Interview

„Mehr Freiheit“

Dominique Otten-Pappas

Im Mittelstand ist bereits jede fünfte Frau Firmenchefin. Liegt das auch an den vielen Töchtern, die inzwischen von ihren Vätern das Firmenzepter anvertraut bekommen?
In der Tat treten im Mittelstand zunehmend auch Töchter die Nachfolge an. Allerdings ist jeder Einzelfall anders. Ob nun der Sohn nicht zur Verfügung steht, weil er sich mehr für Musik und Kunstwissenschaft interessiert, oder auch immer mehr Töchter sich die Nachfolge zutrauen. Man wird für so eine Position nicht aufgrund des Geschlechts ausgewählt, sondern nach Beurteilung der fachlichen Kompetenz einerseits sowie der emotionalen Kompetenz andererseits – salopp gesagt nach der Frage, ob die Person die Gemüter der Familie nicht zu stark strapaziert.

Haben Töchter in diesem Punkt einen Vorteil gegenüber Söhnen?
Ein wesentlicher Punkt, in dem es einen Unterschied macht, ob ich als Sohn oder Tochter geboren bin, ist die Sozialisation. Das bedeutet: Ist es im Verständnis von mir und meiner Familie überhaupt möglich, Nachfolgerin im Unternehmen zu werden? Selbst wenn sich Väter bewusst darüber sind, dass sie ihre Kinder gleich behandeln sollten, schwelt in der Brust so manches Vaters der heimliche Wunsch, dass es doch bitte der Sohn sein soll. Wenn heute mehr Töchter als Nachfolgerin antreten, liegt das auch am kulturellen Wandel in den Köpfen der Eltern.

Sind Töchter als Nachfolger möglicherweise die besseren Söhne?
Vorsicht! Als gelungen gilt laut meinen Untersuchungen eine Nachfolge – ganz gleich ob durch den Sohn oder die Tochter –, wenn der oder die Betreffende für sich eine ganz klare Entscheidung für das Unternehmen trifft. Man muss diese Entscheidung bewusst zur eigenen Entscheidung machen. Nachfolger ist ja keine Stellenbeschreibung. Man entscheidet sich, sein Leben dem Unternehmen und der Unternehmer­familie zu widmen, die oft weit verzweigt und international verstreut sein kann. Was Töchter auf diesem Weg oft in eine bessere Situation bringt als die Söhne, ist, dass sie mehr Freiheit in der Wahl für oder gegen die Nachfolge haben. Durch die traditionellen Strukturen wird von Söhnen eher erwartet, dass sie Nachfolger werden, als von Töchtern. Diese haben daher weniger Druck. Das eröffnet ihnen die Möglichkeit, die Entscheidung nur für sich selbst zu treffen. Eine innerlich geklärte und aufgeräumte Unternehmerin an der Spitze tut der Firma gut.

Was treibt Töchter an, in die Fußstapfen des Vaters zu treten?
Zunächst gibt es da einiges, was die Töchter bremst. So ist beispielsweise die Aufgabe, Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen, für Frauen auf den ersten Blick sehr viel schwieriger. Vor allem wenn sie um die 30 Jahre alt sind und Familiengründung und Nachfolge zeitgleich passieren. Dabei ist die Akzeptanz des Lebenspartners eine spezielle Herausforderung. Die jungen Nachfolgerinnen sind oft bestens und international ausgebildet und haben entsprechende Partner. Doch der Mittelstand, der auf dem flachen Land beheimatet ist, stellt ein starkes Kontrastprogramm zu den Großstädten dar, wo die Ausbildung in aller Regel erfolgte und wo man eventuell auch den Lebenspartner gefunden hat.

