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Aus eigener Kraft

Bohne bitte ohne!

Alyssa Jade McDonald verkauft mit ihrem Start-up Blyss die reinste Form der Schokolade. Und hilft sogar der Konkurrenz.

Es ist fünf Uhr morgens in Manila, und Alyssa Jade McDonald-Bärtl zwitschert bester Laune vom Skype-Bildschirm. Was treibt die Unternehmerin, deren Schokoladen-Start-up Blyss in Rosenheim sitzt, auf den Philippinen? „Ich bringe den Kakaobohnen-Bauern und -Köchen etwas über ihre Schokolade bei“, sagt sie vergnügt. McDonald-Bärtl verkauft Schokolade, doch diese Jobbeschreibung wäre eine freche Untertreibung: Die Gründerin ist eine Botschafterin des wahren, guten Schmelzes.

Alyssa Jade McDonald-Bärtl verliebte sich in pure Schokolade, folgte ihrem Herzen und fand in Ecuador die perfekte Kakaobohne für ihre Firma Blyss.

Alyssa Jade McDonald-Bärtl verliebte sich in pure Schokolade, folgte ihrem Herzen und fand in Ecuador die perfekte Kakaobohne für ihre Firma Blyss.

„Wie beim Wein kann man schmecken, wo die Kakaobohne gewachsen ist“, sagt sie, „wie das Wetter war, welche Nährstoffe die Pflanze aufgenommen hat.“ Über einen Webshop bietet sie ihre eigenen Bohnen feil – statt als Tafel oder Riegel verkauft sie ihre Schokolade in dieser ursprünglichen Form, ohne Geschmacksverfälscher wie Zucker oder Milch. Nur die pure Bohne Arriba Nacional, schonend verarbeitet bei 50 Grad Celsius, wie kostbares kalt gepresstes Olivenöl. Was ist das Besondere an dieser Bohne? „Sie hat deutliche fruchtige Noten, einen leichten Jasmineinschlag und ein sattes, nussiges Finish“, lobt die Gründerin – als würde sie einen Bordeaux beschreiben. McDonald-Bärtl ist Gründerin aus Tradition – wenn sie auf ihrem Weg zunächst auch einige schlingernde Volten schlug. Selbstständig sein, etwas wagen, dem Herzen folgen, das kennt sie von klein auf. Ihre Eltern und Großeltern züchteten Rinder und bewirtschafteten Kautschukplantagen in Papua-Neuguinea und Australien. In Ecuador arbeiten heute 450 Familien auf ihren Plantagen nach ökologischen Anbauprinzipien für Blyss.

Zunächst entschied sich Alyssa, ganz aufmüpfige Tochter, gegen die unternehmerische Familientradition, ging nach Deutschland und heuerte – eine eher unklassische Form der Rebellion – bei einem Konzern an: Sie arbeitete als Head of International Communications bei der Deutschen Telekom. Bis sie ernsthaft krank wurde. Alyssas Großvater mütterlicherseits war ein renommierter Patissier in Sydney. Sie studierte seine alten Rezepte, dazu Aufzeichnungen und Briefe ihrer Entrepreneur-Familie, werkelte drei Jahre lang neben dem Job in ihrer Küche an Schokoladenrezepten – und wagte dann den Sprung: Sie kündigte ihren Job und ging nach Ecuador, um die perfekte Bohne zu finden.

Wühlte selbst in der Erde, ließ sich von Moskitos zerstechen, spürte einen Pistolenlauf an ihrer Schläfe. Und beschloss nach einigen Produkt- und Vertriebsvarianten, die pure Bohne direkt zu vertreiben.

Und ihre eigene Form des Familienunternehmens aufzubauen: „Ein Bruder kümmert sich um unsere Verträge, der andere um Human Resources, mein Mann schaut auf meine Zahlen, meine Freundinnen helfen mir bei Übersetzungsarbeiten – ich plane die Entwicklung meines Start-ups um meine Vorstellung davon, wie ich gern leben möchte.“

Dazu gehört auch ein zunächst paradox wirkendes Engagement: Alyssa Jade McDonald berät auch große Schokoladenhersteller beim Einkauf, also ihre Konkurrenz: Wenn sie als Kleine die Großen dazu bewegen könnte, nur ein wenig ökologischer, sozialer, nachhaltiger zu denken, habe sie schon viel erreicht, sagt McDonald-Bärtl: „Only when you do, you can influence.“

Pakete gegen Shopping-Frust

Anna Alex und Julia Bösch lindern mit Outfittery die männliche Einkaufsunlust – mit Outfitpaketen, die dem persönlichen Kundenstil entsprechen.

