Vernetzte Energien

Manchmal fängt die Zukunft dort an, wo man sie nicht vermutet. Zum Beispiel in einem Neubau in der Dresdner Wallotstraße. Im Keller des Wohngebäudes hat das Unternehmen Cloud&Heat Technologies 20 Serverschränke aufgestellt. Die bei den Rechenprozessen anfallende Wärme, die normalerweise stromintensiv heruntergekühlt werden muss, wird hier für die Fußbodenheizungen im Gebäude und zur Warmwasserbereitung genutzt.

„Damit verbinden wir erstmals den Heizungs- mit dem stark wachsenden Cloud-Computing-Markt“, sagt René Marcel, Gründer und Geschäftsführer des Start-ups. Anstatt ein Rechenzentrum auf der grünen Wiese zu errich-ten und Energie zu verschwenden, schlagen die Erfinder hier gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Die Server sind kühl – das Haus ist warm. Ein simpler, aber wirkungsvoller Trick.

Das Dresdner Projekt wird nicht die Energiewelt revolutionieren. Aber es ist ein Baustein in einem weltweiten Innovations-, Effizienz- und Veränderungsprozess. Und es steht exemplarisch für den Wandel im Zuge der von der Bundesregierung initiierten Energiewende: Der Trend geht weg von großen Kraftwerkseinheiten, die nach starren Lastprofilen die Energienachfrage bedienen. Stattdessen werden weltweit Abermillionen von dezentralen Erzeugern in einem intelligenten Netzwerk mit noch mehr Verbrauchern so miteinander verknüpft sein, dass jederzeit ausreichend und preiswert Energie zur Verfügung steht – und dass obendrein sogar die für den Klimawandel verantwortlichen Treibhausgasemissionen mittel- und langfristig zurückgehen. So weit die Vision.

„Wir können zunehmend erkennen, dass ein neues Paradigma in der Energiewirtschaft Einzug hält“, sagt Nobert Schwieters, Leiter des Bereichs Energiewirtschaft bei PwC Deutschland. Noch steht die Branche am Anfang dieses Transformationsprozesses. Aber das neue Leitbild kristallisiert sich in vielen Ländern bereits heraus. Es heißt „Flexibilisierung“. PwC beschäftigt sich intensiv mit der Frage, welche Auswirkungen die Entwicklungen in der Energiewelt für Unternehmen und Institutionen haben und wie Unternehmen sich strategisch positionieren sollten.

„Im Netzgebiet von 50Hertz lag der Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch im Jahr 2014 bereits bei 42 Prozent – ein enorm hoher Wert. Das zeigt, dass der Transformationsprozess technisch machbar ist bei hoher Systemsicherheit.“

Boris Schucht, Vorsitzender der Geschäftsführung 50Hertz Transmission

Im aktuellen Report „The road ahead: Gaining momentum from energy transformation“ analysiert PwC nicht nur, welches die treibenden Kräfte des Transformationsprozesses sind, sondern auch in welche Richtung sich Unternehmen weiterentwickeln können. Dabei identifiziert PwC acht mögliche Geschäftsmodelle, die die gesamte Wertschöpfungskette des Energiesektors von morgen abbilden. „Die Unternehmen stehen vor verschiedenen Wegen“, heißt es in dem Bericht, „aber keiner ist ein Allheilmittel, weil die Voraussetzungen von Unternehmen zu Unternehmen und von Land zu Land sehr unterschiedlich sind. Entscheidend ist für die Energieversorgungsunternehmen zu erkennen, auf welchen Feldern sie am Energiemarkt der Zukunft teilhaben und wie sie zu einer erfolgreichen Positionierung kommen können.“

Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Stromsektor. Ohne Strom bricht die gesamte Infrastruktur zusammen, ohne Strom ist der Homo digitalis nicht überlebensfähig, kann nicht einmal Geld abheben oder ein Brot kaufen. Gleichzeitig ist die Stromerzeugung allein in Deutschland für 40 Prozent der klimaschädlichen Kohlendioxidemissionen verantwortlich.

Deutschland hat sich mit der Energiewende eine Herkulesaufgabe aufgebürdet. Deshalb schaut die gesamte Welt mit einer Mischung aus Faszination, Unglauben und Skepsis auf das Land der Dichter, Denker und Ingenieure. Denn was in Deutschland aufgrund einer politischen Beschlusslage angestoßen wurde, haben die meisten Nationen erst noch vor sich.

„Die Energiewirtschaft mit ihren fossilen Kraftwerken ist mit einem Anteil von 40 Prozent der Sektor mit den meisten Treibhausgasemissionen in Deutschland. Wer die deutschen und europäischen Klimaziele erreichen will, muss daher den Stromsektor dekarbonisieren.“

Patrick Graichen, Direktor Agora Energiewende

Weil es im Transformationsgetriebe in Deutschland knirscht und die Politik nicht schnell genug hinterherkommt, das Räderwerk innerhalb der sich teilweise in ihrer Wirkung neutralisierenden Gesetze und Verordnungen sinnvoll anzuordnen, müssen immer häufiger Kraftwerke abgeschaltet werden. Anderenfalls wäre die Stabilität des Stromsystems in Gefahr. „Diese Eingriffe, die den Verbraucher am Ende Geld kosten, könnten deutlich vermindert werden, wenn der Netzausbau rascher vorangehen würde“, betont Boris Schucht, Vorsitzender der Geschäftsführung des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz. Notwendig sind Höchstspannungsübertragungsleitungen von Nord nach Süd – noch so ein Dauerbrenner und politischer Zankapfel.

