Schutzengel aus der Cloud

Feuerwehr und Krankenwagen rasten zur Unfallstelle. Eine Oberklassen-Limousine, so der Alarmruf aus der Service-Zentrale des Herstellers, war im Kölner Stadtteil Deutz in einen schweren Unfall verwickelt. Als die Retter mithilfe der übermittelten GPS-Daten an der vermeintlichen Unfallstelle ankamen, fanden sie aber keine Verletzten. Der Aufprall war zwar heftig gewesen, aber inszeniert. Ingenieure der Crash-Anlage des TÜV Rheinland hatten lediglich vergessen, das ins Auto eingebaute Alarmsystem abzuschalten.

Szenen wie die in der Domstadt könnten sich häufen – dann aber wirklich Leben retten. Bis Ende März 2018 müssen in allen neuen Modellen von PKWs und leichten Nutzfahrzeugen Notrufgeräte installiert sein, die bei Unfällen automatisch Rettungsdienste alarmieren. Mit „eCall“ soll die Zahl der Unfalltoten in der EU jährlich um rund 2.600 sinken, weil Retter den Unfallort schneller erreichen.

Dieses bordeigene Notrufsystem wird das Geschäftsmodell von Autoherstellern, Zulieferern und Diensteanbietern verändern. Denn „eCall“ liefert nicht nur die für Retter relevanten Informationen darüber, an welcher Stelle und in welcher Fahrtrichtung der Unfall passiert ist, wie viele Passagiere an Bord waren und ob sich das Auto überschlagen hat. Die neue Technik, deren Infrastruktur bereits ab Oktober 2017 bereitstehen soll, schafft auch die Basis für eine Vielzahl neuer internetbasierter Angebote. Sie ergänzen die bereits heute existierenden Fahrerassistenzsysteme. „Über zusätzliche Sensoren für eCall wird die technologische Infrastruktur der Fahrzeuge so aufgerüstet, dass sie auch leichter für weitere Dienste nutzbar ist“, erläutert Felix Kuhnert, Automotive Leader bei PwC in Deutschland und Europa. „Es wäre doch schade, wenn man die Technik lediglich bei einem Unfall nutzt“, bekräftigt ein Sprecher des Autozulieferers Continental AG, der für die eCall-Funktion Steuergeräte und Antennen liefert.

Schon 2016 wird das Geschäft mit Connected-Car-Anwendungen rund 40 Milliarden Euro umfassen, prognostiziert eine Studie, die Strategy&, das globale Strategieberatungsteam von PwC, gemeinsam mit dem Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach erarbeitet hat. Bis 2021 soll sich das Geschäft auf 123 Milliarden Euro mehr als verdreifachen. Für die deutschen Hersteller geht es nicht zuletzt darum, „künftiges Geschäft nicht allein Datenstaubsaugern wie Google, Apple & Co. zu überlassen“, betont PwC-Experte Kuhnert.

Der Löwenanteil wird laut Studie auf digitale Anwendungen entfallen, die mit Sicherheitsaspekten zu tun haben. Alle Hersteller zusammen erwirtschaften damit 2016 bereits rund 15 Milliarden Euro. Kameras unterstützen den Fahrer beim Rückwärtsfahren. Sie scannen Fahrbahnmarkierungen und halten das Auto in der Spur. Radarsysteme leuchten den „toten Winkel“ beim Spurwechsel aus. Laser messen den Abstand zum vorausfahrenden Auto und helfen damit, Auffahrunfälle zu vermeiden. Käufer des neuesten VW-Passat können sich bereits mit dem „Emergency Assist“ gegen einen Blackout am Steuer versichern. Wenn der Fahrer wegen eines medizinischen Notfalls nicht mehr auf Warnsignale reagiert, bringt das System das Auto kontrolliert zum Stillstand.

Künftig sollen auch Geisterfahrer ihren Schrecken verlieren. Sie lösen jährlich rund 2.000 Warnungen im Radio aus, die häufig dennoch zu spät kommen. Der Stuttgarter Zulieferer Robert Bosch GmbH entwickelt nun „den Schutzengel aus der Datencloud“, berichtet Geschäftsführer Dirk Hoheisel. Schon 2016 soll ein Software-Modul serienreif sein, das die tatsächliche Bewegung des Fahrzeugs ständig mit den erlaubten Fahrtrichtungen vergleicht, die in einer webbasierten Datenbank hinterlegt sind. Bei Abweichungen alarmiert das System den Fahrer und gleichzeitig entgegenkommende Autos. „Je mehr Fahrzeuge miteinander vernetzt sind, desto engmaschiger ist das unsichtbare Sicherheitsnetz“, heißt es bei Bosch, „und umso vollständiger kann vor Falschfahrern gewarnt werden.“

Noch zwei Jahre Zeit gibt sich Bosch, um auch die Sicherheit von Fußgängern zu verbessern. Ein neuer Assistent berechnet dafür in brenzligen Situationen eine Ausweichroute, wenn sich ein Zusammenstoß mit einem plötzlich vor der Kühlerhaube auftauchenden Passanten allein durch Bremsen nicht mehr verhindern lässt.

