Get Smart

Kinshasa im Kongo, Tianjin in China und Chennai in Indien – drei Städte, von denen man in Europa noch nicht viel gehört hat. Und doch werden sie bald zu den größten Städten der Welt gehören – den Megacitys. Bereits in acht Jahren wird es weltweit etwa 33 solcher Megastädte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern geben, bis 2030 sogar 41, so die UN. Im Jahr 2025 könnten dann schon knapp 60 Prozent der Weltbevölkerung in solch riesigen Städten leben, in entwickelten Regionen sogar mehr als 80 Prozent. Besonders rasant verläuft das Zusammenwachsen von größeren Städten, wie etwa von Pretoria und Johannesburg in Südafrika zu „Jo-Toria“ oder des Hongkong-Shenzhen-Guangzhou-Korridors in China, zu Metropolregionen mit bis zu 120 Millionen Menschen.

Megacitys lassen sich unterscheiden in „aufstrebende Städte“ wie Kairo, Delhi und Lagos oder „Schwellenstädte“ wie Istanbul, Moskau und São Paulo. Zu den „entwickelten Städten“ gehören London, New York und Paris. 37 Prozent des Städtewachstums kommen allein aus drei Ländern: Indien, China und Nigeria. Die Einwohnerzahl von Nigerias größter Stadt Lagos hat sich seit 1990 fast verdreifacht und soll sich bis 2030 auf 24,2 Millionen noch einmal mehr als verdoppeln.

„Die rasante Entwicklung der Megacitys stellt die Stadtplaner und - entwickler vor nie da gewesene Herausforderungen. Sie brauchen zahlreiche neue Modelle und Lösungen, um die Grundversorgung der Bevölkerung kostengünstig und nachhaltig sicherzustellen“, so Felix Hasse, Partner und Experte für Smart Citys bei PwC Deutschland.

Wo Herausforderungen sind, entstehen auch Chancen: Vor allem die Megacitys in den Entwicklungsländern Asiens, Afrikas und Südamerikas bergen im Zuge dieser Entwicklung gewaltige Umsatzpotenziale für Unternehmen, die dort innovative Produkte und Technologien anbieten können, so eine Studie von Frost & Sullivan. „Die Megastädte werden durch intelligente und smarte Lösungen zu ‚Smart Citys‘. Solche Lösungen werden insbesondere benötigt in den Bereichen: Smart Economy, Smart Buildings, Smart Mobility, Smart Energy, Smart Information Communication und Technology, Smart Planning, Smart Citizen und Smart Governance“, heißt es dort. Den globalen Smart-City-Markt schätzen die Marktforscher auf 1,6 Billionen Dollar – allein bis zum Jahr 2020.

Zusätzliche Wachstumschancen böten sich auf dem Heimatmarkt, so Hasse: „Die deutschen Städte stehen vor einem gewaltigen Digitalisierungsprozess. Partnerschaften zwischen unterschiedlichen Industrien wie Energie und Infrastruktur, IT, Telekommunikation und öffentlicher Verwaltung können diese Entwicklung weiter vorantreiben und ermöglichen neue integrierte Services für die Bürger.“ Allerdings müssten Städte und Kommunen dazu ihr Kirchturmdenken hin zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit ändern.

Aber auch die Unternehmen sieht der PwC-Experte in der Pflicht: „Der private Sektor sollte sich schnell über seine Rolle im Smart-City-Markt bewusst werden und Strategien für die Stadt als Kunden entwickeln. Dazu gehört, mögliche Partner zu identifizieren, digitale Expertise in den Bereichen Datenanalyse und Cloud-basierte Services zu entwickeln und komplette Dienstleistungen als Geschäftsmodell zu etablieren.“

