Die fantastischen Sieben

So schnell kann es gehen: gestern noch Armenhaus der Welt, heute schon Wachstumsriese und morgen vermutlich eine der führenden Wirtschaftsnationen der Welt. In Bangladesch lässt sich gerade nachvollziehen, in welch rasantem Tempo sich ein Land von einer landwirtschaftlich geprägten Volkswirtschaft zu einem gigantischen Zukunftsmarkt mausert. Vor 30 Jahren machte die Hungersnot Bangladesch noch zum Symbol für die Nahrungsarmut in Entwicklungsländern rund um den Globus. „Heute importiert das Land Tee und exportiert selber Reis“, so Daniel Seidl, Geschäftsführer der deutschen Auslandshandelskammer in Bangladesch und seit 20 Jahren im Land tätig. „Vor fünf Jahren gab es keinen einzigen Coffee-Shop, heute bekommt man an jeder Ecke Latte macchiato in allen erdenklichen Variationen.“ Auf einer Fläche zweimal so groß wie Bayern lebt die mit 152 Millionen Menschen achtgrößte Bevölkerung der Erde – mit einer Handydichte von 85 Millionen, geradezu mutiert in ebenfalls nur fünf Jahren. Jeden Monat kommen zwei Millionen Mobiltelefone dazu.

Nicht nur das Beispiel Bangladesch zeigt: Die Weltwirtschaft steht vor noch nie da gewesenen Kräfteverschiebungen. Europa schwächelt, Asien holt auf, Afrika ist auf dem Sprung. Nach Hochrechnung der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung wird die Kaufkraft der E-7-Länder Brasilien, Russland, Indien, China, Indonesien, Türkei und Mexiko diejenige der G-7-Länder USA, Deutschland, England, Frankreich, Italien, Kanada und Japan bis 2030 überholen.

Bereits in diesem Jahr dürfte China die USA als führende Wirtschaftsnation der Welt ablösen. Und ebenfalls 2015 wird der Asien-Pazifik-Raum schon eine zahlenmäßig größere Mittelschicht haben als Europa und Nordamerika zusammen. Die in den Emerging Markets heranwachsende Mittelschicht repräsentiert spätestens im Jahr 2021 einen jährlichen Markt von sechs Billionen US-Dollar, schätzen PwC-Analysen. Wendepunkte und Trends wie diese machen eines unmissverständlich klar: Die traditionellen Wege zur Bewertung von Volkswirtschaften werden zunehmend irrelevant.

Denn diese weltumspannende Wachablösung wird zugleich begleitet von wachsenden Ungleichgewichten innerhalb dieser Gruppierungen. So ist innerhalb der G 7 Italiens Wirtschaft nach realwirtschaftlichen Kennzahlen seit 2000 nicht mehr gewachsen, und im Euroraum gingen in der gleichen Zeit sieben Millionen Jobs verloren. Kanada dagegen hat um 30 Prozent zugelegt. Bei den E-7-Ländern hat sich Chinas Wirtschaftskraft im gleichen Zeitraum verdreifacht, während Mexiko nur um ein Drittel gewachsen ist und die Wachstumsraten von Schwellenländern wie Vietnam und Indonesien schon in den nächsten Jahren an Indien heranreichen.

Diese extremen wirtschaftlichen Verschiebungen zwischen Ländern und Regionen führen zu folgenreichen Veränderungen von Konsummustern. Und sie verschärfen die ohnehin schon hohen Herausforderungen für erfolgreiche Geschäfte weltweit zusätzlich. „Unternehmen machen inzwischen Jagd auf bewegliche Ziele“, konstatiert Norbert Winkeljohann, Vorstandssprecher von PwC Deutschland. „Neue Konsumenten und Märkte entwickeln sich in sehr unterschiedlicher Weise – und vor allem schneller als jemals zuvor. Für Unternehmen wird es damit immer schwieriger, sich auf die grundverschiedenen Märkte und zahlreiche heranwachsende Konkurrenten einzuschießen.“ Mehr als die Hälfte der in PwCs globalem CEO-Survey befragten Unternehmens-Chefs äußerte sich besorgt über die Veränderungen im Verhalten und bei den Ausgaben der Konsumenten. Und ebenfalls die Hälfte hat Manschetten vor der neuen Konkurrenz aus den Zukunfts-Volkswirtschaften.