Zusätzliche Umsätze versprechen aber auch Angebote, die das Fahren komfortabler, sparsamer oder unterhaltsamer machen. Je mehr Funktionen das Auto übernimmt, desto mehr Zeit bleibt dem Fahrer für andere Aufgaben. Schon 2017 werden vier von fünf Neuwagen einen Internetanschluss haben, erwartet der Verband der Automobilindustrie (VDA). „Bis 2020 machen wir jedes unserer neuen Autos zum rollenden Smartphone“, hatte der über die Dieselaffäre gestürzte VW-Chef Martin Winterkorn auf der letztjährigen Inter-nationalen Automobilausstellung bereits angekündigt.

„Das Smartphone wird zum Dreh- und Angelpunkt der Mobilität“, erwartet Robert Henrich, Geschäftsführer der Moovel Group GmbH. Die Daimler-Tochter bietet eine App, die für eine Verbindung zwischen zwei Orten nicht nur alle relevanten Verkehrsmöglichkeiten nennt, sondern mit der sich auch die benötigten Fahrscheine buchen und bezahlen lassen. Nutzer sollen damit aus dem Angebot des öffentlichen Personennahverkehrs, der Carsharing- und Fahrradverleihfirmen, Taxizentralen, Mietwagenanbieter und Fernbuslinien ihre bevorzugte Route zusammenstellen können. Nach dem Start in Stuttgart soll die App 2016 in weiteren deutschen Städten und international eingeführt werden.

Lösungen wie diese werden nicht nur die Fahrzeugmiete beeinflussen. Wichtiger noch: „In-Car-Technologien und Entertainment-Angebote werden zunehmend ein wichtiges Kriterium bei der Kaufentscheidung“, analysiert Eduard Scholl von der Berliner Unternehmensberatung Goldmedia, „dabei ist Musikstreaming inzwischen das meistgewünschte Feature im vernetzten Auto.“

Um Autobauern eine Alternative zu Googles „Android Auto“ und Car Play von Apple zu bieten, prescht Zulieferer Bosch mit My Spin auf den Markt. Damit lässt sich das eigene Smartphone direkt mit dem Touchscreen des Fahrzeugs verbinden, sodass alle eigenen Apps im Fahrzeug zur Verfügung stehen, ohne für deren Nutzung das Gerät in die Hand nehmen zu müssen. Erstkunde Jaguar Land Rover hat das Produkt bislang in 18 Ländern eingeführt. Bosch ist mit weiteren europäischen und asiatischen Autoherstellern im Gespräch. Das System kann umgehend in 156 Ländern eingeführt werden.

Wohin die digitale Reise geht, deutet BMW mit seinem „Remote Valet Parking Assistant“ an. Das zunächst in ein BMW-i3-Forschungsfahrzeug gepackte System erlaubt es, das Auto vollautomatisch in einem Parkhaus abzustellen und wieder herausfahren zu lassen. Der ausgestiegene Fahrer kommandiert sein Ge-fährt dafür mittels einer Smartwatch, die ihn per App mit dem Auto verbindet. Einen freien Parkplatz sucht das Auto mithilfe eines digitalen Lageplans und vier Laserscannern, die es unfallfrei um Pfeiler und Mauern herumnavigieren.

„Über zusätzliche Sensoren wird die technologische Infrastruktur der Fahrzeuge so aufgerüstet, dass sie leichter für weitere Dienste nutzbar ist.“

Felix Kuhnert, Automotive Leader bei PwC in Deutschland und Europa

Dass dies mehr ist als technische Spielerei, zeigt der Münchner Autobauer in seinem Top-Modell: Der aktuelle 7er-BMW kann allein in eine Garage oder enge Parklücken einparken. Dabei helfen vier winzige Kameras, die mit sich überlappenden Öffnungswinkeln von jeweils 190 Grad das gesamte Umfeld des Fahrzeugs abbilden. Zusätzlich messen Ultraschallsensoren die Entfernung zu Hindernissen, um Kollisionen beim Einparken zu vermeiden.

