Ersatzbank

Die Herausforderung
Als hätte die Bankenbranche mit der Finanzmarktkrise nicht schon genug Probleme, kommt jetzt noch eine gewaltige Sorge hinzu: die Angst vor dem Banking ohne Banken. Zwar hat die Branche das Internet schon frühzeitig als Vertriebskanal für sich entdeckt – kein Institut verzichtet heute noch auf das Angebot von Online-Banking –, doch der digitale Wandel geht noch sehr viel weiter. „Was im produzierenden Sektor unter dem Schlagwort Industrie 4.0 längst Realität ist, greift jetzt auch auf den Finanzsektor über“, sagt Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies in Frankfurt.

Die Angreifer
Wieder einmal sind es dabei die smarten Start-ups aus dem Silicon Valley, die den Takt vorgeben. Bereits 2009 gründete Twitter-Erfinder Jack Dorsey die Firma Square, einen Hersteller von Smartphone-Aufsätzen, mit deren Hilfe heute jeder Kleinstunternehmer Kreditkarten annehmen kann: Taxifahrer, Pizzalieferanten und natürlich auch der Klavierlehrer zu Hause. Zahlreiche Nachahmer sind mittlerweile in Deutschland aktiv, darunter die Anbieter iZettle, SumUp oder Streetpay. Sie alle drängen sich zwischen Banken und Kreditkartenunternehmen. Und auch wenn diese weiterhin an den Transaktionsgebühren mitverdienen, besteht für sie doch die Gefahr, dass sie immer mehr Geschäft an die neuen Dienstleister verlieren oder „mittelfristig sogar von ihnen ersetzt werden“, sagt Brühl.

Selbst das Kreditgeschäft ist vor den Revoluzzern, von denen viele selbst einen beruflichen Bankenhintergrund haben, nicht mehr sicher. Peer-to-Peer-Plattformen wie Marketinvoice und Lending Club in den USA oder hierzulande Lendico, ein Klon der Samwer-Brüder, vermitteln Kredite an Konsumenten und Geschäftskunden. Geldgeber sind vermögende Privatanleger, Family Offices oder Hedgefonds, die mit Renditen von zehn oder mehr Prozent geködert werden. In Zeiten einer quasi Null-Zins-Politik der Zentralbanken ist das ein mehr als nur verlockendes Angebot.

Noch sind die neuen Fintech-Firmen, wie sie sich selbst nennen, relativ klein gegen die etablierten Riesen HSBC, Deutsche Bank oder Barclays. Aber klein waren die heutigen IT-Größen wie Google und Co. vor zehn Jahren selbst einmal. Manschetten vor den Herren des Geldes jedenfalls haben die Angreifer nicht und nehmen äußerst selbstbewusst nun auch eine Dienstleistung ins Visier, die immer als Domäne der Privatbanken angesehen wurde: das beratungsintensive Geschäft mit der vermögenden Klientel.

So bietet Wealthfront, 2008 in Palo Alto gegründet und heute nach eigenen Angaben Verwalter von mehr als 800 Millionen Dollar, seinen Kunden einen vollständig digital arbeitenden Investmentservice an, der das Portfolio in Sekundenschnelle zusammenstellt – individuell angepasst nach Alter, Einkommen und Renditeziel des Kunden. Nur 0,25 Prozent Gebühren kassiert Wealthfront für seinen Service – ein Bruchteil dessen, was der klassische Berater von seinem Kunden verlangt. „Je mehr die Generation Y in höhere Vermögensklassen hineinwächst, umso besser sind die Marktchancen solcher Geschäftsmodelle“, sagt Finanzexperte Brühl.

Eine Generation, die es gewohnt ist, ihr Wissen über Facebook und Co. mit jedem zu teilen, entdeckt nach dem Social Networking jetzt langsam auch das Social Trading für sich. Genau darauf setzen Firmen wie StockTwits in den USA oder Ayondo in Deutschland. Die Teilnehmer auf diesen Plattformen legen ihre Finanzdeals offen – verbunden mit der Chance, dass jeder den Besten in Echtzeit folgen kann. Online, einfach und völlig transparent. Smart Banking eben.

Die Vision
Wie die Bankenlandschaft in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird, vermag heute niemand mit Sicherheit vorherzusagen. Klar ist aber, dass die angenehmen Tage für die traditionellen Geldhäuser gezählt sind. Die neuen Fintech-Firmen wollen die Branche aufmischen wie Aldi einst den Lebensmittel-Einzelhandel. Sie alle glauben fest daran, was Bill Gates bereits 1994 einmal zum Besten gab: „Banking ist notwendig. Banken sind es nicht.“

Bildnachweis: colevineyard/iStockphoto

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