Als die Dinos laufen lernten

Sie heißen „Number 26“, „Kreditech“, „Kontoalarm“, „Lendico“, „Bankless24“ und „Stockpulse“. Ihre Geschäftsmodelle sind so neu wie ihre Namen. Sie bieten mobile Girokonten, vergeben Kleinkredite auf Basis von Big-Data-Scorings, verkaufen Finanzassistenz-Apps für Konten, Kapitalanlagen und Versicherungen, kümmern sich um das Crowdinvesting für Kredite von Privatkunden und den Mittelstand sowie Sentiment-Analysen für den Finanzmarkt. Fast täglich entstehen in der Finanzbranche solche Start-ups, die alle nur eines im Sinn haben – im Geschäftsfeld der alteingesessenen Banken zu wildern.

Das globale Investment in diese „FinTech“-Unternehmen ist in den vergangenen drei Jahren viermal so schnell gewachsen wie das des gesamten Venture-Capital-Bereichs. 3.500 dieser Newcomer gibt es inzwischen weltweit. Auch in Deutschland wird der Markt immer größer. FinTechs treffen den Bedarf von digitalen Bankkunden, die nach alternativen Finanzprodukten suchen. Unterstützt und angefeuert werden sie von Business-Angels sowie neuen Inkubatoren und speziellen Accelerator-Programmen wie Startupbootcamp in London oder dem Inkubator LiquidLabs der Otto Group – 2014 allein mit insgesamt 77 Millionen Euro ausgestattet. Die neue Bankenkonkurrenz ist schicker, schlanker und schneller als so mancher schwerfällige Finanzkonzern.

„Die neuen Marktteilnehmer stellen existierende Geschäftsmodelle infrage, indem sie die Kundenbedürfnisse an einem ganz bestimmten Punkt der Wertschöpfungskette besser bedienen“, warnt Markus Burghardt, Vorstand und Leiter des Bereichs Financial Services bei PwC Deutschland. Doch allmählich kommt der Markt in Bewegung, die etablierten Banken rüsten sich für den zunehmenden Wettbewerb. „Mehr als die Hälfte der im weltweiten CEO-Survey von PwC befragten 175 Bankenchefs haben inzwischen erkannt, dass neue Marktteilnehmer eine Gefahr für das eigene Wachstum werden könnten“, sagt Markus Burghardt. Im Vorjahr sah das erst knapp ein Drittel so.

Die Verfolger im Rücken, lernen die Dinos jetzt offenbar das Laufen in den digitalen Welten und entwickeln selbst entsprechende Angebote. Die Deutsche Bank kündigte an, eine Milliarde Euro in die Digitalisierung des Unternehmens zu stecken. Sie will in allen Geschäftsbereichen erheblich in digitale Technologien investieren. Damit sollen neue Ertragsmöglichkeiten generiert werden, zum Beispiel durch computergestützte Beratungskanäle, eine gesteigerte Effizienz der Plattform durch Automatisierung oder Digitalisierung von Prozessen sowie die Entwicklung neuer Kundenangebote. Gemeinsam mit Microsoft, IBM und HCL Technologies will Deutschlands größtes Bankhaus Innovationszentren einrichten, um sein digitales Bankgeschäft auszubauen – in London, Palo Alto und Berlin.

Die Commerzbank hat kürzlich den „main incubator“ gegründet, der Start-ups im Bereich von Zahlungsverkehr, Kreditvergabe und Vermögensverwaltung entwickeln soll. CommerzVentures, die Corporate-Venture-Capital-Tochter der Commerzbank, investierte erstmals Wagniskapital in ein FinTech-Unternehmen. In die israelische Social-Trading-Plattform eToro steckte sie einen hohen einstelligen Millionenbetrag. Für weitere Investments ist das Finanzinstitut in konkreten Verhandlungen, insgesamt könnte es dieses Jahr vier bis fünf Abschlüsse geben. Zudem ist das neue Onlineportal live, mobile Apps informieren über den Kontostand, und dazu gibt es seit Jahresanfang eine Sicherheitsgarantie für das Onlinebanking und Geldgeschäfte per Smartphone.

Auf dem Rückzug befindet sich dagegen das klassische Schaltergeschäft. Bei der HypoVereinsbank werden bis Ende 2015 von 580 Filialen nur etwa 340 übrig bleiben. Zugleich soll ein neu entwickeltes Computersystem Filialen und Onlineservices vernetzen – etwa wenn beim Kundengespräch per Videoschaltung oder Chat die Experten der Bank zugeschaltet werden.

Den etablierten Geldhäusern machen weltweit vor allem zwei Trends zu schaffen: Zum einen das aktuelle Niedrigzinsumfeld, zum anderen immer mehr branchenfremde Konkurrenten, die in einzelnen Geschäftsfeldern des Finanzsektors Marktanteile erobern. Die Banken in den USA und in Asien haben auf den Markteintritt dieser FinTechs schneller reagiert als ihre europäischen Pendants. „In Asien und den USA haben die Banken bislang mehr in die Digitalisierung ihrer IT-Strukturen investiert. Zugleich haben sie sich schon besser mit den unterschiedlichsten neuen Playern aus der FinTech-Szene und den sozialen Medien verlinkt, um diese Kanäle für ihre eigenen Kunden zu nutzen“, hat Markus Burghardt analysiert.