Die Akzeptanz für solche unterstützende Systeme wächst. Beim Bremsen und Ausweichen ist es heute selbstverständlich, dass Elektronik per ABS und ESP bei blockierenden Rädern eingreift oder das ins Schleudern geratene Auto abfängt. Über die Weiter- und Neuentwicklung von Fahrerassistenzsystemen, betont Autozulieferer Bertrandt AG, wird bereits ein gradueller Übergang zum autonomen Fahren erreicht. Immerhin sind nach der Mobilitätsstudie 2015 von Continental 68 Prozent der befragten deutschen Autofahrer überzeugt, dass sie automatisiertes Fahren „in monotonen oder stressigen Fahrsituationen entlastet“. 63 Prozent sind sicher, dass sich damit auch „schwere Unfälle verhindern“ lassen.

Der elektronische Horizont („eHorizon“) von Continental ist bereits seit 2012 in Scania-LKWs unterwegs. Er nutzt einprogrammierte Daten zum Höhenprofil der Strecke, um vorausschauend zu schalten, zu beschleunigen oder zu bremsen. Pro LKW und Jahr spart ein Flottenbetreiber damit rund 1.500 Liter Diesel, rechnet Continental vor. In seiner dynamischen Variante wird der elektronische Horizont künftig noch mehr können – und quasi um die Ecke schauen. Möglich wird dies mit einem Mobilfunkmodul, das auch Informationen über gefahrene Kurvenradien, die aktuelle Verkehrsdichte und temporäre Geschwindigkeitsbeschränkungen für das eigene Fahrzeug nutzt, diese aber auch für die Cloud zur Verfügung stellt.

Rund 20.000 Testkilometer in den USA und Deutschland – beispielsweise auf der A8 zwischen Stuttgart und Ulm – hat inzwischen ein Daimler-Actros-LKW mit dem sogenannten „Highway Pilot“ zurückgelegt. Frontradar und Stereokamera sowie Assistenzsysteme wie der Abstandsregeltempomat ermöglichen es dem Laster, teilautonom über die Autobahn zu rauschen. Daimler verweist darauf, dass die Fahrer weniger Stress haben und die LKWs durch optimales Schalten, Beschleunigen und Bremsen bis zu fünf Prozent weniger Diesel schlucken und entsprechend weniger CO2 ausspucken.

Was im LKW funktioniert, werde sich Schritt für Schritt auch im PKW durchsetzen, ist man bei Continental überzeugt. So halten weiterentwickelte PKW-Tempomaten beispielsweise nicht mehr stur die eingestellte Geschwindigkeit ein, sondern passen das Tempo an, wenn der Fahrer eine Autobahnausfahrt ansteuert.

Ein paar Hausaufgaben in puncto Sicherheit müssen Autobauer und Zulieferer aber noch erledigen. Schon mehrfach wurden mit dem Internet verknüpfte Autos gehackt. Fiat Chrysler musste im Sommer 2015 rund 1,4 Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten rufen, nachdem Hacker die Kontrolle über einen Jeep Cherokee übernommen hatten. Nachdem wenig später ein Hacker einen Chevrolet Volt entriegeln und sogar den Motor starten konnte, ist auch die Konzernmutter General Motors (GM) sensibilisiert: Seit September 2015 bietet GM den Online- und Service-Assistenten On Star auch in Opel-Fahrzeugen an. Der bordeigene W-Lan-Hotspot kann von bis zu sieben mobilen Endgeräten gleichzeitig genutzt werden, um Musik zu streamen, online Filme zu sehen oder über Video zu chatten. Freilich: Nach dem Hacker-Angriff auf den Chevrolet ist GM mit Hochdruck dabei, Sicherheitslücken zu schließen. Opel-Chef Karl-Thomas Neumann sagte, man werde in den nächsten zehn Jahren absolut sichere Systeme schaffen.

Es geht wohl kaum anders. Beim virtuellen Einbruch in ein Fahrzeugmodell droht laut PwC-Fachmann Kuhnert nichts weniger als „ein enormer Reputationsverlust und eine Beschädigung der Marke, die gerade für Autohersteller ein extrem hohes Gut ist“.

Bildnachweis: Creatas Video/GettyImages (2), one80/GettyImages (2), Juffin/Istockfoto, PR

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