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Stadt-Land-Standort

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die attraktivste, wirtschaftsfreundlichste, innovativste, dynamischste, zukunftsfähigste und überhaupt die tollste Stadt im ganzen Land? Regelmäßig erstellen Wirtschaftsinstitute, Beratungsgesellschaften und auch Medien unter diesen Fragestellungen Rankings zum Wirtschaftsstandort Deutschland. Darin kann sich mal die eine, mal die andere Region als Sieger fühlen. Vielen Stadtoberhäuptern geht es dabei wie der bösen Königin im Märchen der Brüder Grimm. Sie sind zwar „schön“, aber immer gibt es in der nächsten Rangliste hinter den sieben Bergen noch ein Schneewittchen, das „tausendmal schöner ist“.

Was genau also macht eine Stadt oder Region stark? Wann ist sie attraktiv für Unternehmen? Welche Faktoren müssen zusammenkommen, damit das Investitionsklima stimmt und langfristig eine positive Standortentwicklung zu verzeichnen ist? „Früher waren die Personalkosten einer der entscheidenden Faktoren. Heute und vor allem in Zukunft steht die Fachkräftesicherung viel stärker im Fokus“, betont Felix Hasse, Partner im Unternehmensbereich Öffentlicher Sektor bei PwC. „Und Arbeitgeber müssen auch Trends berücksichtigen, die in der Lebensplanung junger Menschen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Dazu gehört, in Metropolen ein kleinstädtisches oder gar ländlich anmutendes Lebensumfeld für Familien zu erhalten oder zu schaffen. Dazu gehören nachbarschaftliche Nähe, ruhige und grüne Oasen inmitten der Stadt, aber auch zum Beispiel der Bauernmarkt um die Ecke.“

Für Unternehmen, die eine Neuansiedlung oder Erweiterung planen, rücken daher neben harten Fakten wie Quadratmeterpreisen für Grundstücke, Ansiedlungssubventionen, Steuersätzen und Verkehrsanbindung zunehmend weiche, familienbezogene Aspekte in den Vordergrund: Mietpreise für Wohnungen in Relation zum Lohn- und Gehaltsniveau, Kinderbetreuung, Schulen und Weiterbildung, eine diversifizierte Palette verschiedener Branchen mit entsprechenden Jobmöglichkeiten für Doppelverdiener und nicht zuletzt Freizeitmöglichkeiten. Kurz: Wie lebenswert ist der künftige Standort? Im Wettbewerb der Städte untereinander gewinnen diese Faktoren – oftmals emotionalisiert zu einem positiven Image – an Bedeutung.

Ein Kommune, die derzeit fast alles richtig macht, ist Würzburg. Die beschauliche, von Weinbergen umgebene 130.000-Einwohner-Stadt in Unterfranken zeichnet sich durch eine besonders dynamische Wachstumsentwicklung aus und bietet rund um die historische Altstadt Lebensqualität pur. Ausgestattet mit der ältesten Universität Bayerns setzt Würzburg auf eine enge Verzahnung von Wissenschaft und Praxis. „Wir bauen gezielt mit den Hochschulen und vor allem mittelständischen Unternehmen den Standort aus. Dies führt zu einer attraktiven Start-up-Szene in Würzburg und der Region“, sagt Oberbürgermeister Christian Schuchardt. So kümmert sich ein Servicezentrum Forschung und Technologietransfer (SFT) gezielt darum, Gründer und Erfinder zu beraten, Drittmittelförderung einzuwerben, ein starkes Alumni-Netzwerk aufzubauen und somit Studienabgänger in der Region zu halten.

Entscheidende Frage: Wie lebens­wert ist der Firmen-Standort? „Express Grill“ in Leipzig und „Aale-Dieter“ in Hamburg.

Entscheidende Frage: Wie lebens­wert ist der Firmen-Standort? „Express Grill“ in Leipzig und „Aale-Dieter“ in Hamburg.

