Die Super-Marke

Mir fällt einfach keine stärkere Marke als Oprah Winfrey ein – und ich habe 200 Jahre Marken-Geschichte untersucht“, sagt Nancy Koehn, Professorin an der Harvard Business School. Niemandem vertrauen die Amerikaner mehr als der Talkshow-Moderatorin. Nicht schlecht für jemanden, der als Mädchen in Kleidern aus Kartoffelsäcken aufwuchs.

Abbildung articles/mutmacherinnen/oprah-winfrey.jpg

Die heute 61-jährige Unterhalterin und Unternehmerin Oprah Winfrey ist eine der reichsten und einflussreichsten Personen der US-Medienbranche (drei Milliarden Dollar Vermögen laut „Forbes“): mit regelmäßigen Platzierungen in Ranglisten der mächtigsten Menschen der Welt und mit einer so gewaltigen Auswirkung auf den Umsatz der von ihr erwähnten Produkte, dass die Marketingforscher ihr sogar einen eigenen Begriff gewidmet haben, den „Oprah-Effekt“. Damit bezeichnen die Marketer das direkte Durchschlagen der Erwähnung eines Produkts durch Oprah auf dessen Absatzzahlen. Ein Buch, das sie empfahl, konnte leicht eine Million zusätzliche Exemplare verkaufen – sogar ein uralter Schulbuchklassiker wie John Steinbecks „Jenseits von Eden“ schaffte es auf diese Weise noch einmal an die Spitze der Bestsellerliste. Von Bauch-weg-Strumpfhosen bis zum Urlaubsziel Australien reicht die Liste der Produkte, die von einer Empfehlung in Oprahs Show profitierten, und wenn sie ein Produkt kritisierte, brachen dessen Umsatzzahlen ein – als sie 1996 mitten in der BSE-Krise ankündigte, keine Burger mehr essen zu wollen, sackten die Rindfleischpreise an der Warenterminbörse um zehn Prozent ab.

Ihre Startbedingungen für diesen einzigartigen Erfolgskurs hätten kaum schlechter sein können: Als uneheliche Tochter einer Teenie-Mutter aus dem damals noch offen rassistischen US-Südstaat Mississippi lebte sie als Kind abwechselnd bei Großmutter, Mutter und mutmaßlichem Vater in ärmsten Verhältnissen, wurde von Verwandten sexuell missbraucht. Als sie neun Jahre alt war, riss mit 13 von zu Hause aus, wurde mit 14 schwanger, verlor ihren Sohn kurz nach der Geburt. Aus einer solchen Lage kommt man selbst im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nur selten nach oben.

Dass Oprah Winfrey es dennoch schaffte, lag vor allem an ihr selbst: an ihrer Bühnenpräsenz, an ihrer Offenheit und Empathie und an ihrer Authentizität. Wenn Oprah sagt, dass ihr etwas gefällt, dann gefällt es ihr auch wirklich und umgekehrt. „Live Your Best Life“ heißt ihre Botschaft an sich selbst und an ihre (meist weiblichen) Zuschauer. Im Schnitt saßen in den 25 Jahren von 1986 bis 2011 zwischen sieben und zwölf Millionen Amerikaner vor den insgesamt 4561 Episoden ihrer täglichen Talkshow.

Auch viele der meistgesehenen Interviews im US-Fernsehen gingen auf ihr Konto: von Michael Jackson 1993 über den frisch verliebten Tom Cruise 2005 bis zu Lance Armstrongs Drogenbeichte Anfang 2013. Und „auf ihr Konto“ ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen. Seit 1988, also kurz nach dem Start ihrer Talkshow-Karriere, produziert Oprah Winfrey alle ihre Auftritte mit ihrer eigenen Firma: Harpo Productions, eine Umkehr der Buchstaben ihres Vornamens. Heute ist diese Form der Star-Ökonomie üblich, seinerzeit war Winfrey Pionierin.

Inzwischen ist Harpo Productions weit mehr als nur eine Fernsehproduktionsfirma: Das Unternehmen mit mehr als 10.000 Beschäftigten betreibt eigene Radiostationen, publiziert Zeitschriften, dreht Filme und ist seit 2011 zu 50 Prozent Eigentümer eines eigenen Kabel-Kanals namens Oprah Winfrey Network. Die übrigen 50 Prozent hält der Disney-Konzern. „Ich wollte niemals wieder in die Lage geraten, etwas nicht machen zu können, was ich machen will, nur weil jemand mir sagt, dass ich es nicht dürfe“, begründete sie ihre Entscheidung, zur Medienunternehmerin zu werden.

Bildnachweis: Bertrand Rindoff Petroff/GettyImages, Robert Fairer/laif, Martin Lengemann/laif, Andrew Crowley/Picture Press, Venturelli/GettyImages, Christopher Polk/GettyImages

Newsletter abonnieren

Mit dem Newsletter verpassen Sie keine Ausgabe der next: Das Magazin für Vorausdenker

Anmelden
Feedback

Sie möchten uns Feedback zu diesem Beitrag geben? Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung.

Feedback
Diesen Beitrag teilen

Hier können Sie den Beitrag über soziale Medien teilen.

Teilen