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Wenn der Prüfer zweimal klingelt

Preisfrage: Was haben die steuerliche Betriebsprüfung und ein Besuch beim Zahnarzt gemeinsam? Antwort: Beides ist nach einer gewissen Zeit zumeist unvermeidlich. Und weder das eine noch das andere ist in der Regel wirklich angenehm. Und noch eine dritte Gemeinsamkeit gibt es: Während die Zahntechnik sich ständig weiterentwickelt, unterliegt die Betriebsprüfung ebenfalls gewissen Trends, die nicht zuletzt aktuellen Entwicklungen wie der Internatio­nalisierung und Digitalisierung, aber auch Veränderungen in Rechts­prechung, Verwaltungsauffassung und Gesetzgebung geschuldet sind.

Wie sich zentrale inhaltliche Schwerpunkte von Betriebsprüfungen seit fünf Jahren verschoben haben, offenbart die aktuelle Studie „Betriebsprüfung 2015“ von PwC Deutschland. Die überwiegende Anzahl der im Rahmen der Studie befragten mehr als 200 Unternehmen wurden entweder zum Befragungszeitpunkt oder im vorherigen Jahr einer Betriebsprüfung unterzogen. Generelle Erkenntnis: Großunternehmen sind einer höheren Prüfungshäufigkeit und -intensität unterworfen als kleinere Unternehmen. Während im Mittelstand nur vier von zehn Unternehmen aktuell geprüft werden, findet bei den Großunternehmen in neun von zehn Fällen, also mehr als doppelt so häufig, eine Betriebsprüfung statt.

Gleichzeitig verursachen Betriebsprüfungen heute durchweg einen höheren Aufwand als noch vor fünf Jahren. Und das, obwohl die Digitalisierung der Betriebsprüfungen zunimmt und der digitale Datenzugriff durch den Betriebsprüfer zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Die Finanzbehörden schauen offensichtlich immer genauer hin. Für die Unternehmen bedeutet das in der Regel: mehr Aufwand, mehr Kosten, mehr Steuern.

So verlangten die Finanzbehörden bei neun von zehn Unternehmen nach Betriebsprüfungen Nachzahlungen bei den Ertragsteuern. Fast alle mitarbeiterstärkeren Großunternehmen mit wenigstens 2.000 Mitarbeitern in Deutschland mussten nach der letzten abgeschlossenen Betriebsprüfung erhebliche Anpassungen der Steuerfestsetzung hinnehmen. Bei den kleineren Mittelständlern mit weniger als 500 Beschäftigten waren es immerhin noch 75 Prozent. Für die meisten Unternehmen, die bei den Ertragsteuern Mehrsteuern zu zahlen hatten, bedeutete dies eine erhebliche finanzielle Belastung. Die festgesetzten Mehrsteuern resultierten bei vier von fünf Unternehmen aus Anpassungen der steuerlichen Bemessungsgrundlage zwischen verschiedenen Besteuerungszeiträumen, allerdings ohne Auswirkung auf die effektive Steuerquote.

Die ertragsteuerliche Mehrbelastung nach der Betriebsprüfung lag bei der Mehrheit der Unternehmen zwischen 11 und 49 Prozent. Nur in jedem zwanzigsten Fall ging es auch um Mindersteuern. Unter den Großunternehmen gelang es tatsächlich jedem zehnten – nicht zuletzt durch die Tätigkeiten der eigenen Steuerabteilungen –, nach der Betriebsprüfung Steuerrückzahlungen zu erreichen. „Je größer Unternehmen sind und je stärker sie international agieren, umso schwieriger sind die steuerlichen Sachverhalte zu beurteilen“, sagt Arne Schnitger, Partner und Steuerexperte bei PwC Deutschland. Dies könnte erklären, dass die international aufgestellten Unternehmen wesentlich häufiger als die ausschließlich national in Deutschland agierenden Unternehmen Ertragsteuern nachzahlen mussten. Schnitger: „Die gute Nachricht ist: Je mehr sich Unternehmen proaktiv mit dem Thema befassen, desto weniger Mehrsteuern fallen an.“