Wie in einem solch wirtschaftsfreundlichen Umfeld aus einem Start-up ein Marktführer werden kann, zeigt das Beispiel der Flyeralarm GmbH. 2002 gründete Thorsten Fischer in seiner Heimatstadt Würzburg die Online-Druckerei. Zur Abwicklung seiner Aufträge nutzte er vor Ort vorhandene Kapazitäten in anderen Druckereien, denn Würzburg hat eine lange Tradition in diesem Sektor. Unter anderem ist der renommierte Druckmaschinenhersteller König & Bauer hier ansässig. Heute vertreibt Flyeralarm vom Briefpapier über Visitenkarten bis hin zu Tragetaschen und sogar Schlitten alles, was sich bedrucken lässt, und ist in zehn europäischen Ländern vertreten. Täglich verlassen mehr als 15.000 Pakete das Auslieferungszentrum. 1.600 Mitarbeiter sind in Würzburg und an weiteren Standorten in Deutschland tätig. Der neue Vorstandschef Markus Schmedtmann hält die Rahmenbedingungen in Würzburg für sehr gut, weil sich hier „eine historisch gewachsene Tradition des Druckgewerbes mit Innovationen und Visionen für das digitale Zeitalter“ verbinde. Das Image des dynamischen Start-ups pflegt Flyeralarm weiterhin, weil es ein wichtiger Wettbewerbsvorteil im Kampf um die besten Köpf der IT-Branche ist.

Ein anderer Underdog mit hervorragenden Zukunftsaussichten aufgrund der hohen Lebensqualität ist Freiburg im Breisgau. Weil Groß- oder Schwerindustrien in der näheren Umgebung fehlen, fördert die gemütliche Unistadt am Fuße des Schwarzwaldes schon seit vielen Jahren forschungsnahe Dienstleistungen. Mit fünf Instituten und 2.000 Mitarbeitern ist Freiburg beispielsweise der größte Standort der Fraunhofer-Gesellschaft in Deutschland. Um diese Spitzenforschung herum sind Cluster angesiedelt – zu erneuerbaren Energien (Green City), zur Mikro-Systemtechnik mit Sensorik für Telekommunikation, zu Automobilbau oder Mess- und Steuerungstechnik sowie zur Gesundheitswirtschaft mit einer Reihe von hoch spezialisierten medizintechnischen Unternehmen.

Früher war Freiburg wegen seines Öko-Images vor allem unter Studenten attraktiv, heute zieht zusätzlich der Faktor Lebensqualität auch junge Familien an. „Für uns spricht nicht nur das schöne Wetter, sondern auch die geografische Lage am Fuße des Schwarzwaldes, die unmittelbare Nähe zur Schweiz und zu Frankreich und auch die starke ökologische Ausrichtung der Stadt“, sagt der Geschäftsführer der Freiburg Wirtschaft, Touristik und Messe GmbH, Bernd Dallmann. Deshalb sind in seiner Gesellschaft – nur wenige Schritte vom Rathaus entfernt – auch die Wirtschafts- und Tourismusförderung und die kommunale Ansiedlungsvermittlung für Messen und Kongresse unter einem Dach vereint. Es könnte ja sein, dass jemand als Tourist oder Messebesucher kommt – und als Unternehmer oder Arbeitnehmer bleibt.

Jede Region muss maßgeschneiderte Konzepte ent­wickeln: Pizza in Schwerin und Bratwurst in Weimar.

Jede Region muss maßgeschneiderte Konzepte ent­wickeln: Pizza in Schwerin und Bratwurst in Weimar.

Würzburg und Freiburg sind zwei Gewinnerstädte. Aber es gibt auch Verlierer. Unter dem Titel „Deutschland 2030 – Die Arbeitsplätze der Zukunft“ hat PwC zusammen mit dem Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut eine Prognose gewagt, wie sich die Städte und Regionen in Deutschland in den kommenden 15 Jahren entwickeln werden. Die wichtigsten Ergebnisse:

• Vor allem in den Metropolregionen des Westens, im Großraum Berlin und im westlichen Niedersachsen werden neue Arbeitsplätze entstehen. In den strukturschwachen ländlichen Regionen und in großen Teilen der neuen Bundesländer stehen dagegen schmerzhafte Anpassungen bevor.
• Aufgrund des demografischen Wandels müssen die dynamischen Regionen ihr Wachstum besser managen als bisher und das Problem steigender Mieten, des Infrastrukturausbaus und der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften in den Griff bekommen.
• Die Verlierer der Bevölkerungswanderung sollten sich rechtzeitig darauf einstellen, „intelligent zu schrumpfen“. Nicht mit knappen Mitteln den Mangel verwalten, sondern neue Chancen des demografischen Wandels erkennen und nutzen.
• Es gibt keine Patentrezepte und keine „Heilsbringer“. Jede Region muss maßgeschneiderte Konzepte entwickeln, um Wachstumspotenziale zu erkennen und umzusetzen. Dafür braucht es strategisches Know-how, über das viele Kommunen in ihren eigenen Verwaltungen nicht verfügen.

Wichtig ist es, Menschen an Standorte binden zu können: Döner in Dresden und Getränke in Berlin.