Zu den FinTech-Unternehmen zählen auch Anbieter wie der Berliner Start-up-Finanzierer Bergfürst, der über eine eigene Banklizenz verfügt. Und die wollen gegenüber den alteingesessenen Banken in der Unternehmensfinanzierung mit transparenter Informationspolitik, niedrigeren Kosten und einer technologischen Ausstattung auf dem neuesten Stand punkten. „Die Digitalisierung eröffnet im Finanzierungsprozess ganz neue Ansätze“, sagt Guido Sandler, Vorstands-Chef von Bergfürst. „Dank eines leistungsstarken Onlineprozesses und einer schlanken Gebührenstruktur schaffen wir eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Dazu sind im Sinne der neuen Regulierungen beim Verbraucherschutz transparente Angebote erforderlich, und die führen zu fairen Gebührenmodellen.“

Weltweit vernetzt sind die FinTechs über Plattformen wie das 2010 in Kopenhagen gegründete Start-up-Bootcamp. Haben sich Unternehmen registriert, können sie über ein dreimonatiges Programm Partner, Investoren und Mentoren kennenlernen. Und die gilt es, vom eigenen Geschäftsmodell zu überzeugen. Gelingt das, kommen sie über das globale Netzwerk mit Geschäftspartnern in Kontakt. Längst haben sich Sponsoren wie Amazon WebServices, Samsung, Google Cloud Platform oder Intel in das Start-up-Bootcamp eingeklinkt.

Derzeit noch führende Unternehmen wie die Commerzbank arbeiten intensiv daran, nicht das Schicksal der Dinosaurier zu erleiden. „Die Kooperation mit FinTechs schafft Mehrwert für das Geschäftsmodell der Commerzbank im Sinne von mehr Produkten und Services für die Kunden“, erläutert Matthias Lais, Banking-Experte bei main incubator. Die im Jahr 2014 gegründete FinTech-Schmiede der Commerzbank baut auf ein Expertennetzwerk aus externen Spezialisten und früheren Commerzbank-Mitarbeitern wie Lais, die weiterhin in den hausinternen Strukturen vernetzt sind. Gefördert werden sollen Start-ups, deren Produkte auch in das Kundengeschäft der Commerzbank integriert werden können. Dazu zählen Backoffice- und New-Treasury-Lösungen für die Verwaltung von Finanzen bei Firmenkunden.

Die weltweit führenden Technologiekonzerne wiederum expandieren vor allem ins Mobile Payment. Dort haben Branchengrößen wie Google, Apple oder Facebook für ihre Nutzer schnelle und kostengünstige Lösungen für das Bezahlen mit dem Smartphone entwickelt. Ebenfalls im Kommen ist das chinesische Google-Pendant Alibaba. Das arbeitet nicht nur an technischen Neuheiten wie dem Selfie Payment, also dem Bezahlen mit dem Smartphone durch Gesichtserkennung. Über die Tochterfirma Ant Financial fährt Alibaba darüber hinaus ein breites Sortiment an Finanzdienstleistungen auf. Das reicht vom Bezahldienst Alipay über die digitale Geldbörse Alipay Wallet bis zum Mikro-Finanzierer Ant Credit. Um dieses Portfolio weiter auszubauen, soll ein separater Börsengang in China das nötige Kapital einspielen.

Auch wenn sich Ant Financial auf den Heimatmarkt beschränken will, wird der Aufstieg von Alibaba den globalen Wettlauf um die digitale Vorherrschaft im Einzelhandel beschleunigen. Branchenexperten gehen davon aus, dass der Newcomer aus dem Reich der Mitte mit seinen Finanzprodukten und Services in die Schwellenländer expandieren wird. „Die fundamentale Herausforderung für die Banken kommt von den Googles, PayPals und ApplePays, die in das Bankgeschäft gehen, um ihre eigenen Kunden mit neuen Services weiter zu binden“, kommentiert David McKay, Vorstandsvorsitzender der Royal Bank of Canada, im CEO-Survey von PwC die rasante Entwicklung.

Allerdings ist noch längst nicht ausgemacht, ob den meisten neuen Playern auch der Durchbruch in anderen Bereichen gelingen wird. „Die eigentliche Expertise der Banken liegt bei der Einschätzung von Kreditrisiken, etwa bei Konsumentenkrediten“, sieht Professor Christoph Kaserer von der TU München die Vorteile noch bei den etablierten Instituten. Einzelne Großbanken wie etwa Banco Santander haben in solchen Nischen bereits erfolgreich internetbasierte Geschäftsmodelle etabliert.

„Wo es um Skalierbarkeit, überregionale Reichweite und das Überwinden von regulatorischen Hürden geht, werden FinTechs an ihre Wachstumsgrenzen stoßen“, erwartet PwC-Finanzexperte Markus Burghardt. Sowohl unter den Banken als auch unter den Vertretern der New Economy wird gerade erst abgesteckt, wer künftig in welchen Geschäftsfeldern den Ton angeben wird. So ist bei den Banken weiterhin die Frage offen, wie sie die Ansätze der neuen Player in ihr eigenes Business integrieren. „Banken haben noch wenig Antworten und Start-ups in vielen Fällen wenig Ideen, wie sich digitale Innovationen auch massentauglich umsetzen lassen.“

Bildnachweis: Mecky/GettyImages, Floortje/GettyImages, Commerzbank, Roy Scott/GettyImages, PwC

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