Entlastung statt Fluch

Es sind nur zwei Worte, aber sie spalten in Unternehmen die Welt: „disruptive innovation“. Wenn dieser englische Begriff fällt, öffnen Investoren ihre Geldbeutel und in der Old Economy schrillen die Alarmglocken. Und Letzteres, wie die Erfahrungen zeigen, nicht ohne Grund: Schreibmaschinen sind längst durch Textprogramme ersetzt, Telefonzellen durch Handys, SMS durch WhatsApp.

Die Musikindustrie wurde durch die Tauschbörse Napster, die 1998 der damals erst 18-jährige Student Shawn Fanning entwickelt hatte, bis ins Mark erschüttert. Die Hotellerie zittert vor Airbnb, die Medienbranche vor Google, Twitter, Facebook und YouTube. Banken und Versicherungen suchen händeringend nach Wegen, der Konkurrenz durch die neuen Fintechs zu begegnen. Und im stationären Einzelhandel gehen seit Jahren die Umsätze dramatisch zurück. Jeder zweite Deutsche kauft mittlerweile online ein.

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Die zunehmende virtuell-digitale Vernetzung von Wirtschaft und Gesellschaft sowie neue digitale Technologien prägen nicht nur die ökonomische Entwicklung, sondern beeinflussen in großem Maße unmittelbar die Arbeits-welt. Das machen auch Schlagwörter wie „Industrie 4.0“ oder „Arbeit 4.0“ deutlich. Gleichzeitig gehen den Unternehmen in den kommenden 15 Jahren, bedingt durch den demografischen Wandel, die Fachkräfte aus, die sie für konstantes Wachstum benötigen. Rund vier Millionen Arbeitskräfte dürften dem Markt bis 2030 weniger zur Verfügung stehen, so übereinstimmende Experten-Schätzungen.

Richtig eingesetzt, kann die Digitalisierung den Fachkräftemangel mildern
„Unternehmen benötigen angesichts dieses Szenarios mehr denn je verwertbare Informationen, wie sich die Digitalisierung auf das eigene Geschäftsmodell und – damit eng verknüpft – auf die künftigen Anforderungen an ihre Mitarbeiter auswirken wird“, sagt Norbert Winkeljohann, Sprecher des Vorstands von PwC Deutschland. Gemeinsam mit dem unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR hat PwC daher in der aktuellen Studie „Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitskräftesituation in Deutschland“ die Auswirkungen der Digitalisierung in Deutschland bis zum Jahr 2030 in neun Branchen – und damit in sämtlichen Wirtschaftsbereichen – untersucht. Durch den besonderen Studienansatz mit einer Kombination aus Routine-, Arbeitsvermögens- und Berufsstrukturmodell wurde erstmals eine detaillierte branchen- und berufsspezifische Prognose zu den Auswirkungen der Digitalisierung der Arbeit möglich.

Deren Ergebnis fällt überraschend positiv aus: „Die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt werden sich letztlich weniger als Fluch denn als Entlastung erweisen“, so Winkeljohann. „Über die Digitalisierung kann der erwartete Fachkräftemangel in Deutschland von mehr als vier Millionen in 2030 um rund zwei Millionen nahezu halbiert werden.“

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Damit die Digitalisierung nicht zum Jobkiller wird, müssen Unternehmen und Politik allerdings die Weichen richtig stellen. „Auch wenn die Digitalisierung ganze Branchen durcheinanderwirbelt – sie nur mit Jobabbau gleichzusetzen, ist zu kurz gedacht. Sie kann vielmehr als wichtige Stellschraube genutzt werden, dem drohenden demografisch bedingten Fachkräftemangel zu begegnen. Je nach Beruf und Branche kann die Digitalisierung die erwarteten Engpasssituationen erhöhen, entspannen oder überkompensieren“, benennt Dennis A. Ostwald, Geschäftsführer des Think Tanks WifOR und Leiter der Studie, ein weiteres zentrales Ergebnis. Für Arbeitnehmer eröffnen sich Chancen auf anspruchsvollere Tätigkeiten und höhere Gehälter, für Unternehmen auf neue Geschäftsmodelle und eine höhere Effektivität.

„Über die Digitalisierung kann der erwartete Fachkräftemangel in Deutschland von mehr als vier Millionen in 2030 auf rund zwei Millionen halbiert werden.“