Städte stehen bereits heute unter einem enormen Entwicklungsdruck: exponentielles Bevölkerungswachstum, Klimawandel, überlastete Infrastrukturen und begrenzte finanzielle Ressourcen erfordern neue Lösungen. Die Stadtverwaltungen müssen Wege finden, ihre Mittel bestmöglich einzusetzen. Stadtplaner sollen dabei einen Fahrplan für das nachhaltige Wachstum einer Stadt erstellen. Dazu zählen praktische Richtlinien und Technologien, die helfen, das Stadtmanagement zu optimieren. Einzelne städtische Strategien sind dabei nicht eins zu eins übertragbar. Während beispielsweise in Nairobi die größten Probleme Transport und Landrecht sind sowie die Anzahl der Menschen, die in Slums wohnen, ist es in Shanghai die steigende Luftverschmutzung. Entwickelte Städte wie London, New York und Paris müssen dagegen, um wettbewerbsfähig und lebenswert zu bleiben, ihre Infrastruktur ständig verbessern und den Energieverbrauch von Gebäuden senken.

Jede Stadt hat ihre eigenen Probleme, die spezifische Lösungen erfordern. Aber es gibt auch gemeinsame Trends. Wirtschaftliches Wachstum und Arbeitsplätze haben für die meisten Stadtmanager der Megacitys höchste Priorität. Luftverschmutzung gehört zu den größten ökologischen Herausforderungen. Wichtigstes Infrastrukturthema ist der Verkehr. Verstopfte Straßen machen nicht nur den Autofahrern das Leben schwer, sondern verursachen einen erheblichen volkswirtschaftlichen Schaden. Die Confederation of British Industry schätzt die jährlichen Kosten für Staus allein in Großbritannien auf 38 Milliarden US-Dollar.

Auch die Wasserver- bzw. -entsorgung bedarf dringend kompetenter Lösungen. Fehlendes Trinkwasser und nicht vorhandene sanitäre Einrichtungen kosten die Entwicklungsländer nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 170 Milliarden Dollar jährlich. Auch in Europa und den USA gibt es reichlich Probleme zu lösen: Hier müssen zum Teil über hundert Jahre alte Infrastrukturen überholt werden. Selbst in einer entwickelten Stadt wie London geht heute ein Drittel des Wassers durch undichte Leitungen verloren. In aufstrebenden Metropolen ist dieser Anteil noch höher: In Dhaka in Bangladesch etwa sind es 62 Prozent.

Die zunehmende Digitalisierung bietet jetzt die große Chance, aus Megacitys smarte, lebenswerte Zentren zu machen, eben mega-smarte Städte, ist Felix Hasse überzeugt. Voraussetzung jedoch sei, dass „der Bürger im Mittelpunkt der Konzepte“ steht, so der PwC-Experte (siehe auch „Voneinander lernen“). Richtungweisende Projekte in Deutschland geben vor, wie Städte und ihre Bewohner von smarten Lösungen profitieren können. Ein solches Leuchtturmprojekt ist der „smartPORT“ Hamburg, der mit dem Logistiksystem der Zukunft in See sticht. T-Systems und die Hamburg Port Authority haben ein weltweit bislang einzigartiges Logistiksystem entwickelt, mit dem der Hamburger Hafen Lkw- und Containerbewegungen effizienter steuern kann. Es reduziert Staus und Wartezeiten im Hafengebiet und beschleunigt den Umschlag der Frachtgüter. „Ein Flaschenhals-Projekt, das sich durchaus global übertragen lässt auf ähnlich beschränkte Räume, die sich nicht mehr ausdehnen können“, findet Projektleiter Kristian Weiß von T-Systems.

Bildnachweis: Andrew Rich/GettyImages, Moment RF/GettyImages, mauritius images/alamy, Daimler, Westend61/GettyImages, Fraunhofer, Benjamin Beytekin/picture-alliance, Oberhäuser/Caro, PwC (3)

Newsletter abonnieren

Mit dem Newsletter verpassen Sie keine Ausgabe der next: Das Magazin für Vorausdenker

Anmelden
Experten kontaktieren

Sie haben Fragen oder möchten mit einem unserer Experten zu diesem Thema sprechen? Melden Sie sich gerne bei uns.

Kontaktieren
Diesen Beitrag teilen

Hier können Sie den Beitrag über soziale Medien teilen.

Teilen