Interview

„Ich habe sehr feine Antennen“

Mit Absicht zu viel Licht: Saliya Kahawattes Sehkraft liegt bei nur fünf Prozent – für ihn hat der Begriff „blindes Vertrauen“ daher eine besondere Bedeutung.

Sie haben über viele Jahre hinweg, während Ihrer Ausbildung und Berufstätigkeit im Gastronomiegewerbe, Ihre Sehbehinderung verschwiegen. Wäre es nicht einfacher gewesen, sich Unterstützung aus Ihrem Arbeitsumfeld zu holen?
Wenn Sie in Deutschland eine Behinderung haben und im ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen wollen, dann müssen Sie die Behinderung offenlegen. Damit geht meist einher, dass Sie gar nicht erst eingestellt werden. Wenn Sie also Ihrem Arbeitgeber die Behinderung zunächst verschweigen, sie dann später aber offenbaren, wäre das ein Kündigungsgrund.

Welchem Ihrer Sinne vertrauen Sie am meisten?
Ich glaube, das ist die Intuition, das Bauchgefühl. Sehr wichtig ist dabei mein Gehör. Ich kann vieles an der Stimme, der Tonalität, der Lautstärke meines Gegenübers über seinen Charakter heraushören. Die Stimme ist der Handschuh der Seele. Die Energie, die ein Normalsehender fürs Erfassen und Verarbeiten optischer Signale aufwendet, die kann ich ganz und gar ins Hin- und Zuhören investieren.

Das heißt, Sie können etwas erspüren, etwas heraushören, was normal Sehende vielleicht nicht erkennen können?
Ich denke, ich habe sehr feine Antennen. Wer sieht, lässt sich schon mal durch Körpersprache, Mimik, Gestik und sonstige optische Reize ablenken und ­leiten. Auch in die falsche Richtung. Das gibt es bei mir nicht. Ich kann mich viel intensiver mit dem Charakter der Person beschäftigen, egal ob es sich um eine schöne oder nicht so schöne Frau handelt, ob der Mann eine teure Uhr trägt oder gar keine. Durch so etwas lasse ich mich nicht ablenken.

Sie sagten einmal: Das meiste sehe ich mit den Händen. Was „sehen“ Sie damit?
Meine Hände waren früher in der Hotellerie für mich viel entscheidender als heute. Tische eindecken, Gläser füllen, Gestecke arrangieren – das ging alles vor allem übers Fühlen. Heute sind diese haptischen Fähigkeiten für mich nicht mehr ganz so wichtig. Ich glaube, von mir behaupten zu können, dass ich ein hörendes Herz habe und dadurch besseren Zugang zu meinem Gegenüber finde.

Wie ist es als Blinder, sehenden Menschen zu vertrauen? Wie stellen Sie Vertrauen zu sehenden Menschen her?
Das Vertrauen finde ich einzig über die Stimme meines Gegenübers. Es ist mein individueller Zugang zum Wesenskern meines Gesprächspartners. Dazu kommen noch weitere Informationsfacetten wie Ausstrahlung und Flair, im Idealfall auch noch Charisma, was jedoch selten geworden ist.

Mit welchen Problemen und Fragen kommen die Menschen zu Ihnen als Coach, um sich gerade Ihnen anzuvertrauen?
Ich nähere mich ihnen wohl anders als normal Sehende. Mein Makel ist, wenn Sie so wollen, mein Markenzeichen. Und meine Berufung. Wie gesagt, von optischen Reizen kann ich mich nicht blenden lassen. Zu mir kommen vor allem Führungskräfte, die den etwas anderen Coach mit seinem etwas anderen Feedback suchen. Dabei geht es vorwiegend um zwischenmenschliche und berufliche Probleme und um die Wechselwirkungen zwischen Privatleben und Beruf. Ich höre immer wieder von meinen Klienten, dass sie erstaunt sind, wie schnell ich den Wesenskern meines Gegenübers erfasse. Die meisten Menschen suchen bei mir Rat für den Umgang mit Herausforderungen, Veränderungen, Krisen und fragen sozusagen einen Blinden nach dem richtigen Lebensweg.

Was lernen Sehende bei einem blinden Berater konkret?
Sehende lernen von mir, die Welt durch meine etwas anderen Sinne zu erfassen, und stoßen dabei auf neue Eindrücke und Erkenntnisse, die sie für ihr eigenes Leben sinnvoll nutzen können. Meine Kunden lernen, mehr darauf zu achten, was jemand und besonders wie er etwas sagt. Meine Mandanten sprechen zudem von der neu erlernten Fähigkeit des Hinhörens, nachdem sie mit mir gearbeitet haben.

Wie hilft Ihnen dabei Ihre Behinderung, den Wesenskern von Problemen schneller zu erfassen und Lösungen daraus abzuleiten?
In meiner Arbeit als Coach habe ich ein auditives Analyseverfahren entwickelt, das aus 26 Leitfragen und jeweils drei Antwortmöglichkeiten besteht. In der Art, wie die Mandanten auf diese Fragen antworten, leite ich Potenziale, Stärken, Schwächen und Gefahren ab. Im zweiten Schritt kann ich mit dem Mandanten individuelle Lösungswege unter Einbeziehung der Potenziale und Stärken erarbeiten. Das Verfahren wird bislang nur von mir angewendet. Meine Kunden vertrauen dieser ungewöhnlichen Vorgehensweise und kommen gerade deswegen zu mir.

Gibt es für Sie im übertragenen Sinne so etwas wie „blindes Vertrauen“?
Wenn ich einem Menschen einmal mein Vertrauen über die Stimme schenken durfte, dann bleibt es in der Regel dabei. Es dauert zwar länger, bis ich Vertrauen auf meine Art finde, ist aber sehr nachhaltig.

Wurde Ihr „blindes Vertrauen“ auch schon einmal missbraucht?
Mein Vertrauen wurde schon oft missbraucht. Das begann bereits, als ich 19 Jahre alt war und mir mein Vater seine Reiseagentur überschrieben hat. Da war ich dann über Nacht Besitzer eines Unternehmens, das mit 250.000 D-Mark überschuldet war. Und vor 15 Jahren hatte ich eine Lebensgefährtin, die mir alle meine Geschäftskonten abgeräumt hat. Das war hart. Aber ich habe daraus gelernt. Mittlerweile gebe ich meine Girocard nicht mehr einfach so an jemanden weiter. Auch unterschreibe ich nichts mehr ohne ­Weiteres, ohne genaue Prüfung. Außerdem habe ich zum Glück inzwischen fünf fest angestellte und 14 freie Mitarbeiter, die sich für mich um solche Dinge kümmern.

Bildnachweis: dominic dibbs/Alamy Stock Photo, ChinaFotoPress/GettyImages, UniversalImagesGroup/GettyImages, Universal Pictures/GettyImages, Dan Istiten/GettyImages, chrisstockphotography/Alamy Stock Photo, Thomas Niedermueller/Life Ball 2015/GettyImages, dpa steiff/Picture-Alliance, Art Media/Heritage Images/GettyImages, Esch-Kenkel Pictorial Press Ltd/Alamy Stock Photo

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