Interview

„Klares Besetzungsprofil erarbeiten“

Ab 2016 müssen in den Aufsichtsräten von 108 börsennotierten Unternehmen mindestens 30 Prozent Frauen vertreten sein. Dazu kommen die selbst zu verordnenden Quoten in rund 3500 mittleren Unternehmen. Ist die fixe Quote zu schaffen?
Allein im Dax müssen in den nächsten anderthalb Jahren rund 25 Frauen gefunden werden. In den viereinhalb Jahren seit 2011 wurden dort etwa 50 neue Frauen integriert. Diese Zahlen zeigen: Die neue Regelung ist ein ambitioniertes Ziel. Die Kernfrage lautet nun, welche Anforderungen man an die Führungserfahrung der Frauen stellt. Falls die Voraussetzung für das Vorrücken von Frauen in den Aufsichtsrat Erfahrung in einem Vorstand eines Unternehmens vergleichbarer Größe ist, haben wir ein Problem, denn die gibt es in Deutschland ja gerade nicht. Deshalb wird auch im Ausland gesucht. Eine Ausländerin hat den schönen Nebeneffekt, dass mit ihr die Internatio­nalität des Gremiums steigt.

Stehen überhaupt genügend qualifizierte Frauen zur Verfügung? Oder bekommen wir norwegische Verhältnisse mit Mehrfach-Aufsichtsrätinnen, die deshalb auch „goldene Röcke“ genannt werden?
Die Unternehmen werden nicht nur verstärkt im Ausland suchen, sondern bei ihrer Suche auch Universitäten, Forschungsinstitute oder Verbände einschließen, um den Kreis potenzieller Kandidatinnen zu erweitern. Und ja – selbstverständlich wird es weitere Frauen geben, die mehrere Aufsichtsratsmandate innehaben. Es gibt ja auch zahlreiche Herren, die Mehrfachmandate haben – und die werden dafür bisher nicht als „goldene Hosen“ bezeichnet. Die Gefahr einer übermäßigen Konzentration der Aufsichtsratsmandate bei wenigen Frauen schätze ich aber auch aus einem anderen Grund als nicht besonders hoch ein. Denn schon seit einiger Zeit wird darauf geachtet, dass die Aufsichtsratsmitglieder für ihr Mandat hinreichend Zeit mitbringen. Die kürzlich vorgeschlagenen Neuerungen des Deutschen Corporate Governance Kodex machen das noch mal deutlich. Die Zahl der Mandate, die eine Person glaubhaft bewältigen kann, ist also deutlich gesunken.

Welche Qualifikation sollten potenzielle Aufsichtsrätinnen mitbringen und worauf sollten Unternehmen bei der Besetzung von Aufsichtsräten achten?
Unternehmen müssen künftig noch mehr als bisher für den Aufsichtsrat ein Besetzungsprofil erarbeiten, das klarmacht, welche speziellen Qualifikationen in dem Gremium gebraucht werden. Dazu gehören unter anderem ein tiefes Branchenwissen, Kenntnisse der Rechnungslegung und des Risikomanagements, Erfahrungen mit der Auswahl von Führungskräften und deren Vergütung sowie seit Neuerem Know-how im Bereich Digitalisierung. Solch ein Profil ist nicht für jedes Unternehmen identisch, sondern immer ein Set ausgewählter Faktoren, die für ein Unternehmen in seiner speziellen Situation und seiner Branche wichtig sind. Daraus ist dann ein spezifisches Profil für die Suche der benötigten Kandidatin oder – jetzt für uns Männer leider erst mal seltener – des Kandidaten abzuleiten.

Bildnachweis: PwC, PR (4)

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