Die fortschreitende Neuausrichtung der globalen ökonomischen Kräfte hat auch Konsequenzen auf die strategische Planung künftiger Infrastruktur-Investitionen. Denn die jährlichen Ausgaben für Infrastruktur werden sich von vier Billionen US-Dollar 2012 auf mehr als neun Billionen im Jahr 2025 mehr als verdoppeln, so eine PwC-Studie. Aggregiert ergeben sich weltweit Gesamtausgaben in Höhe von 78 Billionen Dollar zwischen 2014 und 2025 – ein gigantisches Potenzial für wachstumsbereite Unternehmen. Allein die Region Asien-Pazifik wird – getrieben auch durch Chinas Wachstum – nahezu 60 Prozent dieser Ausgaben auf sich vereinen. Im Kontrast dazu wird sich der Anteil Westeuropas auf unter zehn Prozent mehr als halbieren.

„Diese globalen Verwerfungen sind nicht nur so einzigartig wegen ihrer schieren Ausmaße, sondern auch wegen der extrem hohen Geschwindigkeit, mit der sie sich vollziehen“, betont Norbert Winkeljohann. „Es steht daher absolut außer Frage, dass innerhalb von nur einer Dekade die ökonomische Weltkarte erheblich anders aussehen wird als heute.“ Um zu verstehen, wie diese Karte möglicherweise aussehen wird, sei ein völlig neuer Blick auf die Entwicklung der Weltwirtschaft erforderlich.

Das bestätigen auch Institutionen wie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). „Wenn die aktuellen Trends wie Bevölkerungsentwicklung, wissensbasierter technologischer Wandel, Globalisierung und wachsender Druck auf die Umwelt anhalten, wird das immense Effekte auf die Weltwirtschaft haben“, schreibt die Wirtschaftsabteilung der OECD in ihrer aktuellen Studie „Shifting Gear: Policy Challenges for the next 50 years“. Innerhalb der kommenden 50 Jahre, so die Autoren, werde sich das weltweite Wachstum von 3,6 Prozent bis 2020 auf 2,4 Prozent bis 2050/2060 verringern. „Allerdings werden die Einkommen in den Schwellenländern und Ländern mit geringen Einkommen stärker wachsen – mit einem bis um das Siebenfache wachsenden Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Damit werden Massen von Menschen aus der Armut in die Mittelschicht migrieren.“

Ins Visier und genau unter die Lupe nehmen sollten Unternehmen daher vor allem eine wesentliche Gruppe künftiger Wachstumsmärkte: die sogenannten Future-7-Länder (F 7): Bangladesch, Kolumbien, Marokko, Nigeria, Peru, die Philippinen und Vietnam. Diese fantastischen Sieben sowie weitere Schwellenländer werden die entwickelten G-7-Volkswirtschaften dauerhaft herausfordern, insbesondere bei der Produktion langlebiger Produktionsgüter. Die langfristigen Prognosen für diese Staaten klingen traumhaft: Ein geradezu explodierender Pool bestens ausgebildeter und motivierter Talente beflügelt das Wachstum dieser Länder zusätzlich. Und nicht nur das: Viele von ihnen werden künftig auch neue multinationale Unternehmen in die Zukunft führen. Die Länder selbst entwickeln sich zudem zu gewaltigen Absatzmärkten.

Laut einer Studie der HSBC-Bank werden beispielsweise Länder wie die Philippinen und Peru in der Rangliste der größten Volkswirtschaften deutlich nach vorne rücken. So dürften die Philippinen im Jahr 2050 Platz 16 der Rangliste belegen und sich somit um ganze 27 Plätze verbessert haben. Peru wird voraussichtlich von Platz 46 auf 26 aufsteigen. Nach den Prognosen verzeichnen die Philippinen in den Jahren bis 2050 eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 7 Prozent, in Peru wird diese Rate bei etwa 5,5 Prozent liegen. In Nigeria etwa könnten 2050 bereits ebenso viele Menschen leben wie heute in den USA. Kolumbien entwickelt sich mit anhaltenden Wachstumsraten um 4,5 Prozent zum Tor zur Karibik, Marokko ist das neue Sprungbrett für die Unternehmen Europas zu den schnell wachsenden Märkten Westafrikas. Und Vietnam ist gerade schon dabei, China als Standort für kostengünstige personalintensive Produktionen abzulösen.

Norbert Winkeljohann: „Es ist für CEOs und Inhaber höchste Zeit, die Welt mit anderen Augen zu betrachten als noch vor fünf Jahren. Potenziale für Wachstum entstehen in Märkten, die vorher nicht in den Planungen der Strategie-Abteilung auftauchten.“ Höchste Zeit also auch, diese Länder genauer unter die Lupe zu nehmen.

Bildnachweis: Nasa

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