Tomaten vom Dach

Zwölf Stockwerke oberhalb des New Yorker East Rivers wächst die Hoffnung für hungrige Bewohner von Megastädten heran. Auf dem Dach des historischen Navy Yard, einer früheren Lagerhalle im Stadtteil Brooklyn, züchtet das Dachfarm-Unternehmen Brooklyn Grange Tomaten, Zucchini, Möhren und weiteres Gemüse auf 65 000 Quadratmetern. In London haben die Visionäre Andrew Merritt, Paul Smyth und Sam Henderson ein altes Geschäftshaus zum „Ökobauernhof mit Hofladen und Café“ umgebaut. Was heute noch aussieht wie das Projekt einiger Weltverbesserer, könnte morgen bereits zum Teil die weltweite Versorgung von Städten mit gesunden Lebensmitteln sichern. „Uns gehen irgendwann die Ressourcen aus, und wenn sie erschöpft sind, kommt für die Städte der Kollaps. Wenn die Städte so groß werden, dass deren Bevölkerung nicht mehr versorgt werden kann, dann bricht das System zusammen“, so Dickson Despommier, Professor an der New Yorker Columbia University, der seit 20 Jahren Auswege aus der Agrar-Sackgasse erforscht.

Stadtfarmen wie in New York und London werden in Zukunft einen wachsenden Anteil der Lebensmittelversorgung stemmen müssen – egal, ob in entwickelten Städten wie Moskau oder boomenden Molochen wie Accra, der Hauptstadt von Ghana. Während die Weltbevölkerung nach aktuellen Prognosen bis 2050 um zwei Milliarden auf neun Milliarden Menschen und die Zahl der Städter auf fast sieben Milliarden steigen wird, schrumpft der Anteil nutzbaren Ackerbodens kontinuierlich. Jährlich geht nach einer Schätzung des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam die unvorstellbare Menge von 20 Milliarden Tonnen verloren. Zwei Hektar werden laut UN pro Minute versiegelt.

Dachgärten allein reichen da nicht aus. Die Megacitys brauchen dringend neue Konzepte im Ernährungssystem. Jede Sekunde landen weltweit 40 Tonnen Nahrungsmittel im Müll. Ein Drittel der gesamten Weltagrarproduktion verdirbt jedes Jahr allein während des Transports. Eine neue urbane Landwirtschaft könnte eine strategische Lösung für das Problem darstellen. Davon ist zum Beispiel Volkmar Keuter überzeugt, Leiter des Fraunhofer-inHaus-Zentrums für intelligente Gebäudesysteme in Duisburg. „Man kommt an ‚Urban Farming‘ nicht mehr vorbei“, sagt er. Der Trend berühre nicht nur das Lebensgefühl vieler Menschen in den Metropolregionen, sondern ergebe auch wirtschaftlich Sinn.

Allerdings müsse der nächste Schritt eine Produktion im großen Stil sein – wie es die vertikale Landwirtschaft verspricht –, mit Türmen, die in der Lage sind, jeweils 30.000 Menschen ganzjährig zu versorgen. Bei den vertikalen Farmen entspricht ein Hektar Anbaufläche zehn Hektar im Freiland. Trotz aller Forschung und Begeisterung bleiben die Agrar-Türme bis heute reine Theorie – wie auch die Vision von Professor Folkard Asch, Experte für AgriTropics an der Universität Hohenheim und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Tropische und Subtropische Agrarforschung. In dem von ihm entwickelten Gewächshochhaus „High Rice“ wächst Reis auf Fließbändern. Es gibt bereits Pläne für New York, Rotterdam und Shanghai und einen Prototyp. Im „High Rice“-Wolkenkratzer könnte das ganze Jahr über Reis in einer substratlosen Kreislaufwirtschaft produziert werden. „Unten kommt der Reis als Saatgut in das Gewächshaus rein und bewegt sich dann auf einer Art Fließband durch das komplette Gebäude. Und zwar immer durch den klimatischen Bereich, den die Pflanzen in ihrer jeweiligen Phase der Entwicklung gerade brauchen – so entwickeln sich die Pflanzen optimal vom Keimling bis hin zur großen Pflanze“, erläutert Professor Asch das Projekt. Skyfarming bietet viele Vorteile, ist aber noch zu teuer. Ein Kilo Gemüse würde derzeit noch zwölf Euro kosten. Damit hätte der Anbau im Westen keine Marktchance. Denkbar wäre aber der erste Prototyp etwa in Singapur, das derzeit noch abhängig ist von der Gemüse-Belieferung aus den Nachbarstaaten.

Bildnachweis: Benjamin Beytekin/picture-alliance

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