Männer sind Temperaturshopper – das hat Anna Alex, Mitgründerin von Outfittery, in den vergangenen drei Jahren gelernt: „Oft werden sie einfach von den Jahreszeiten, die sich ja immer völlig überraschend ändern, kalt erwischt“, sagt die 30-Jährige: „Dann brauchen Männer ganz unvorhersehbar schnell eine neue Jacke.“ Der Erwerb von Mantel, Pullover, Hose bedeute für Männer meist Frust statt Lust. Anna Alex und Julia Bösch wollen das ändern. Outfittery-Kunden beantworten zunächst online einige bebilderte Fragen, um ihren persönlichen Stil einzugrenzen. In einem Telefonat mit einer Modeberaterin werden die Feinheiten abgeklopft, dann stellt die Stylistin ein Paket mit Outfit-Vorschlägen zusammen. Aus diesem behält der Kunde, was ihm gefällt, der Rest geht kostenfrei retour. Auf die Idee zu Outfittery kamen Alex und Bösch, als sie mit einem Freund nach New York reisten. „Er leistete sich dort einen Personal Shopper, der ihn durch die passenden Läden lotste, und kam nach ein paar Stunden happy wieder zurück – bestens ausstaffiert für die nächsten Monate“, sagt Anna Alex.

<p>Stilberatung für die Männerwelt ist der Kern des Geschäfts­modells der Outfittery von Anna Alex und Julia Bösch.</p>

Stilberatung für die Männerwelt ist der Kern des Geschäfts­modells der Outfittery von Anna Alex und Julia Bösch.

Die Aufgaben in ihrem Start-up haben die Frauen klar unter sich aufgeteilt. Julia Bösch ist verantwortlich für Marketing, Finance und Sales – vor ihrer Gründung leitete sie die Internationalisierung von Zalando in Europa. Anna Alex kümmert sich um IT, Operations und Einkauf – sie war vor Outfittery für den IT-Bereich der Schweizer Group Buying verantwortlich.

Spüren die Gründerinnen nun Unterschiede zwischen ihren bisherigen Arbeitsorten und ihrem eigenen, von Frauen aufgebauten Unternehmen? „Uns liegt die Unternehmenskultur sehr am Herzen“, sagt Anna Alex. „Das ist keine rein weibliche Eigenschaft, aber vielleicht haben Frauen doch eine größere Sensibilität dafür: Wie ticken unsere Mitarbeiter? Weiß jeder, welche Vision wir verfolgen? Vielleicht ist es schon typisch weiblich, auf diesen Bereich den Fokus zu legen.“ Transparenz ist den beiden Frauen wichtig, und so flache Hierarchien wie möglich wollen sie. Auch die Praktikanten, sagt Alex, könnten jederzeit mit Ideen zu den Gründe­rinnen kommen:„Ego und Position sind bei uns nicht so wichtig.“

Inzwischen beschäftigt Outfittery 150 Mitarbeiter, davon 80 Style-Experten, die an den Stilprofilen der insgesamt 200 000 Kunden feilen. Im März konnte das Start-up 20 Millionen Dollar frisches Kapital einsammeln. Die Argumente für Outfittery: Das Start-up vereint die Vorteile des Onlineshops – bequemes Einkaufen, ohne das Sofa verlassen zu müssen – mit dem Plus des Einzelhandels, der persönlichen Beratung. „Curated Shopping“, so heißt die nächste Evolutionsstufe des E-Commerce.

Könnte sie sich vorstellen, das persönliche Outfit-Paket auch einmal für Frauen anzubieten? „Ich würde es nicht ausschließen“, sagt Anna Alex, doch vorerst gelte ihr Augenmerk allein den Männern: „Frauen ticken in Sachen Kaufpsychologie anders, sie kaufen gern einzelne Teile, nur selten komplette Outfits.“ Anders als die Männer eben, die am liebsten auf einen Schlag alle benötigte Kleidung für die nächsten Monate in die Kleiderschrankhöhle schleppen. Bis zum nächsten überraschenden Jahreszeitenwechsel.

