Vom Bullen zu den Pferden

Vor großen Tieren hatte Sandy Lerner noch nie im Leben Angst. Nicht im Alter von neun Jahren, als die Nichte kalifornischer Birnenzüchter bereits ihren ersten Zuchtbullen besaß. Und auch nicht mit 16, als ihr – nach dessen gewinnbringendem Verkauf – eine ganze Rinderherde gehörte, mit deren Verkauf sie sich ihr College-Studium finanzierte. Heute züchtet sie auf ihrer 800 Hektar großen Ayrshire Farm in den mystischen Blue Ridge Mountains im Nordosten des US-Bundesstaates Virginia nicht nur die einst fast ausgestorbenen schottischen Hochlandrinder, sondern auch Shire Horses, die großwüchsigste Pferderasse der Erde. Die Reittiere wurden einst für Ritterturniere herangezüchtet. „Nebenbei“ restaurierte Sandy Lerner das 42-Zimmer-Anwesen des Bruders von Jane Austen und lässt dort Literaturwissenschaftlerinnen forschen, vermietet es gewinnbringend und lädt zu Tanzabenden im Stile des 18. Jahrhunderts ein – bei denen sie selbst das Parkett betritt, wie alle Gäste natürlich in originalgetreuen Kostümen.

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Sie kann sich das leisten. 1984 hatte sie zusammen mit ihrem damaligen Mann Leonard Bosack das Unternehmen Cisco gegründet, das weltweit einen neuen Standard für Networking-Plattformen setzte. Was in ihrem Wohnzimmer begann, wurde während des Internetbooms Mitte der 90er-Jahre zum stärksten Bullen der Aktienmärkte und beschäftigt heute 75.000 Mitarbeiter, die rund 50 Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaften.

Ich bin niemand, der gern festgefahren ist“, so Sandy Lerner. So wie 1990, nachdem sie Cisco nach einem Machtkampf verlassen musste und ein Aktienpaket im Wert von 170 Millionen Dollar mitnahm. Sie überwand den Karriererückschlag auf ihre eigene Art: In den 90er-Jahren revolutionierte sie kurzerhand die Kosmetikindustrie durch die Herstellung neuer Farben. Statt herkömmlichen Rots und Pinks stellte ihre Firma Urban Decay nun Nagellacke, Lidschatten und Lippenstifte in Vamp-Farben wie Grau, Blau und Schwarz her. Hollywoodstars benutzten das Make-up und machten es berühmt. 2000 verkaufte Lerner das Unternehmen an den französischen Luxusgüterkonzern LVMH.

Wie zu alten Cisco-Zeiten wird bei ihr auch heute nicht gekleckert. Statt IT-Tüftlern arbeiten jetzt rund 100 Farmer und Züchter für Lerner auf dem 1996 gekauften Anwesen. Wer glaube, wirklich schräge Leute zu kennen, der habe noch nie mit ihr Bekanntschaft gemacht, bekannte sie einmal in der Zeitschrift „Business Punk“. „Lassen Sie sich eines sagen: Ich bin noch seltsamer.“ Und korrigierte sich gleich darauf: „Na ja, seltsam, das war ich früher. Heute bin ich exzentrisch, weil ich reich bin. “

Schon während ihrer Zeit als Unternehmerin war Sandy Lerner eine Frau, die gern übers Ziel hinausschoss und dabei trotzdem Erfolg hatte: stets extrem ehrgeizig, wissenshungrig, intelligent und neugierig. Insgesamt stiftete sie seit ihrem Cisco-Abschied über 70 Prozent ihres Vermögens für Tierschutz und Wissenschaft. Und veröffentlichte 2011 unter dem Pseudonym Ava Farmer („A Virginia farmer“) eine Fortsetzung von Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“ – die sie demnächst verfilmen will.

Bildnachweis: Bertrand Rindoff Petroff/GettyImages, Robert Fairer/laif, Martin Lengemann/laif, Andrew Crowley/Picture Press, Venturelli/GettyImages, Christopher Polk/GettyImages

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