Interview

Der Paternalismus der anderen

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Herr Professor, beschäftigt sich in der deutschen Politik irgendjemand ernsthaft mit alternativen Wohlstands­indikatoren? Die etablierten Ökonomen halten diese Modelle ja eher für „Pappkameraden“.
Es gibt vielversprechende Ansätze, wie den Nationalen Wohlfahrtsindex NWI, der zum Beispiel für ein Bundesland wie Schleswig-Holstein zeigt, dass es sich viel besser entwickelt hat, als das BIP es abbildet. Auch in Wuppertal haben wir alternative Modelle. Ziel ist, dass sich Ministerpräsidenten oder Bürgermeister daran messen lassen, dass sie Wählern nicht einfach nur mehr Konsum verschaffen, sondern mehr von dem, was gutes Leben in seiner Breite ausmacht. Überall auf der Welt möchten sich die Menschen gerne gesund ernähren, im Grünen sein und in Kontakt miteinander. Ökonomen sind oft blind für diese Aspekte der menschlichen Existenz. Auch die Medien schauen zu stark auf enge ökonomische Größen. Wieso erscheint der Wert des Aktienindex Dax jeden Abend vor den Fernsehnachrichten, obwohl nur wenige Menschen in Deutschland Aktien besitzen?

Sie haben ein Buch über „Suffizienz“ geschrieben und propagieren darin Selbstbeschränkung nicht mehr nur als persönlichen Lebensentwurf, sondern als politisches Programm. Wünschen Sie sich einen paternalistischen Staat?
Das hat man auch den Grünen vorgeworfen, als sie ganz zu Recht einen Veggie Day für deutsche Kantinen forderten – und es zugegebenermaßen etwas ungeschickt rüberbrachten. Aber was heißt denn da Paternalismus? Diejenigen, die in den letzten 30 Jahren unsere Welt hoch paternalistisch umgestaltet haben, um spezielle Interessengruppen zu bedienen, die gerieren sich jetzt als Hüter des Liberalismus, um ihre Pfründe zu sichern. Sie wollen bestehende Macht- und Verteilungsverhältnisse zementieren. Dass dieses System gutes Leben oft erschwert, interessiert sie nicht.

Sie klingen resigniert. Sind Sie das auch mit Blick auf ihre Mitgliedschaft im Club of Rome, der den Ressourcenverbrauch durch ungehemmtes Wachstum schon Anfang der 1970er-Jahre kritisierte?
Ich bin durchaus optimistisch, dass wir diese Welt besser gestalten können. Aber viele der Vordenker sind tatsächlich resigniert. Dennis Meadows, Autor von „Die Grenzen des Wachstums“, muss seit Jahrzehnten mit ansehen, dass einfach kein Umsteuern erfolgt. Leute wie er setzen jetzt auf Resilienz, also auf Widerstandsfähigkeit. Sie wollen die Menschheit darauf vorbereiten, mit den zu erwartenden Schocks einigermaßen tapfer umzugehen.

Was ist denn für Sie ein guter Wohlstandsindikator?
Eine gerechte Einkommensverteilung erweist sich zum Beispiel als viel besserer Indikator. Denn anders als oft behauptet, sind BIP und Themen wie Gesundheit oder Bildung kaum korreliert. In vielen Ländern kommt nur eine kleine Elite in den Genuss dieser Leistungen. Hohe Kriminalität und soziale Unruhen sind zumeist die Folge großer Ungleichheit. Es gilt der schöne Satz: Reich sind Länder, in denen auch reiche Leute es sich erlauben können, mit dem Bus zu fahren.

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