Kontinentaldrift

Es knirscht gewaltig im Gefüge der Wirtschaftskolosse. Während die einen beim Wachstum kräftig zulegen, verlieren die anderen Volkswirtschaften an Dampf. Fest steht schon jetzt: Die Auswirkungen dieses weltweiten Kräftewandels werden bis in die Chefetagen der deutschen Unternehmen zu spüren sein. Beispiel China: Die Lokomotive der Weltwirtschaft wird zwar bis zum Jahr 2030 zur größten Volkswirtschaft aufsteigen, aber ab 2020 aufgrund des demografischen Wandels deutlich langsamer wachsen als zuletzt. Indien dagegen wird mit seiner jungen Bevölkerung den USA bis 2050 den Rang als zweitstärkste Wirtschaftsmacht streitig machen.

Und auch Europas Wirtschaftsmächte kommen unter Druck: Indonesien, Mexiko und Nigeria dürften Großbritannien und Frankreich aus den Top Ten verdrängen. Überhaupt wird Europa nicht mehr über Wachstumsraten von 1,5 bis 2,0 Prozent hinauskommen. Länder wie Kolumbien und Polen werden bis 2050 stärker wachsen als Brasilien und Russland. Zu den wachstumsstärksten Ländern überhaupt werden die Philippinen, Vietnam und Malaysia zählen. Japan, heute noch viertstärkste Volkswirtschaft der Welt, wird auf den siebten Platz zurückfallen.

In der aktuellen Studie „Die Welt in 2050 – wird sich die Verschiebung der globalen Wirtschaftskräfte fortsetzen?“ hat PwC aus wirtschaftlicher Sicht den Globus neu vermessen. Die Zukunftsstudie beschreibt präzise die künftige tektonische Verlagerung der Wirtschaftskräfte innerhalb der 32 größten Volkswirtschaften, die für 84 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts stehen. Die Konsequenz: Vorausschauende Unternehmen werden ihre Strategien und Businesspläne dringend ändern müssen.

Für die Vorhersage gehen die Autoren der Studie von einem durchschnittlichen Wachstum der Weltwirtschaft von rund drei Prozent pro Jahr aus. Die weltweite Wirtschaftsleistung wird sich bis 2037 verdoppeln und bis 2050 fast verdreifachen. Der ab 2020 immer stärker spürbare demografische Wandel verhindert ein noch stärkeres Wachstum.

„Es empfiehlt sich, bei den jeweiligen Märkten und Wirtschafts­regionen ganz genau hinzuschauen.“

Norbert Winkeljohann, Vorstandssprecher von PwC Deutschland

Doch das ist nur die grobe Richtung. „Es empfiehlt sich, bei den jeweiligen Märkten und Wirtschaftsregionen ganz genau hinzuschauen. Denn die einzelnen Emerging Markets unterscheiden sich deutlich bei institutionellen Stärken und Schwächen – sowohl untereinander als auch in einzelnen Industriesektoren innerhalb der Länder“, sagt Norbert Winkeljohann, Sprecher des Vorstands von PwC Deutschland. Unternehmen ind daher mehr als bisher gefordert, lokale Partner und Mitarbeiter zu rekrutieren, die sie dabei unterstützen, in digitaler Geschwindigkeit die richtigen Entscheidungen zu treffen, um von den Wachstumschancen in den aufstrebenden Ländern zu profitieren.

Der Abstand zwischen den drei führenden Staaten USA, China und Indien und dem Rest der Welt wird sich in den kommenden Jahrzehnten deutlich vergrößern, prophezeit die Studie. Während heute Indien als drittstärkste Volkswirtschaft etwa 50 Prozent leistungsstärker ist als das viertplatzierte Japan, wird die dann drittgrößte Volkswirtschaft in 2050 fast dreieinhalbmal so stark sein wie das viertplatzierte Indonesien.

Die Kraftzentren der Weltwirtschaft verschieben sich in Zukunft weiter nach Asien und Afrika. Heutige Schwellen- und Entwicklungsländer entfalten sich mit ihren enormen Wachstumspotenzialen zu mächtigen Zentren der Weltwirtschaft. So wird Nigeria bis 2050 Deutschland überholen und auf Platz neun der stärksten Volkswirtschaften klettern. Pakistan und Ägypten sollen den Sprung in die Top 20 schaffen – und dann vor EU-Staaten wie Italien und Spanien liegen. Auch die Wachstumszentren verschieben sich deutlich. Laut Prognose dürfte das Wachstum der Euro-Zone auch unter optimistischen Annahmen 2050 bei etwa 1,5 bis 2 Prozent im Jahr liegen. Nigeria, Vietnam und die Philippinen hingegen werden dann mit durchschnittlich 4,5 bis 5 Prozent Wachstum die dynamischsten Wachstumsregionen der Welt sein.

Allerdings sind für diese Entwicklung noch einige Hürden zu überwinden. „Die aufstrebenden Schwellen- und Entwicklungsländer werden ihre Wachstumspotenziale nur dann entfalten können, wenn sie ihre Infrastruktur konsequent und nachhaltig verbessern, ihre Verwaltungsstrukturen wettbewerbsfähig machen und gewährleisten, dass die gesamte Bevölkerung ein höheres Bildungsniveau erreicht. Auch der Schutz geistigen Eigentums und eine nachhaltige Steuerpolitik müssen sichergestellt sein, damit Investoren Vertrauen fassen und die Wirtschaft in diesen Ländern weiter wachsen kann“, resümiert Norbert Winkeljohann.

Größter Absteiger in der Rangliste der führenden Volkswirtschaften wird das aktuell bereits schwächelnde Europa sein. Drei europäische Staaten gehören derzeit noch zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt: Deutschland, Frankreich und Großbritannien. 2050 wird nur noch die Bundesrepublik in den Top Ten der wirtschaftlich leistungsfähigsten Staaten vertreten sein. Aber auch ihr droht der Abstieg. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt und bewertet zu Währungskursen wird Deutschland laut Prognose von derzeit Platz fünf bis 2030 auf den achten und bis 2050 auf den zehnten Platz zurückfallen.

Trotz dieser globalen Verschiebungen dürften die reifen Volkswirtschaften in Nordamerika und Europa für Investoren aufgrund des hohen Durchschnittseinkommens weiterhin interessant bleiben. Denn der Aufstieg der Schwellenländer bedeutet dort nicht automatisch westlichen Wohlstand. In China werden die Einkommen bis 2050 nur rund 40 Prozent des US-amerikanischen Niveaus erreichen, Indien dürfte nur auf rund ein Viertel kommen.

Bildnachweis: PwC (2)

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