Beständigkeit im Wechsel

Der Generationswechsel in München kam schnell, aber geplant. Bei der Allianz, wo im April Kronprinz Oliver Bäte ein Jahr früher als erwartet auf Michael Diekmann als Chef von Deutschlands größtem Versicherungskonzern folgte, und auch bei BMW. Der langjährige Vorstandschef Norbert Reithofer trat vorzeitig ab und machte einem Jüngeren Platz. Zur Hauptversammlung im Mai wurde der bisherige Produktionsvorstand Harald Krüger neuer Chef des Autokonzerns. Ein knappes Jahr zuvor, im Mai 2014, hatte der Newcomer Wolfgang Büchele seinen Vorgänger Wolfgang Reitzle aus Altersgründen auf dem Chefsessel bei Linde abgelöst.

„Die Personalien zeigen: Deutschlands Blue Chips haben ihre Hausaufgaben bei der Unternehmensführung durchweg gut gemacht“, sagt Klaus-Peter Gushurst, ehemals Senior Partner und Sprecher der Geschäftsführung von Strategy& im deutschsprachigen Raum, seit Juli Mitglied des TLT von PwC Deutschland. „Vor allem die Herausforderung der Beständigkeit im Wechsel wurde überwiegend gut gemeistert.“ Die ausgeschiedenen Manager der drei Münchner Dax-30-Konzerne hatten die Geschicke der Unternehmen im Durchschnitt über zehn Jahre und teilweise länger kontinuierlich und erfolgreich gelenkt. Und die wiederum um zehn Jahre und mehr jüngeren Nachfolger wurden in die Spur gesetzt.

Die professionelle Personalpolitik der Aufsichtsräte wird auch durch die aktuellen Zahlen der „2014 Study of CEOs, Governance and Success“ der internationalen Management- und Strategieberatung Strategy& bestätigt. Die Studie untersucht in ihrer vierzehnten Ausgabe sowohl die jährlichen als auch die langfristigen Veränderungen in den Chefetagen der 2500 weltweit größten börsennotierten Unternehmen. Demnach blieben die deutschsprachigen Vorstandsetagen im internationalen Vergleich weiterhin ein Hort der Stabilität. So musste im vergangenen Jahr gerade einmal jeder zehnte Vorstandsvorsitzende eines deutschsprachigen Blue Chips seinen Posten zugunsten eines Nachfolgers räumen. Mit 10,3 Prozent liegt die Wechselquote sogar genau zwei Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert von 12,3 Prozent. In Westeuropa stieg die Quote von 12,9 auf 14,3 Prozent und ist damit identisch mit dem globalen Durchschnittswert. Nur die japanische Wirtschaft hat mit 11,6 Prozent eine ebenfalls vergleichsweise geringe CEO-Fluktuation. In Nordamerika verharrte die Quote bei moderaten 13,2 Prozent. Deutlich mehr Stühlerücken gab es dagegen in den Chefetagen der Unternehmen in den BRIC-Staaten: In China mussten 15, in Brasilien, Russland und Indien sogar rund 16 Prozent der dortigen CEOs ihren Chefsessel räumen.

„Die derzeit guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verstärken bei deutschsprachigen Konzernen den Trend zur langfristig geplanten und gut vorbereiteten Nachfolge für den Vorstandsvorsitz“, kommentiert Klaus-Peter Gushurst die Studienergebnisse. So fanden 78 Prozent der Wechsel aufgrund auslaufender Verträge oder festgelegter Altersobergrenzen und 12 Prozent wegen Übernahmen oder Fusionen statt. Gerade einmal 10 Prozent legten ihr CEO-Mandat vor Ablauf der vereinbarten Vertragslaufzeit nieder. Dagegen wurden im gesamten westeuropäischen Wirtschaftsraum mit Krisenstaaten wie Spanien und Italien 21 Prozent der ausgeschiedenen CEOs und damit mehr als doppelt so viele Führungskräfte vom Aufsichtsrat zum Rücktritt bewogen.

Allerdings verringerte sich 2014 die Halbwertszeit der Vorstandsvorsitzenden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. So liegt der Median der Verweildauer im Amt im deutschsprachigen Raum bei 6,0 Jahren (2013: 6,8 Jahre). In Westeuropa liegt dieser Wert bei 6,5 Jahren und im weltweiten Schnitt bei 5,3 Jahren. Auch sind die ausscheidenden CEOs im deutschsprachigen Raum mit 56 Jahren vergleichsweise jung. In Westeuropa liegt der Mittelwert bei 58 Jahren.

Diese Entwicklung ist zu Teilen auch der digitalen Revolution geschuldet, die mit disruptiven Geschäftsmodellen manch etabliertes Unternehmen ins Wanken bringt. Deshalb sieht Gushurst die Führungsspitze der deutschen Wirtschaft über alle Branchen hinweg – trotz der aktuellen Stabilität in den Vorstandsetagen – strukturell wie personell vor einer immensen Umwälzung: „In den kommenden Jahren werden die Weichen für eine digitale Zukunft gestellt. Um bei Themen wie Industrie 4.0 und Smart Data eine führende Marktposition zu bekommen und um als Wirtschaftsstandort international eine Vorreiterrolle spielen zu können, brauchen die Konzerne dringend auch an der Unternehmensspitze dezidiertes Digital-Know-how sowie Mut zum Umdenken.“

Durch kürzere Innovationszyklen und die Implementierung digitaler Geschäftsmodelle wird die Rolle des CEOs neu interpretiert. Vor diesem Hintergrund sinkt die Bedeutung von industriespezifischer Erfahrung. „Technologie- und Digitalkenntnisse sowie Umsetzungserfahrung werden eine immer größere Rolle spielen“, so Gushurst.

Auch diese Entwicklung belegen die Ergebnisse der CEO-Studie: So stieg der Anteil extern rekrutierter CEOs gegenüber dem Vorjahr um 12 Prozentpunkte auf nun 39 Prozent und liegt somit weit über dem globalen Wert von 22 Prozent. Des Weiteren hat die Hälfte aller neuen CEOs bereits operative Erfahrung in anderen Branchen gesammelt. Das heißt, Erfahrung in Leadership-Positionen wird zum Teil höher bewertet als dedizierte Branchenexpertise. Auch haben 23 Prozent der 2014 neu installierten CEOs einen internationalen Hintergrund. Weltweit liegt der Anteil neuer ausländischer Vorstandsvorsitzender bei lediglich 15 Prozent.

Bildnachweis: eon production/GettyImages,Archive Photos Moviepix/GettyImages, Michael Ochs Archive/GettyImages, Kaith Hamshere/GettyImages, Terr O´Neill/GettyImages, PwC

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