Nobert Winkeljohann, Sprecher des Vorstands von PwC Deutschland

Berufsbilder werden unterschiedlich von der Digitalisierung betroffen
Je nach Branche gestalten sich die Auswirkungen der Digitalisierung höchst unterschiedlich. Den stärksten Einfluss hat die Digitalisierung denn auch auf die Branchen Handel, industrielle Produktion und öffentlicher Sektor. So wird im Sektor Gesundheit und Pharma bis zum Jahr 2030 eine zusätzliche Nachfrage von etwa 300.000 Arbeitskräften erwartet. Beim Handel zeichnet sich dagegen ein durch die Digitalisierung bedingter Rückgang der Nachfrage um rund 900.000 Arbeitskräfte ab. In der industriellen Produktion führt die Digitalisierung dazu, dass einerseits die Fachkräftelücke geschlossen wird, andererseits jedoch auch Arbeitsplätze abgebaut werden. Rund zwei Drittel des erwarteten Digitalisierungseffekts – positiv und negativ – auf die Nachfrage nach Arbeitskräften können allein auf diese drei Branchen zurückgeführt werden. Die Technologiebranche weist, wenig überraschend, den höchsten relativen Digitalisierungseffekt auf. Hier wird im Jahr 2030 eine Erhöhung der Nachfrage nach Arbeitskräften um elf Prozent erwartet. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die fortschreitende Digitalisierung führt in der Branche zu verstärkten Investitionen, etwa für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, für die entsprechende Spezialisten gesucht werden.

„Unabhängig von der jeweiligen Branche werden aktuelle Berufsbilder unterschiedlich von der Digitalisierung betroffen sein. Routinetätigkeiten können im Zuge einer zunehmenden Digitalisierung eher rationalisiert werden, komplexere Tätigkeiten mit spezifischerem Anforderungsniveau werden verstärkt nachgefragt“, prognostiziert Wirtschaftsforscher Ostwald.

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Lehrende zählen zu den Gewinnern der Digitalisierung
Generell zeichnen sich in akademischen Berufen und bei gehobenen Fachkräften hohe positive Digitalisierungseffekte ab. Die Digitalisierung kann die Engpasssituation bei akademisch Qualifizierten im Zeitverlauf weiter verstärken, bei Hilfsarbeitskräften wird der rückläufige Engpass durch die Nachfragereduzierung weiter verstärkt. In einzelnen Fällen, beispielsweise bei den allgemeinen Büro- und Sekretariatskräften, kann es sogar zu größeren Überschüssen des Arbeitskräfteangebots kommen.

Laut der Studie werden über alle Branchen hinweg Verkaufskräfte, nichtakademische betriebswirtschaftliche Fachkräfte und Montageberufe die Digitalisierungsverlierer sein. Digitalisierungsgewinner sind dagegen Lehrende sowie MINT-Berufe, für die bis zum Jahr 2030 jeweils rund eine halbe Million Arbeitskräfte zusätzlich benötigt werden.

Die Forscher von WifOR geben in der Studie klare Handlungs­empfehlungen für Unternehmen. Diese sollten aktiv auf die Entwicklung reagieren und die Digitalisierung als Chance nutzen: „Die Digitalisierung hat nicht nur einen kurzfristigen monetären Effekt, sondern hilft, das Problem des demografischen Wandels zu reduzieren und damit die Zukunft des Unternehmens zu sichern“, so Dennis A. Ostwald. Als Voraussetzung, um dieses Potenzial heben zu können, müssten Unternehmen gezielt und mehr in die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren. Dazu Michael Pachmajer, PwC-Experte für Digitalisierung und Co-Autor der Studie: "Gemeinsam mit dem Staat sollten die Firmen sich engagieren, um Fachkräfte schnell und gut aus- und weiterzubilden. Der Ansatz vom lebenslangen Lernen wird damit für Unternehmen und ihre Belegschaft noch einmal deutlich an Bedeutung gewinnen."

Deutschland braucht eine „Digitale Volkshochschule“
Pachmajer schlägt mit seinen Kollegen dazu eine "Digitale Volkshochschule" vor, die eine digitale Neuausbildung in jedem Lebensjahrzehnt fördert. Der Staat solle dabei Bildungsaufgaben auf mehrere Schultern verteilen, insbesondere über Kooperationen mit Unternehmen. Im Gegenzug sollten Unternehmen über eine steuerfinanzierte Weiterbildungsförderung dazu angeregt werden, Ausbildungsaufgaben zu übernehmen.

Das Thema Ausbildung gewinnt auch aufgrund eines weiteren Effektes an Bedeutung: Die Digitalisierung führt dazu, besonders arbeitsintensive Prozesse in Produktion und Administration weiter zu automatisieren. Daher können einige ehedem ins kostengünstigere Ausland ausgelagerte Unternehmensbereiche an den deutschen Stammsitz zurückkehren, deren Auslagerung teilweise keine oder höchstens geringe Kostenvorteile mehr bietet.

„Der ‚Return on Invest‘ beim Geschäftsmodell Digitalisierung ist nicht nur ein kurzfristiger monetärer“, so das Fazit von Norbert Winkeljohann. „Er hilft vielmehr, die durch den demografischen Wandel entstehenden Nachteile des Wirtschaftsstandorts Deutschland nachhaltig zu reduzieren und damit gleichzeitig die Zukunft des eigenen Unternehmens zu sichern.“

Bildnachweis: Image Bank Film/GettyImages, Colin Anderson/GettyImages, Boris Austin/GettyImages (2), John Lund/GettyImages, Keijiro Komine/GettyImages, Jasper James/GettyImages, Jorg Greuel/GettyImages, Monty Rakusen/GettyImages, PR (3)

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