Rückstellungen sind das prüfrelevanteste Thema bei den Ertragsteuern. Bei 81 Prozent der Unternehmen drehte sich die jüngste Betriebsprüfung darum, insbesondere bei den umsatzstärkeren Unternehmen mit mindestens einer halben Milliarde Euro Umsatz pro Jahr. Daneben spielt auch die Bewertung von aktiven Wirtschaftsgütern eine große Rolle. In den von Deutschland aus geführten international aufgestellten Großunternehmen nehmen die Prüfer dieses Thema stärker unter die Lupe (70 %) als bei den Unternehmen, die aus dem Ausland gesteuert werden (53 %). Diese wiederum sind im Vergleich verstärkt Prüfungen mit Bezug auf die Verrechnungspreise ausgesetzt. „Diese Entwicklung ist dem Kampf der Staaten um den Steuerkuchen geschuldet. Deutschland versucht, steuerlich einen höheren Anteil am Gewinn der Unternehmen durchzusetzen“, beobachtet Roman Dawid, Partner und Steuerexperte für Verrechnungspreise bei PwC Deutschland. Dabei wissen die Prüfer genau, wo sie schnell fündig werden können. „Bei den Rückstellungen gibt es die meisten Sondervorschriften. Daher ist für die Prüfer hier mehr zu finden und zu holen.“

Auch Themen wie die Zulässigkeit von Wertberichtigungen und der Aufwand aus Bewirtung oder Geschenken (40 %) sind zunehmend prüfungsrelevant. Bei den Wertberichtigungen sind Unternehmen aller Größenordnungen gleichermaßen betroffen. „Die sorgfältige Dokumentation von vorgenommenen Wertberichtigungen spart bei Betriebsprüfungen Zeit und Geld“, rät Professor Tobias Taetzner, Steuerexperte bei PwC, Unternehmen zu mehr Eigeninitiative. Mit unterschiedlicher Intensität je nach Umsatzstärke und Betriebsgröße gehen die Prüfer dagegen bei den Bewirtungskosten vor: Während jedes zweite Großunternehmen mit mindestens 5.000 Mitarbeitern einer Prüfung der Bewirtungsaufwendungen unterzogen wird (52 %), gilt das nur für gut jedes dritte kleinere Unternehmen (36 %).

Ein Feld, in dem schon kleinste Fehler große Auswirkungen haben können, rückt ebenfalls verstärkt in den Fokus der Unternehmen: Der Bereich Tax Compliance nimmt inzwischen einen wesentlich höheren Stellenwert ein als noch vor fünf Jahren. Längst hat auch der Megatrend Digitalisierung bei der Betriebsprüfung Einzug gehalten. Laut der PwC-Studie erfolgt der Datenzugriff bereits in 87 Prozent der Fälle auf digitalem Weg. Bei Unternehmen ab 2.000 Mitarbeitern liegt die Quote sogar bei 95 Prozent. Erstaunlicherweise hat sich der Aufwand der Betriebsprüfungen heute dennoch deutlicher als in den vergangenen fünf Jahren erhöht, wie insbesondere Unternehmen mit mehr als 2.000 Mitarbeitern feststellen. Ein auffälliger Trend ist zudem der grenzüberschreitende Informationsaustausch. Bereits jedes vierte Unternehmen war während der vergangenen Prüfungen von einem solchen Austausch mit ausländischen Steuerbehörden (zumeist Auskunftsersuchen) betroffen.

Durchweg empfinden die Unternehmen die Atmosphäre während der Betriebsprüfung als „sachorientiert“ oder „sachlich-neutral“, die Hälfte der Befragten sogar als „freundlich-entspannt“. Aber nicht alle erleben das so: Jede siebte Betriebsprüfung verläuft laut PwC-Studie in angespannter, aggressiver oder sogar feindseliger Stimmung. „Die Sachorientierung scheint am stärksten dort ausgeprägt, wo auch auf betrieblicher Seite Steuerspezialisten am Werk sind: in den Großunternehmen mit Steuerabteilungen, in denen mehr als fünf Vollzeitkräfte arbeiten“, sagt PwC-Steuerexperte Arne Schnitger. „Hier begegnet man sich offenbar eher auf Augenhöhe oder es gibt einen stärkeren Austausch mit den Finanzbeamten als im Mittelstand.“

Bildnachweis: David Mc Glynn/GettyImages, Ilbusca/Istockfoto, filbyfilm/GettyImages, PR (3)

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