Und die Männer wollen dann nicht mit in die Provinz?
In der Tat, die zu einer Nachfolgerin gehörigen Männer tun sich bisweilen schwer, der Liebsten aufs Land zu folgen. Die wollen ja selbst Karriere machen. Dabei kann der Einstieg als Unter­nehmerin für Frauen durchaus eine interessante Karriereentscheidung sein – gerade unter dem Aspekt der Verein­barkeit von Familie und Beruf. Es ist zwar weniger leicht, als manche sich das vorstellen. Aber es hat einen klaren Vorteil: In der Regel ist es in fremden Unternehmen weitaus schwerer als Frau vorwärtszukommen als im eigenen Unternehmen. Dort ist es schon allein deshalb leichter, weil Familie und Unternehmen oft am gleichen Ort sind und man dort dann auch das soziale Netzwerk aus anderen Familien­mitgliedern sowie mehr Flexibilität hat, selbst über die Arbeitszeit zu bestimmen.

Ist das auch der Grund, warum zunehmend Töchter elterliche Unternehmen übernehmen und dafür andere Karriere-Optionen ausschlagen?
Zumindest ist das einer der Gründe. Wer als Nachfolgerin ins Familien­unternehmen geht, kann besser abschätzen, was mit seiner Karriere passiert. Das ist weniger der Fall, wenn man sich für andere Unternehmen entscheidet. Und man landet gegebenen­falls bedeutend früher oben auf der Karriereleiter als andernorts, wo man länger braucht, um in die Geschäfts­führung zu kommen. Die Motivationen unterscheiden sich ansonsten nicht so sehr von denen der Söhne: nämlich die Tradition des Unternehmens fortzuführen, die Liebe zu etwas, mit dem man aufgewachsen ist, und der Antrieb, dem – oft sehr interessanten – Unternehmen seine eigene Handschrift verleihen zu können.

Ist es für Töchter schwerer als für Söhne, dem Vater als Firmenchef klarzumachen, dass er jetzt nicht mit seinem Kind, sondern mit seiner Managerin spricht?
Das kommt auf den Vater an. Aber es ist eigentlich eher leichter. Denn Töchter haben insofern einen Vorteil, weil sie weniger im direkten Vergleich stehen zu ihrem Vater aufgrund des Geschlechts. Und in kniffligen Situationen wissen sie auch schon mal besser als ein Sohn, wie sie den Papa um den Finger wickeln. Ihnen fällt es leichter, sich dem Vater an die Seite zu stellen. Eine Tochter geht nicht so sehr in die Konfrontation wie das bei Söhnen der Fall ist.

Fällt es Vätern schwer, ihren Töchtern harte unternehmerische Entscheidungen zuzutrauen?
Wenn es einem Mann schwerfällt, einer Frau unternehmerisches Denken zuzutrauen, dann tut er sich auch bei seiner Tochter schwer. Aber wenn die Vertrauensbasis stimmt – übrigens grundsätzlich die Basis für eine erfolg­reiche Nachfolge –, dann traut er ihr das auch zu. Allerdings haben viele Unternehmer in der Aufbauphase des Unternehmens oft zurückstecken und auf vieles verzichten müssen. Genau das wünschen sie sich oft nicht für ihre Töchter. Das ist also weniger ein Nicht-Zutrauen als ein Nicht-Zumuten-Wollen. Daher kommt es vor, dass Väter eher die Töchter schützen möchten, damit sie nicht das aus ihrer Sicht zu harte Leben eines Unternehmers führen müssen.

Werden Töchter häufig nur als „Notnagel“ eingesetzt, weil der Sohn für die Nachfolge nicht bereitsteht?
Eltern beobachten ihre Kinder über eine sehr lange Zeit. Daher: In Notsituationen ja, aber als Notnagel nein.

Was schätzen Väter an ihren Töchtern so besonders?
Dass sie sich darauf verlassen können, dass man die Dinge gemeinsam löst. Dass sie sich dem Vater an die Seite stellen, gemeinsam mit ihm arbeiten können. Sie fühlen sich tendenziell eher nicht so verdrängt. Allerdings gibt es auch da schwierige Situationen. Und sie sind auch stolz auf ihre Töchter.

Bildnachweis: Marina Rosa Weigl (2), PR

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