Dennoch sind die meisten Experten davon überzeugt, dass es keinen Grund zum Pessimismus gibt und dass die Vorteile – wenn auch erst in einigen Jahren spürbar – überwiegen. „Beinahe wöchentlich sind Vertreter aus den USA, China und Japan in Deutschland, um sich darüber zu informieren, wie wir innerhalb von gut einem Jahrzehnt den Anteil der erneuerbaren Energien verdreifacht haben“, sagt Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende, dem energiepolitischen Thinktank des Bundeswirtschafts- und Energieministeriums. Graichen ist sicher: „Die Akzeptanz der Bürger ist seit Jahren unvermindert hoch. Insofern sehe ich die Energiewende auf einem guten Kurs.“

Der deutsche Präsident des Weltenergierats, Uwe Franke, beobachtet, dass die „German Energiewende“ bisher im Ausland „keine Nachahmer, aber Profiteure“ gefunden hat. „Das in Deutschland gesammelte Wissen um die Systemintegration fluktuierender Erneuerbarer sowie damit verbundene neue Geschäftsmodelle“, so Franke, „werden mit dem Fortschritt der globalen Energiewenden weltweit an Relevanz gewinnen.“

Schon jetzt ist das zu sehen. Die veränderten Rahmenbedingungen rufen weitere Player auf den Plan, die mit neuen Produkten oder Dienstleistungsmodellen ihre Chance wittern. Ob in der Vermarktung von Energie, bei der Energieeffizienz, beim sogenannten Demand-Side-Management, bei der Steuerungstechnik, der Gebäudeautomatisation, der Elektromobilität oder bei leistungsstarken Batterien.

„Der nächste große Schritt der Energiewende ist der Schritt hin zu einem, digitalen Energiewende-Ökosystem‘. Die steigenden Datenmengen können nur durch digitale Technologien effizient verarbeitet, verdichtet und akteurs- und anwendungsgerecht aufbereitet werden.“

Matthias Brückmann, stellvertretender Vorstandsvorsitzender EWE AG

Vernetzt wird in Zukunft nahezu alles sein. Der Kühlschrank mit dem Windrad, das Windrad mit der Heizung, die Heizung mit dem Smartphone, das Smartphone mit dem Solarspeicher und der Solarspeicher mit dem Gaskraftwerk. Das Prinzip Internet hält damit Einzug in die Energiewirtschaft. Kein Wunder, dass jetzt auch die Giganten der IT-Welt wie Apple und Microsoft auf den Plan treten. Google investierte in den vergangenen Jahren rund eine Milliarde US-Dollar in Wind- und Solarkraft-werke, um den Stromhunger der eigenen Rechenzentren zu befriedigen und Überschüsse zu verkaufen. Zudem übernahm der Konzern für 3,2 Milliarden US-Dollar den Thermostat- und Feuermelderhersteller Nest Labs, um auf diese Weise neue Geschäftsfelder im Bereich der Haushaltsautomatisation erschließen zu können.

Den klassischen Energieversorgern wird daher der Wind rauer ins Gesicht wehen als bisher auf einem sehr stark staatlich regulierten Markt. Viele hängen noch an der alten Kraftwerkswelt, andere haben sich vorbereitet. So zum Beispiel die EWE aus Oldenburg. Der fünftgrößte deutsche Energieversorger hat sich entlang einer vertikalen Wertschöpfungskette so aufgestellt, dass zukünftige Geschäftsmodelle miteinander verzahnt werden können. Die Krise klassischer Geschäftsfelder begreift der Konzern als Chance. „Bei EWE gehört die Informations- und Kommunikationstechnologie seit Jahren zum Kerngeschäft“, betont der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Matthias Brückmann. So kann das Unternehmen verschiedene Dienstleistungen für Telekommunikation, Energieeffizienz, Energiemanagement und innovative Kombinationen anbieten.

In der Praxis bietet EWE zum Handyvertrag kostenlos eine Energiemanager-App an, mit der die Kunden ihre Energieverbräuche steuern und gleichzeitig Verbrauchsdaten für Gas- und Strom übermitteln können. Selbst vor Produkten, die das Stammgeschäft beschädigen, schrecken die Manager nicht zurück. Seit Neuestem hat EWE auch einen Solarspeicher für die Fotovoltaikanlage im Angebot.

In diese Richtung wollen sich auch die Branchenriesen weiterentwickeln. RWE bietet eine breite Produktpalette rund ums „Smart Home“ an. Und bei E.ON stehen die Zeichen auf richtig große Veränderung. Ende April gab der Aufsichtsrat grünes Licht, den größten deutschen Energiekonzern in einen Teil für erneuerbare Energien und zukünftige Energiedienstleistungen und einen Teil für das konventionelle Kraftwerksgeschäft, den Energiehandel und die Öl- und Gasförderung – neuer Name „Uniper“ – aufzuspalten.

Bereits die Ankündigung löste in der eher konservativ gestrickten Energiebranche eine Erschütterung aus. Seitdem ist den Managern alter Schule klar: Einen Weg zurück gibt es nicht, die Transformation der Energiewirtschaft ist nicht mehr zu stoppen. „Es gibt viele negative Schlagzeilen“, bilanziert PwC-Experte Norbert Schwieters. „Aber wir sehen die Zukunft viel optimistischer. Wenn Unternehmen die Gefahren nicht erkennen wollen, dann haben sie ein Problem. Wenn sie aber die richtigen Schritte einleiten, dann werden sie erfolgreicher Teil der Energiewende sein.“

Bildnachweis: Younicos, Siemens AG, Marc Voluquardsen, E-ON, Robert Grahn/euroluftbild.de/Picture-Alliance, Tony Cordoza/GettyImages, Tim Graham/GettyImages, Steve Nehf/GettyImages, Bloomberg/GettyImages (2), Guillaume Souvant/GettyImages, Divulgaçao/Flickr, Kevin Chen/Geosage, PwC

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