Bypass am Bosporus

Zum Lifting nach Bangkok? Warum nicht? Kostengünstig ist das allemal, in besonderen Fällen sogar umsonst. Denn Thailand soll zum asiatischen Zentrum für Medizintourismus werden. Da sind bisweilen auch nach westlichen Maßstäben skurril anmutende Mittel recht: Um Patienten zu locken, sponsert die Regierung im Rahmen der Aktion „Thailand Extreme Makeover“ sogar Schönheits-Operationen. Dabei konnten drei Patienten aus dem Ausland im Zuge einer Verlosung je eine plastisch-chirurgische OP sowie eine anschließende Reise durch Thailand gewinnen. Sogar die Visa-Bestimmungen wurden gelockert. Und private Kliniken in Thailand betreiben massive Investitionen in gut ausgebildetes Personal und Medizintechnik, um auf das im internationalen Vergleich höchste Niveau zu kommen, stellt die Außenhandelsagentur Germany Trade & Invest fest.

„Vielen deutschen Kliniken mangelt es an einer Ärzteschaft mit ausreichenden englischen Sprachkenntnissen, von bürokratischen und strukturellen Hindernissen ganz abgesehen.“

Bettina Horster, Vorsitzende des International Health Forum im Diplomatic Council

Das „Bumrungrad International Hospital“ in Bangkok hat bereits enorme Anziehungskraft: 1,2 Millionen Menschen werden jedes Jahr in diesem größten Gesundheitskomplex Südostasiens behandelt – mehr als an der weltberühmten Berliner Klinik Charité mit ihren vier Standorten in Berlin. Rund die Hälfte der Patienten reist extra aus dem Ausland an, oft mit Pauschalpaket: Shuttleservice ab Flughafen, freundlicher Empfang, Gesundheits-Check, Narkose, neues Knie einsetzen, Ruhephase mit Laptop und W-Lan im komfortablen Zimmer und anschließend zur Erholung an den Strand auf Koh Samui. Das ärztliche Business-Modell mit einem Dreiklang aus Qualität, Service und Preis ist international wettbewerbsfähig: Inklusive An- und Abreise, vier Aufenthaltstagen im Krankenhaus und sechs Tagen Reha kostet ein künstliches Kniegelenk in Thailand mit 20.000 Euro rund 30 Prozent weniger als zum Beispiel in den USA nur die OP.

30%

weniger als die OP in den USA kostet ein künstliches Knie in Thailand

„Südostasien entwickelt sich zum wichtigen Drehkreuz für den internationalen Medizintourismus“, sagt Michael Burkhart, Leiter des Bereiches Gesundheitswesen und Pharma bei PwC Deutschland. So wirbt beispielsweise die Korea Tourism Organization unter dem Motto „Visit Medical Korea“ mit hochwertigen medizinischen Eingriffen sowie Behandlungen mit traditioneller koreanischer Medizin um Medizintouristen. Auch andere Länder wie Malaysia, Brasilien oder die Vereinigten Arabischen Emirate bauen das lukrative Geschäft mit Spritze und Skalpell rasch aus – und machen damit etablierten Gesundheitsstandorten wie Deutschland zunehmend Konkurrenz.

Besonders kräftig entwickelt sich in Europa der türkische Markt, der dank steuerlicher Anreize extrem expandiert. Auch das Land am Bosporus hat Appetit auf ein schönes Stück vom globalen Umsatzkuchen in Höhe von rund zehn Milliarden Dollar. Bis 2023 will die Türkei die Zahl der ausländischen Patienten auf dann zwei Millionen pro Jahr vervierfachen, so PwC-Gesundheitsexperte Burkhart. Auf eine internationale Klientel fokussiert haben sich unter anderem die „Florence Nightingale Hospitals“ in Istanbul und vier weiteren Städten. Die Mitarbeiter sind auf 16 Sprachen eingestellt. Wegen der günstigeren Preise kommen viele Patienten aus den EU-Staaten eingeflogen, um sich etwa einen Bypass legen zu lassen – wegen der kulturellen Nähe viele aus Dubai, Katar, den Vereinigten Emiraten oder Libyen.

40%

günstiger als in Deutschland ist Femto-Augenlasern in der Türkei.

Vertrauen in türkische Ärzte haben inzwischen auch deutsche Patienten. Viele reisen wegen eines grauen Stars oder eines Astigmatismus an den Bosporus. Darauf spezialisiert ist unter anderem „Dünyagöz“, die nach eigenen Angaben „größte Augenklinik der Welt“. Deren Spezialisten führen monatlich rund 2.500 Augenoperationen mithilfe der Lasik-Technik oder konventioneller Verfahren durch. Über die Website kann man online mit wenigen Klicks einen der 150 Ärzte zur Voruntersuchung oder ein Informationsgespräch buchen. Selbstverständlich auch auf Deutsch. Eine Femto-Lasik-Behandlung, die in Deutschland knapp 2.000 Euro kostet, gibt es in der Türkei immerhin ab 1.200 Euro – inklusive Flügen und Hotel.

Insgesamt wächst der Markt für Medizintourismus nicht zuletzt infolge solcher Kostenunterschiede nach Schätzung der amerikanischen Organisation „Patienten ohne Grenzen“ um 15 bis 25 Prozent pro Jahr, am stärksten in Asien. Etwa acht Millionen Menschen verlassen jährlich ihre Heimatländer, um sich anderswo medizinisch oder pflegerisch behandeln zu lassen. Dabei werden Schönheits-OPs, Zahnersatzbehandlungen und Herzoperationen am häufigsten nachgefragt. Beliebt sind zudem orthopädische Operationen, künstliche Befruchtungen sowie die Behandlung von Wohlstandskrankheiten wie Übergewicht oder Diabetes.