Don’t think pink!

Ida Tin will Frauen mit ihrer App Clue die Vorgänge im eigenen Körper näherbringen. Umfassend, nicht verkitscht.

Bloß keine Blümchen, bloß keine Bienchen! Und um Himmels willen bitte nicht Pink! Als Ida Tin 2008 nach einer App suchte, um ihren Menstruationszyklus zu tracken, schreckte sie vor allem das verkitscht-mädchenhafte Design der Angebote ab – und die Tatsache, dass die Apps einen stark eingeschränkten Blick auf den weiblichen Körper hatten. „Ich suchte nach einer Alternative zur Pille und wunderte mich, dass noch niemand versucht hatte, das Thema Fruchtbarkeit datenbasiert und wirklich umfassend zu verstehen und zu kontrollieren“, sagt die 35-jährige Dänin.

Gründerin Ida Tin nimmt sich mit ihrer App des Themas Fruchtbarkeit an und erleichtert Frauen damit die Familien­planung.

Gründerin Ida Tin nimmt sich mit ihrer App des Themas Fruchtbarkeit an und erleichtert Frauen damit die Familien­planung.

Im Dezember 2012 gründete sie gemeinsam mit ihrem Partner Hans Raffauf das Online-Start-up BioWink, um diesen Mangel mit ihrer App Clue zu lindern. Clue ist ein digitales Werkzeug für Frauen, die ihren Zyklus besser verstehen möchten: Die App zeigt nicht nur an, wann die nächste Periode fällig ist oder wann die nächsten fruchtbaren Tage sind, sondern bietet auch die Möglichkeit, viele körperliche und psychische Reaktionen, die damit in Zusammenhang stehen, einzutragen und zu beobachten. Und all das ganz ohne Pink- und Rosatöne. „Als wir launchten, tweetete jemand, um sich für das Design zu bedanken“, sagt Ida Tin. „Sie schrieb: Endlich eine App, die nicht danach aussieht, als hätte My little Pony gerade seine Periode bekommen.“ Und endlich eine App, die ihren Fokus nicht darauf legt, Frauen zu assistieren, die schwanger werden wollen, wie es viele der Konkurrenzprodukte tun.

Tatsächlich helfe Clue vielen Nutzerinnen dabei, neue Zusammenhänge herzustellen. Dass etwa bestimmte Kopfschmerzen immer an derselben Stelle des Zyklus auftreten. „Eine Opernsängerin sagte uns, sie habe festgestellt, dass sich ihre Stimme im Laufe ihres Zyklus ändert“, sagt Tin. Ihre Vision ist es, ein Gesundheitsprofil aus den von den Nutzerinnen eingetippten Daten generieren zu können: „Ich nenne das ,datafyling reproductive health‘. Technik ist meiner Meinung nach die Zukunft der Familienplanung – vor allem, wenn sie so unkompliziert über ein Smartphone zu bedienen ist.“ Auch Männer nutzten die App, um Reaktionen und Gefühlslage ihrer Partnerin besser verstehen zu können, sagt sie.

Noch ist die Clue kostenlos. Wichtiger als Monetarisierung ist Ida Tin momentan noch das Wachstum ihrer Nutzerinnenschaft: „Wir wollen weltweit die Nummer eins werden. Es melden sich immer wieder Frauen, die gern freiwillig für die App bezahlen würden – weil sie sich dann sicherer fühlten, dass wir ihre Daten nicht verkaufen.“ Vielleicht, so überlegt sie, werde sie bald einen kleinen Betrag für die Benutzung verlangen. „Nicht um Geld zu verdienen, sondern um einem Nutzerwunsch nachzukommen, so sonderbar das klingt.“ Im März haben Tin und Raffauf zwei Millionen Dollar Investorengeld eingesammelt. Damit wollen sie ihr Team erweitern – und an ihrem bereits mythenumwobenen Hardware-Produkt arbeiten, das irgendwann auf den Markt kommen und wirklich Geld verdienen soll.

