Sprechstunde beim iDoktor

Die Herausforderung
Ein Berufsstand, der jahrhundertelang das Bild vom Halbgott in Weiß pflegte, tut sich mit Kritik naturgemäß schwer. So zog ein Gynäkologe aus München erst kürzlich bis vor den Bundesgerichtshof, weil er nicht länger hinnehmen wollte, dass seine Leistungen auf dem Internet-Bewertungsportal Jameda von Patienten anonym bewertet werden. Seine Mühe war vergebens. Die Richter entschieden: Das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit wiege schwerer als das Recht des Arztes auf informationelle Selbstbestimmung.

Das dürfte nicht die einzige Niederlage für den Berufsstand bleiben. Geht es nach den Plänen der großen IT-Konzerne, werden sich künftig auch die Wartezimmer der Ärzte spürbar leeren. „So wie das Handy unsere Kommunikation verändert hat, wird auch die Internetmedizin Wirtschaft und Gesellschaft verändern“, sagt Markus Müschenich, Kinderarzt und Vorsitzender des Bundesverbandes Internetmedizin. Die digitale Revolution wandelt das Patientenverhalten und damit eine ganze Branche.

Die Angreifer
Healthbook heißt ein neues Tool im AppStore, mit dem Apple-Chef Tim Cook jetzt den Gesundheitsmarkt aufmischen will. Vorinstalliert auf Abermillionen von iPhones, iPads und der Apple Watch soll das Programm den Kunden künftig ermöglichen, alle wichtigen Körperfunktionen zu überwachen: Puls, Atemfrequenz und die Sauerstoffsättigung im Blut etwa. Kombiniert mit Informationen zum Ernährungs- und Fitnessverhalten und ergänzt mit Ergebnissen aus Labortests und Röntgenbildern soll für jeden Nutzer so ein individuelles Gesundheitsbild entstehen – detaillierter, als es das in der Geschichte der Medizin jemals gegeben hat.

Und die Vision vom Smartphone als dem Doktor in der Hosentasche geht noch viel weiter. Sobald der Nutzer seine Messwerte protokolliert und an spezielle Datenbanken übermittelt hat, sollen sie von Hochleistungsrechnern analysiert und mit den jeweils aktuellsten Forschungsergebnissen der medizinischen Wissenschaft abgeglichen werden. Ist der Blutzuckerwert noch normal? Liegt er im Grenzbereich? Oder schon darüber? Welche Diagnose ist die plausibelste und welcher Therapievorschlag der beste? Kein Hausarzt konnte in der Vergangenheit auf so viel fundiertes Wissen zurückgreifen.

Preiswert ist die digitale Diagnose ebenfalls. Zur Blutwertbestimmung etwa muss in den USA schon heute kein Patient mehr einen Arzt aufsuchen. Die Firma Theranos bietet in Drogeriemärkten einen effizienten Alternativservice an. Mit einem kompletten Set an digitalen Tools mit schnellen Servern, Online-Netwerken und einfachen Apps macht das erst vor elf Jahren gegründete Unternehmen ärztliche Diagnosen fast zum Kinderspiel. Ein Stich in die Fingerkuppe und ein Tropfen Blut reichen aus, um in den Theranos-Laboren 200 verschiedene Blutwerte ermitteln zu lassen – vom Cholesterin bis hin zum Krebsmarker. Schon nach wenigen Stunden liegt das Ergebnis vor; 50 bis 90 Prozent günstiger als üblicherweise. Im Alter von 30 Jahren ist Firmengründerin Elizabeth Holmes bereits die jüngste Milliardärin der USA. Ähnlich fix funktioniert die Hautarzt-App des Berliner Start-ups Klara. Patienten können auffällige Muttermale oder Ausschläge mit dem Handy fotografieren und erhalten von einem kooperierenden Dermatologen innerhalb von nur 48 Stunden eine erste Einschätzung zu ihrem Hautbild. Kostenpunkt: 29 Euro.

Reagieren viele Mediziner bereits heute leicht genervt, wenn sich ihre Patienten vor dem Termin im Internet über ihre möglichen Leiden „schlaugemacht“ haben, dürfte ihre Autorität künftig noch stärker hinterfragt werden. Denn nicht nur Start-ups wie Theranos oder Klara drängen sich mit ihren Dienstleistungen zwischen Arzt und Wartezimmer.
Google verfolgt mit GoogleFit eine ähnliche Strategie wie Apple mit Healthbook und engagiert sich nebenbei auf den unterschiedlichsten Medizinfeldern.

So übernahm der Konzern gerade erst die US-Firma Lift Labs, ein Start-up, das einen Sensor-Löffel für Parkinson-Patienten anbietet, der dem Zittern der Hände beim Essen entgegenwirken soll. Schon zuvor präsentierte die Forschungsabteilung von Google eine smarte Kontaktlinse für Diabetiker, die ihnen hilft, ihre Blutzuckerwerte zu kontrollieren. Und ein Hightech-Armband als Frühwarnsystem für Krebs und Herzattacken ist bei Google X ebenfalls in der Entwicklung.

Die Vision
Zwar wird das Smartphone den Arzt mittelfristig nicht ersetzen, aber es wird für die Patienten zunehmend zum unverzichtbaren Gesundheits-Assistenten, der den einen oder anderen Wartezimmerbesuch überflüssig macht. Die Versicherungswirtschaft jedenfalls glaubt offenbar an die Sprechstunde beim iDoktor. So übernimmt die Barmer GEK seit Neuestem die Kosten für eine App des Berliner Start-ups Caterna – eine webbasierte Simulationstherapie, die Kindern mit funktioneller Sehschwäche hilft. „Das ist eine Premiere, die das gute alte Gesundheitswesen à la Bismarck endlich im 21. Jahrhundert ankommen lässt“, sagt Medizinexperte Müschenich.

Bildnachweis: Onur Döngel/Gettyimages

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