Am Rande des Fettnapfs

Bewegtbild boomt – auch bei der Personalsuche. Seitdem sich YouTube, Facebook und Co. zu allgemein akzeptierten Informationskanälen gemausert haben, buhlen immer mehr Unternehmen auf diesen Plattformen mit selbst gedrehten Imagefilmen um die Aufmerksamkeit potenzieller Bewerber. Doch das „Recruiting via Video“ ist riskant. Nur wenige Spots haben das Zeug zum vieltausendfach verbreiteten viralen Hit. Bisweilen enden die cineastischen Ambitionen der Personalmanager im Shitstorm potenzieller Kandidaten, wie das in den sozialen Netzwerken grandios verlachte Rap-Video zeigt, mit dem die nordrhein-westfälische Polizei Nachwuchs rekrutieren wollte. Auch bei „Recruiting“-Videos gilt: Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Unterschiedliche Zielgruppen verlangen nach unterschiedlicher Ansprache. Ob MTV-Stil fürs Azubi-Recruiting, coole Clips für Jungakademiker oder Seriöses für Berufserfahrene – ein Spot muss die Erwartungen des Zuschauers erfüllen. