Interview

„Industrie 4.0 wird den Ausleseprozess fördern“

Wie stark beeinflusst das Internet inzwischen den Erfolg in Ihrem Business?
Dachser ist vorwiegend im sogenannten B2B-Geschäft tätig. Unsere Logistikdienstleistungen stellen also in erster Linie sicher, dass Lieferungen aus den Produzentenländern in die Regionen gelangen, wo diese Produkte gebraucht werden. Für dieses Kerngeschäft nutzen wir auch das Internet. Der Kunde erwartet heute vor allem Transparenz. Über unsere eLogistics-Plattform sind wir mit den Kunden digital vernetzt. Sie können damit alle Sendungen digital verfolgen und neue Aufträge erteilen. Um Ware beispielsweise aus Asien für den Endkunden im Rahmen von E-Commerce-Geschäften zu beschaffen, begleiten wir den Warentransport ebenfalls digital.

Was ändert sich durch Industrie 4.0?
Viele Gedanken, die diesem Konzept zugrunde liegen, waren schon immer Triebfeder unseres Geschäfts. Es gibt aber bis heute nur wenige Unternehmen, die mutig genug sind, integrierte Lieferketten aufzubauen, bei denen auch die Logistik mit dem nötigen Know-how sowie ausreichend Kapazitäten und Kapital ausgestattet wird. Bei den Verladern genießen die IT-Budgets für die Logistik häufig nicht den gleichen Stellenwert wie in der Produktion oder im Absatz. Wir sehen also weitgehend digitalisierte Prozesse in Fertigung und Marketing. Aber an der Rampe, wo es darum ginge, die Prozesse zwischen Hersteller und Logistikunternehmen intelligent vernetzen zu können, ist oft noch „Feierabend“.

Gibt es durch Industrie 4.0 künftig mehr zu transportieren?
Ich glaube nicht, dass das bei uns zu überproportionalem Wachstum führen wird. Es wird jedoch den Ausleseprozess fördern. Vor der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 war das weltweite Transportvolumen jährlich meistens zweistellig gewachsen. In den kommenden Jahren werden wir wohl nur einstellige Wachstumsraten um rund fünf Prozent sehen. Ich erwarte aber eine wesentlich stärkere und intelligentere Nutzung der vorhandenen Kapazitäten. Die Einkaufsabteilung eines Unternehmens sollte künftig nicht nur ihre Einkaufspreise kennen. Sie muss auch wissen, wie es um die Absatzchancen und Transportkapazitäten steht. Es kommt heute vor, dass Ware bei Aktionen nur weniger Marktteilnehmer für eintausend Lkw-Fuhren eingekauft wird – und der Einkauf weder darüber im Bilde ist, wo diese Lkw herkommen, noch darüber, wie sie entleert werden können, wenn die Lager voll sind.

Können Sie mit einer stärkeren Nutzung von Big Data künftig mehr Wachstum generieren?
Wenn man Big Data als die intelligente Analyse großer Datenmengen versteht, mit der man besser und früher planen und entscheiden kann, spielt das für Dachser schon lange eine große Rolle. Wir verarbeiten seit Jahren zentral vorhandene Massendaten für interne Analysen, Auswertungen und strategische Ableitungen. Selbstverständlich gehen wir dabei insbesondere mit Kundendaten sehr verantwor-tungsvoll um. Wir müssen Warenströme mit immer besseren Methoden berechnen und optimieren, weil sich die Anforderungen unserer Kunden und des Marktes immer schneller ändern. Diese werden wir in Zukunft auch verstärkt für weiterführende Prognoseverfahren zur Kapazitäts- und Preisentwicklung auf dem Frachtmarkt nutzen.

Was erwarten die Kunden im Internetzeitalter konkret von einem Logistiker?
Unsere B2B-Kunden erwarten neben der professionellen Logistikleistung vor allem eine maximale Digitalisierung der Geschäftsprozesse. Wir sind ja nicht nur ein Waren-, sondern auch ein Informationslogistiker. Wir nutzen beispielsweise die eLogistics-Plattform für die Sendungsverfolgung, das Electronic Data Interchange-Center (EDI) für den Datentausch und weitere Technologien im Lager und vor allem für ständig online begleitendes Supply-Chain-Eventmanagement, mit dem wir jede einzelne Sendung von der Abholung bis zur Zustellung punktgenau steuern.

Was hat der Kunde davon?
Mit unseren EDI-Lösungen können einfach und schnell Verbindungen zu den Systemen des Enterprise Ressource Planning (ERP) der Kunden geschaffen werden. Mit eLogistics lassen sich alle interaktiven Prozesse mit dem Kunden über das Web steuern. Unsere Kunden können beispielsweise online die Frachtkosten ermitteln, mit einem Klick einen Transportauftrag erteilen und eine Sendung durch Europa und sogar weltweit verfolgen. Diese Anwendungen sind auch auf mobilen Endgeräten verfügbar. Das „Tracking & Tracing“ einer Sendung lässt sich also über iPad, iPhone oder Smartphone aufrufen. Vor allem unser Active Report erlaubt, in Echtzeit zu reagieren und zu steuern, wenn sich ein Status im Sendungsverlauf nicht wie prognostiziert darstellt. Das passiert maschinell und automatisch. Unsere Algorithmen garantieren, dass unsere Mitarbeiter immer exakt dort und in Echtzeit eingreifen, wo es notwendig ist. Wir warten nicht erst auf eine Antwort vom Kunden.

Einzelne Kritiker sagen, die Logistikbranche habe trotzdem Nachholbedarf in puncto Digitalisierung.
Für uns gilt das sicher nicht. Man sieht uns schon seit vielen Jahren als Vorreiter, wenn es um intelligente Lösungen geht. Aktuell wickeln wir bereits 80 Prozent aller Aufträge elektronisch ab. Mehr als 16 000 Kunden nutzen die eLogistics-Online-Tools. Unsere IT-Kernsysteme bieten durchgängige und weltweit einheitliche Lösungen. Dank wöchentlicher Updates arbeiten unsere Mitarbeiter auch weltweit jeweils mit derselben Software-Version. Da wir in allen Niederlassungen einheitliche Hard- und Software einsetzen, können Schnittstellenprobleme gar nicht erst entstehen. Alle Kernsysteme stehen in 13 Sprachen zur Verfügung. Jeder kann also in der für ihn vertrauten Sprache damit arbeiten.

Ist Cloud Computing für Dachser ein Thema?
Dachser ist selbst ein Systemhaus, und wir beschäftigen in der IT rund 500 Mitarbeiter. Alle Prozesse sind vernetzt, eigene Software steuert die Informationsflüsse. Die Gesamtarchitektur ist also bereits eine „private cloud“. Alle Daten sind überall im Unternehmen verfügbar. Dabei genießt die Sicherheit unserer Kundendaten höchsten Stellenwert. Diese befinden sich aus diesem Grund in unseren eigenen Rechenzentren.

Reicht das? Wie sichern Sie sich denn gegen Hackerangriffe?
Wir nutzen natürlich verschiedene Firewalls, mit denen wir unsere sensible Daten-Infrastruktur zwiebelartig schützen. Das Kernsystem, mit dem wir alles steuern, ist eine Eigenentwicklung mit eigenen Zugangscodes. Es gibt also keine Verbindung in andere IT-Welten, was Cyberan-griffe erschwert. Außerdem testen wir immer wieder, wie sicher unsere Umgebung ist. Das führt sogar dazu, dass ich manchmal selbst nicht ins System hineinkomme. Aber Sicherheit geht nun mal vor.

Bildnachweis: Dachser (3), Hermes, DHL, Moment Open/GettyImages, Peter Dazeley/ GettyImages, PR

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