also mit dem Vierbeiner an der Leine den Feldrain entlang. Bleibt dann stehen. In diesem Moment pfeift er zum Beispiel mit der Hundepfeife. Aha, denkt der Hund, immer wenn er stehen bleibt, pfeift er. Seltsame Gewohnheit. Aber ich setze mich dann erst mal hin.

Für jemand, der das sogenannte „Stop!“-Konzept als Trainingsgrundlage hochhält, legt Ulv Philipper selbst ein eher ungewöhnliches Verhalten an den Tag. Er ist kaum zu stoppen in seinem Redefluss, nur mit Mühe zu bremsen in seinem wortreichen Anrennen gegen die ehernen Dogmen und Scheingewiss­heiten der klassischen Hundeerziehung. Es sprudelt nur so heraus aus dem Hundeflüsterer, der bei Lichte betrachtet kein Hundetrainer, sondern in erster Linie ein Menschenaufklärer ist: „Beide, Mensch und Hund, sind in größtem Maße vergleichbar. Beide sind Säugetiere, beide leben in sozialen, familien­ähnlichen Verbänden, gehen darin tiefe Verbindungen miteinander ein, beide lieben Routinen und Gewohnheiten, weil sie dann ihre Gehirne nicht mit immer neuen Analysen anstrengen müssen. Beide sind freiheitsliebend und hassen Fremdbestimmung. Beide teilen auch das größte Antriebsmotiv aller sozialen Säugetiere: das Vertrauen und die Anerkennung des Gegenübers zu erlangen.“ Jetzt mal im Vertrauen: Ist das nicht absurd, Zwei- und Vierbeiner derart auf eine Vergleichsstufe zu stellen? „Keineswegs“, kontert Philipper, „zu vergleichen bedeutet längst nicht gleichmachen.“

<p>Vertrauen statt Hunde­leine: Ulv Philipper setzt traditionelle Denkmuster außer Kraft – auch am Konferenztisch.</p>

Vertrauen statt Hunde­leine: Ulv Philipper setzt traditionelle Denkmuster außer Kraft – auch am Konferenztisch.

Und setzt den Vergleich fort: „Der Hund ist wie der Mensch ein ebenfalls auf Energieeffizienz ausgerichtetes soziales Säugetier“, erklärt Philipper. „Wozu Energie verschwenden und sinnlos weiterlaufen? Er hat ja die Sicherheit, dass das, was ich als seine Führungsperson tue, für ihn voll in Ordnung ist.“ Kurz: Philippers „Dog-Ma“ setzt darauf, dass das Verhalten des Zweibeiners für einen gut gefütterten Haushund viel interessanter ist als die nun wirklich nicht überlebensnotwendige Hasenjagd. Oder anders: „Sowohl Hunde als auch Menschen ­beobachten stets sehr genau das Verhalten ihrer Führungspersonen. Stellen die ihr Verhalten um, stellen auch Hund oder Mitarbeiter ihr Verhalten um.“ Eben darum arbeitet Philipper mit Hunde­haltern und Menschenführern vorwiegend im Seminarraum – und nicht in freier Wildbahn.

Ulv Philippers neue Sichtweise des Hund-Mensch-Verhältnisses erinnert in Ansätzen an den physikalischen Paradigmenwechsel vom Newton’schen Gravitationsgesetz zur Einstein’schen Relativitäts­theorie. Sie ist starker Tobak für Generationen von Hundehaltern und Hundetrainern und deren vermeintliche Gewissheiten der Vierbeiner-Erziehung: Den dummen Hund bloß nie vermenschlichen; der rein instinktgeleitete Wolfsabkömmling ist ein Rudeltier, das dem Rudelführer – auch dem auf zwei Beinen – auf Befehl gehorchen muss. Befehl, Kommandos, Anweisungen, Gehorsam! Bei diesen Begriffen stellen sich Ulv Philipper die Nackenhaare auf. „So etwas funktioniert beim Militär, aber auch nur beim Militär“, sagt der frühere Bundeswehr-­Zeitsoldat und Soldaten-Ausbilder.

