Interview

Ein ungemütliches Jahrhundert

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Herr Professor, meinen Sie auch, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist unbrauchbar zur Wohlstandsmessung?
Das BIP ist eine wichtige Größe zur Erfassung des materiellen Wohlstands einer Gesellschaft. Auch korreliert es stark mit Größen wie Bildungsstand und Gesundheitsversorgung. Und materiell reicheren Volkswirtschaften fällt es leichter, in den Umweltschutz zu investieren. Aber es kann nicht der einzige Maßstab sein. Größen wie Einkommensverteilung und Qualität der Lebensumgebung bildet es nicht ab.

Haben die Wachstumskritiker recht, wenn sie eine Neudefinition der politischen Steuerungsgrößen fordern?
Die Debatte wird zu pauschal und zu dramatisch geführt. Niemand behauptet, dass Wachstum das einzige Ziel sein soll, dem sich die Politik unterordnen müsse. Es geht immer um eine Gewichtung verschiedener Ziele gegeneinander, um einen Interessensausgleich.

Gibt es aus Ihrer Sicht also keinen Handlungsbedarf?
Doch, sogar einen großen. Während sich die Wirkungen der Globalisierung auf die tägliche Lebensrealität beschleunigen, hält die Internationalisierung der staatlichen Entscheidungsgewalt nicht mit. Herausforderungen wie steigende Treibhausgasemissionen, kriegerische Konflikte wie in Syrien oder auch nur die Griechenlandkrise zeigen uns, dass wir nicht die Institutionen haben, die diesen aktuellen Problemen effektiv begegnen könnten. Nicht die angebliche Wachstumsgläubigkeit ist der Grund allen Übels, sondern die faktische Schwäche der internationalen Organisationen.

Also muss eine Weltregierung her?
Für Immanuel Kant war eine solche Weltordnung der notwendige Endpunkt einer an der Vernunft orientierten politischen Organisation. Doch sind wir noch weit von einer solchen Vision entfernt. Derzeit wären wirksame überstaatliche Institutionen, die Emissionen regulieren oder Standards zum Arbeitsschutz vorgeben, schon ein echter Fortschritt. Wenn wir diesen partiellen Souveränitätsverzicht nicht hinbekommen, wird das ein ziemlich ungemütliches Jahrhundert.

Wird es wenigstens gelingen, der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu entkommen?
Wir sehen seit Jahrzehnten eine gewisse Entkoppelung des Wirtschaftswachstums vom Energieverbrauch, weil der technische Fortschritt eine steigende Energieproduktivität ermöglicht. Doch es gibt Grenzen für diese Entkoppelung. Gleiches gilt für die Änderung des Energiemix: Die weiter wachsende Weltbevölkerung wird noch für lange Zeit erhebliche Mengen fossiler Energie verbrauchen.

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