Wichtig ist es, Menschen an Standorte binden zu können: Döner in Dresden und Getränke in Berlin.

Diesen letzten Punkt unterstreicht auch Martin Gornig, Professor für Stadtökonomie an der Technischen Universität Berlin. „Jede Stadt ist ein Unikat. Für den Erfolg oder Misserfolg gibt es daher nicht immer eine allgemeingültige Erklärung, sondern oft auch einzelkausale Gründe.“
Eine solche Kette aus „einzelkausalen Gründen“ erklärt auch, warum die bayerische Landeshauptstadt München und ihr Umland trotz hoher Wohnungsmieten und Immobilienpreise weiterhin für Unternehmen aus dem In- und Ausland so attraktiv sind. Die Kausalkette kann auch erklären, warum die Prognosen für manche Regionen in Deutschland so verheerend aussehen, warum Leipzig mittlerweile den Spitznamen „Hypzig“ trägt und warum die vielen Berlin-Touristen den Aufschwung einer ganzen Region befördern. PwC hat exemplarisch in der Studie „München 2025 – eine Metropolregion und ihre Entwicklungsperspektiven“ aufgezeigt, wie viele Rädchen ineinandergreifen müssen, damit ein Wirtschaftsstandort langfristig und perspektivisch in der Champions League der Weltstädte mitmischen kann. So liegen München, Wolfsburg und Erlangen seit Jahren bei den maßgeblichen Rankings in der Regel unter den top fünf. Berlin, Rostock und Magdeburg sind diejenigen Städte, die sich zuletzt am besten entwickelt und in den Rankings die größten Schritte nach oben gemacht haben.

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft hat Gründe für erfolgreiche regionalökonomische Strategien und Maßnahmen analysiert. Sie alle laufen am Ende darauf hinaus, Menschen an bestimmte Standorte zu binden oder sie anzulocken. Die klassischen Stellschrauben waren bisher eine hohe Industriequote und damit einhergehend eine hohe Innovationsfähigkeit und -kraft der regionalen Wirtschaft. „Heute und in Zukunft werden jedoch ein positives Standortimage, das mehr umfasst als eine schöne Website und bunte Broschüren, erhöhte Integrations­anstrengungen zur Verbesserung der Fachkräfteversorgung sowie eine Optimierung der regionalen Infrastruktur – vom Breitbandinternet bis hin zur Mobilität – an Bedeutung zunehmen“, so PwC-Experte Hasse.

In vielen Städten und Regionen – unter anderem im Ruhrgebiet und in weiten Teilen Ostdeutschlands – erscheint die wirtschaftliche Lage aus heutiger Sicht hoffnungslos. Doch Städte können aufblühen, wenn Analyse und Strategie stimmen. Die sachsen-anhaltinische Landeshauptstadt Magdeburg gehört zu denen, die sich Schritt für Schritt entwickeln. Nach der Wende noch als „Wladiwostok an der Elbe“ geschmäht, gewinnt die Stadt zunehmend an Attraktivität – sowohl bei Unternehmen als auch bei Studenten und jungen Arbeitsuchenden. „Wir sind auf dem Weg vom Amateur- zum Profifußball inzwischen in der 3. Liga angekommen“, sagt Jörg Böttcher vom kommunalen Standortmarketing voller Stolz. Die Arbeitslosenquote ging von 28 auf 10 Prozent zurück, das von Plattenbauten dominierte Stadtbild wird aufgewertet, es gibt so viele Parks und Grünflächen wie in kaum einer anderen deutschen Stadt, und die Mieten sind sensationell günstig. „Viele unserer Neu-Bürger sind jeden Tag aufs Neue überrascht, wie gut man hier eigentlich leben kann“, betont der Wirtschaftsförderer. Selbstvertrauen und Image der Stadt tut es gut, wenn das auch andere anerkennen. So erhielt Magdeburg vor Kurzem den Ehrentitel „Kommune des Jahres“ als Wirtschaftsstandort mit Zukunft und klettert in einschlägigen Rankings Schritt für Schritt nach oben.

Bildnachweis: Gisela Paul, People Picture, Gettyimages, Corbis, Matthias Leitzke, Andreas Lander, Florian Schuh/Picture Alliance, PwC Experte, ArTo/ddp images, mueller-stauffenberg/imago, Ingo Kuzia/mauritius, Barbara Dombrowski/laif, n_prause/iStockphoto, imageBROKER/alamy, Peter Erik Forsberg/alamy, Massimo Borchi/Corbis

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