Schon vor einem halben Leben, im Alter von 26 Jahren, ist der Ingenieur und Berufsfotograf auf den ersten eigenen Hund gekommen. Und förderte dabei offenbar Erkenntnisse über diesen vierbeinigen Begleiter zutage, wie jener eingebuddelte Knochen aus dem Gartenboden. Zum Beispiel folgende: Ein Hund will wie ein Mensch zum Familien- oder Organisations­verband dazugehören, sich integrieren. Er sucht Sicherheit, Verlässlichkeit, Anerkennung und Vertrauen, danach richtet er auch sein Verhalten aus. Wobei Zuverlässigkeit des Führenden und Vertrauen in Philippers Welt ein untrennbares Zwillingspaar bilden: „Vertrauen heißt ja, sich nicht ständig selbst entscheiden zu müssen, sondern überzeugt zu sein von der Richtigkeit der Entscheidung der Führungsperson. Die muss natürlich dann auch Entscheidungen treffen, darf sich nicht darum herumdrücken.“

Alles eine Frage der Perspektive aufs jeweilige Gegenüber – sei es nun ein Lebewesen am anderen Ende der Hundeleine oder vis-à-vis am Konferenztisch. Philipper hält für Hunde- wie für Menschen­führer dieselbe Botschaft bereit: „Kommandostrukturen mit ihren auf Macht basierten Hierarchien ignorieren Bedürfnisse nach Sicherheit und Vertrauen. Sie rechtfertigen jegliche Form der Unterdrückung, der Nicht-Gleichbehandlung.“ In einer Vertrauenskultur hingegen gebe es Wahlfreiheit statt Begrenzung durch Vorgabe und Aufforderung, Anerkennung statt Belohnung durch Leckerli oder Boni.

Um das zu lernen, pilgern Hunde- und Menschen-Vorgesetzte zu Philipper ins westfälische Lippetal. Überwiegend kommen die Hundehalter übrigens ohne ihre Vierbeiner, weil sie vor allem etwas über sich selbst erfahren sollen, und damit eher indirekt etwas über den oft beklagten „Ungehorsam“ ihrer Vierbeiner. Aber wenn diese Ungehorsamen noch nicht mal „gehorchen“ wollen, wieso sollen sie dann „grenzenlose Freiheit“ erfahren? Ohne Grenzziehungen durch Anweisung und Kontrolle schlägt doch jeder Hund und auch jeder Mensch gerne mal über die Stränge. „Weit gefehlt“, weist Philipper auch dieses offenbar weitgehend unhinterfragte Begrenzungsdogma der Hunde- und Menschenführung zurück. „Nicht Begrenzung, sondern Überzeugung führt. Zuverlässigkeit bereitet den Boden für bereitwillige Begleitung.“

Wer versuche, Hund oder Mensch in seinen Entscheidungen einzuengen durch Forderungen, was der alternativlos auszuführen und was bitteschön zu unterlassen habe, dürfe sich über die umkehrpsychologisch gesehen „kleinen Fluchten“ der Befehlsempfänger nicht wundern: Hier ein von Hundezähnen zerfetztes Wohnzimmersofa, dort Mitarbeiterdienst nach Vorschrift, Schummelei oder Unterschlagung – so sind sie eben, die Säugetiere. Ob kleine Flucht oder großer Ausbruch aus dem Korsett des Begrenzers – „wenn das Vertrauen fehlt, geht es immer darum, die kurzfristigen Nischen der Ohnmacht des Kontrolleurs auszunutzen und sie ihm auf eine etwas hinterhältige Art zu demonstrieren“, sagt Philipper.

Während seine Hündin Bliss schwanzwedelnd ins Haus zurückmarschiert und nicht den geringsten Verdacht aufkommen lässt, sie könne es ihm auch mal so richtig heimzahlen wollen, sitzt Ulv Philipper bei seinen Seminarkunden, die nicht Hunde, sondern Mitarbeiter führen sollen. Die kommen aus der Finanz­wirtschaft, auch aus schnell gewachsenen IT- und Kreativunternehmen, die professionelle Managementstrukturen etablieren möchten. Auch da, sagt der Hunde- und Menschencoach, gehe es häufig um Probleme des Nichtverstehens der Bedürfnisse des Gegenübers: „Zum Beispiel um die implizite Annahme, dass Mitarbeiter im Wesentlichen dumm, faul und destruktiv seien.“

Was natürlich ein ebenso falsches Menschenbild sei wie jenes vorurteils­behaftete Hundebild, einen vom Jagdinstinkt gesteuerten, ungehorsamen, infantilen Befehlsempfänger auf vier Beinen mit Kommandos, Zuckerbrot (Leckerlis) und Peitsche (Bestrafung) auf Trab bringen oder Einhalt gebieten zu können. Ob Hund, ob Mensch – beide funktionieren nach der Philipper-Philosophie vielmehr so: „Aufforderung tötet die Bereitschaft zur Begleitung. Anerkennung und Vertrauen fördern sie.“

Bildnachweis: Marcus Simaitis, Murmann Verlag (4), PR

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