Alles wird erleuchtet

Lisa Lang setzt mit ElektroCouture auf tragbare Technologien – und ihre fränkischen Wurzeln.

Die wichtigsten Lektionen auf dem Weg zur eigenen Gründung hat Lisa Lang nicht in einem Inkubator oder Start-up-Bootcamp gelernt, sondern in einem fränkischen Dorf und einer australischen Großstadt. „Ich komme aus einer Handwerksfamilie in Franken – und auch wenn sich dort niemand selbst so nennen würde, sind das natürlich alles Entrepreneure“, sagt die 32-jährige Gründerin von ElektroCouture, einer Agentur für Wearable Tech.

Modische Accessoires wie twitternde Halstücher und leuchtende Manschettenknöpfe sind das Metier der Gründerin Lisa Lang.

Modische Accessoires wie twitternde Halstücher und leuchtende Manschettenknöpfe sind das Metier der Gründerin Lisa Lang.

Wer twitternde Halstücher oder individualisierte leuchtende Manschettenknöpfe sucht, ist bei Lang richtig: In ihrem Team gibt es sowohl eine Schneiderin wie einen Elektriker, und sie selbst ist die Dolmetscherin zwischen der Sprache des Designs und dem oft vernuschelten Elektronik-Dialekt. Ihre diplomatischen Fähigkeiten hat sie ebenfalls in Franken geschult: „Auf dem Dorf lernte ich, ein sehr pragmatisches Verhältnis zu den Leuten um mich herum zu entwickeln. Man kann ihnen auf so kleinem Raum nicht entkommen, man muss sich arrangieren. Und lernt schnell zu erkennen, wo die Stärken jedes Einzelnen liegen.“

Bei ihrem Studium der Neuen Medien lernte Lang in einem Workshop eine weitere Lektion: „Wir haben elektrisches Kinderspielzeug auseinandergenommen, uns angeschaut, wie alles funktioniert, um daraus Instrumente für ein Techno-Orchester zu bauen.“ Auseinandernehmen – studieren – neu zusammensetzen, ein Dreischritt, der sich auf viele Bereiche in ihrem Leben übertragen lässt. Als sie schließlich für ein Praktikum ein halbes Jahr nach Australien gehen wollte, blieb sie am Ende fünf Jahre und lernte die nächste wichtige Lektion: den immensen Wert eines guten Netzwerks. „In Australien ist das nicht nur eine Floskel, sondern lebenswichtig: weil das Land zwar groß ist, aber dort verhältnismäßig wenige Menschen leben.“

Zurück in Deutschland, arbeitete sie für das Technologie-Festival Campus Party, für das sie Speaker buchte – und dabei ihr Netzwerk noch engmaschiger knüpfte. Ein Lasercutting-Workshop im Berliner Fab Lab, einem Makerspace mit 3-D-Druckern und anderen Do-it-yourself-Gerätschaften, weckte ihre Leidenschaft für Wearable Tech. „Ich habe jede freie Minute im Fab Lab verbracht und mir beigebracht, mit den nötigen Maschinen umzugehen, um mir genau den Schmuck zu bauen, den ich haben will.“ Oft hätten Frauen Scheu davor, andere um Hilfe zu bitten, aus Angst, das könnte peinlich oder unsouverän wirken. „Ich bin schamlos zu allen hingegangen und habe gefragt: ‚Du, wie funktioniert das?‘“

Mit ihrem eigenen Start-up ElektroCouture will Lisa Lang Schmuck und Kleidung für Menschen schaffen, die zwar geeky und tech-affin aussehen möchten, „aber nicht wie ein Zirkuspferd“, sagt Lang. „Wir machen Licht tragbar“, lautet ihr Unternehmensclaim, weil sie viel mit LEDs arbeitet. Statt selbst aufwendige Herstellungsprozesse zu stemmen, setzt Lang auf clevere Kollaborationen. „Wenn ich irgendwo tollen Schmuck entdecke, sage ich zur Designerin oder zum Designer: Ich kann deine Sachen zum Leuchten bringen – wenn ich den Schmuck komplett selbst herstellen müsste, würde das so lange dauern, dass die Sensoren darin längst veraltet wären.

Bildnachweis: Marina Rosa Weigl (8), PR (2)

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