Interview

„2016 wird kein Erfolgsjahr“

Herr Winkeljohann, wie ist derzeit die Stimmung unter den CEOs weltweit?
Bei den Prognosen für 2016 herrscht weltweit große Einigkeit: Es wird kein Erfolgsjahr. Nur noch 27 Prozent der Top-Manager glauben, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr wachsen wird; das sind zehn Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Groß­konzerne und kleinere Unternehmen beobachten mit Sorge, dass geo­politische Auseinandersetzungen zunehmen, die staatliche Über­regulierung sich ausweitet und Währungs­schwankungen die Exporte erschweren, letzteres vor allem bedingt durch die Ent­wicklung des Ölpreises und die wirtschaftliche Situation Chinas. Darüber hinaus verunsichert viele die Geschwindigkeit von Veränderungen durch neue Technologien und die zunehmen­de Cyber-Kriminalität. In Summe sehen 66 Prozent der Top-Mana­ger mehr Gefahren für Wachstum als vor drei Jahren, das sind sieben Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.

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Wie sieht die Stimmungslage bei deutschen Vorstandschefs aus?
In den deutschen Chefetagen herrscht zumindest größere Klarheit als im vergangenen Jahr: Damals gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, die Weltwirtschaft werde mehr oder weniger stabil bleiben, waren also eher unentschieden in ihrer Einschätzung. Nun sehen wir mit 40 Prozent zwar mehr Optimisten, aber auch doppelt so viele Pessimisten wie im Vorjahr: 24 Prozent der deutschen Manager erwarten eine schrumpfende Weltwirtschaft.

Wie beurteilen die deutschen Vorstandschefs das Jahr 2016 im Hinblick auf die wirtschaftliche Lage des eigenen Unternehmens?
Nur noch 28 Prozent der deutschen Manager rechnen für dieses Jahr damit, dass ihr Unternehmen Wachstum erzielen wird. Das sind sieben Prozentpunkte weniger als im Vorjahr und im aktuellen Vergleich zum Durchschnitt weltweit. Nur die Schweizer Manager sind weltweit noch pessimistischer als ihre deutschen Kollegen.

Wir gehen also schwierigen Zeiten entgegen?
Wir sind mittendrin in den schwierigen Zeiten, und das wird sich in diesem Jahr nicht ändern. Mittelfristig sind die deutschen Manager aber etwas optimistischer.

Was bedeutet das konkret?
Zwar sehen 60 Prozent der deutschen Manager mittelfristig mehr Risiken für Wachstum als vor drei Jahren, aber das sind immerhin zehn Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Für die nächsten drei Jahre sind 45 Prozent der deutschen Manager sehr zuversichtlich, Wachstum für das eigene Unternehmen erzielen zu können. Angesichts all der Veränderungen und Unsicherheiten ist das ein Lichtblick, aber auch nicht mehr. Die Top-Manager weltweit setzen nach wie vor große Hoffnungen in den deutschen Markt: Hinter den Vereinigten Staaten und China liegt Deutschland auf Rang drei der ertragreichsten Exportziele weltweit.

Gibt es im CEO Survey auch Hinweise auf die Einstellungspolitik deutscher Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten?
In diesem Punkt sehen wir keine großen Veränderungen zum Vorjahr: Einstellungen planen 43 Prozent und damit leicht mehr Befragte als 2015. Einen Personalabbau sieht jedes dritte Unternehmen in Deutschland, auch hier stieg die Zahl etwas an. Dennoch werden weiterhin qualifizierte Mitarbeiter gesucht: 60 Prozent der deutschen Manager sehen hier einen Mangel auf dem Arbeitsmarkt.

Enthalten die Antworten der deutschen Top-Manager auch Erkenntnisse zur aktuellen Flüchtlingsdebatte?
Obwohl die Befragung bereits Mitte November und damit vor den Ereignissen der vergangenen drei Monate abgeschlossen wurde, gibt es einen klaren Hinweis darauf, wie groß die Sorgen der deutschen Manager bei diesem komplexen Thema geworden sind: Im Januar 2015 gaben nur 28 Prozent der deutschen Manager an, dass fehlende gesellschaftliche Stabilität eine Gefahr für das Wachstum ihres Unternehmens darstellt. Aus diesen 28 Prozent sind in diesem Jahr nun 57 Prozent geworden, der Wert hat sich also verdoppelt. Das Flüchtlingsthema ist eine hochkomplexe Herausforderung für Politik und Gesellschaft. Auch aus der Sicht der Wirtschaft ist zu hoffen, dass es uns gelingen wird, die in Deutschland bleibenden Menschen möglichst gut zu integrieren, dazu gehört auch die Arbeitswelt. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass in Deutschland langfristig dringend Arbeitskräfte benötigt werden – wir gehen davon aus, dass durch den demografischen Wandel bis zum Jahr 2030 zwischen zwei und vier Millionen Erwerbstätige weniger zur Verfügung stehen werden.

Abschließend: Welche Erkenntnis aus der diesjährigen Umfrage hat Sie am meisten überrascht?
Am meisten überrascht hat uns die weltweit einhellige Einschätzung der Top-Manager, dass eine echte „Globalisierung“ der Wirtschaft eher eine Utopie bleibt: Statt politischer oder wirtschaftlicher Unionen, weltweit geltender Handelsrechte, gemeinsamen Werten und einer Weltbank in einem einzigen großen Weltwirtschaftsraum erleben und erwarten die Manager auch für Zukunft verstärkt national abgeschottete Märkte mit unterschiedlichen Wirtschaftssystemen, maximal regionalen Wirtschaftsräumen, unterschiedlichen Gesetzen und Wertesystemen sowie lokalen Bankinstituten. Die jüngsten Erfahrungen in der EU tragen zu dieser Meinung sicherlich ebenso bei wie die schwierigen Verhandlungen vieler Handelsabkommen, zu denen auch TTIP gehört. Nur im weltweit freien Zugang zum Internet sehen 72 Prozent der Manager noch einen echten Globalisierungstreiber.

Bildnachweis: PwC

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