Auf diesem globalen Markt bleibt Deutschland nach Ansicht der „Ärzte Zeitung“ trotz seiner Spitzenärzte nurmehr die Rolle des „Mauerblümchens“. Gemessen an fast 80 Milliarden Euro Krankenhausausgaben und 19 Millionen einheimischen stationären Patienten fallen die etwa 250.000 Auslandspatienten kaum ins Gewicht, die sich 2014 in Deutschland behandeln ließen. „Es handelt sich um einen Nischenmarkt, in dem sich bisher nur die hochspezialisierten Universitätskliniken und Konzerne wie Helios, Asklepios und Vivantes sowie einige kleinere Privatkliniken etablieren konnten“, sagt Jens Juszczak vom Forschungsbereich Medizintourismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Zwar suchen jedes Jahr sechs bis acht Prozent mehr ausländische Patienten Heilung in Deutschland, aber die fehlende internationale Ausrichtung des deutschen Gesundheitswesens bleibt das große Manko. „Vielen Kliniken mangelt es schlichtweg an einer Ärzteschaft mit ausreichenden englischen Sprachkenntnissen, von bürokratischen und strukturellen Hindernissen ganz abgesehen“, kritisiert Bettina Horster, Vorsitzende des International Health Forum im Diplomatic Council, einem internationalen Think Tank.

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nur beträgt der Anteil der Auslandspatienten in Deutschland.

Deutsche Regionen wie München, das Rheinland, Hamburg und Berlin-Brandenburg wollen jetzt dennoch mit umfassenden Strategien den Kliniktourismus ankurbeln und setzen auf ihre hohe ärztliche Reputation. Dabei haben sie vor allem die rund 25.000 superreichen, zahlungskräftigen Patienten aus dem mittleren Osten und Osteuropa – plus deren familiären Anhang – im Visier. Diese Zielgruppe zu erreichen ist alles andere als trivial. „Deutschland steht für hochkomplexe medizinische Anwendungen in der Neurochirurgie oder in der Krebstherapie, aber wir haben auf der anderen Seite ausdifferenzierte Regelungen wie das Krankenhausentgeltgesetz, das den Kliniken wenig betriebswirtschaftliche Spielräume lässt“, erläutert Jens Juszczak die Problematik.

„Der Gesundheitstourismus ist für viele deutsche Kliniken bislang eher das Sahnehäubchen als das etablierte Geschäftsmodell.“

Michael Burkhart, Leiter des Bereiches Gesundheitswesen und Pharma bei PwC Deutschland

Für Berlin-Brandenburg hat der Forscher in einer Potenzialstudie ermittelt, dass trotz Hindernissen „eine deutliche Steigerung“ der Umsätze in Höhe von derzeit 100 bis 150 Millionen Euro pro Jahr in dieser Region möglich sei. Dafür müssten aber im Zusammenspiel von Wirtschaft, Politik und Verwaltung die entsprechende Infrastruktur geschaffen und die Prozesse in allen Phasen der Behandlung bei allen Leistungsträgern optimiert werden. Das beginnt bei einem gemeinsamen internationalen Büro aller beteiligten Kliniken, Anpassungen der Hotellerie an die kulturellen Gewohnheiten der Patienten und dem Aufbau spezifischer touristischer Angebote. Kooperationen mit medizinisch-therapeutischen „Centers of Excellence“ in den Heimatstaaten, eine eHealth-Plattform für Erstkontakt, Nachsorge und Expertenaustausch, externe Audits und Zertifizierungen sowie Marketingaktivitäten von Apps bis Messebeteiligungen machen das Maßnahmenbündel komplett.

20%

pro Jahr etwa wächst der Markt für globalen Medizintourismus.

Welchen Aufwand es erfordert, insbesondere die wohlhabende arabische und russische Klientel zufriedenzustellen, zeigt das Beispiel des Universitätsklinikums Freiburg. Es wirbt in seiner Ahnengalerie mit „fünf Nobelpreisträgern für Medizin“ – das hinterlässt Eindruck. In Freiburg gibt es ein eigenes Medical Center mit zwei Dutzend Mitarbeitern, das sich ausschließlich um die ausländischen Patienten kümmert. An alles muss gedacht werden: die Visa-Formalitäten, die Übersetzung von Arztberichten, die An- und Abreise, die Unterbringung der Familienangehörigen in First Class Hotels, die interkulturelle Verständigung, die Geschlechterfrage, das Essen, das touristische Rahmenprogramm und – nicht zuletzt – die Zahlungsmodalitäten. Die einen zahlen nicht und überlassen das den Botschaften ihrer Heimatländer. Andere Patienten legen am liebsten ein Bündel Bargeld auf den Tisch.

Willkommen sind sie trotzdem. „Der Gesundheitstourismus ist für viele deutsche Kliniken bislang aber eher das Sahnehäubchen als das etablierte Geschäftsmodell. Es erlaubt ihnen immerhin Investitionen in Ausstattung und Service außerhalb der gesetzlichen Budgets und staatlichen Krankenhausfinanzierung“, so das Urteil von PwC-Gesundheitsexperte Michael Burkhart.

Bildnachweis: Atomic Imagery/GettyImages, PR

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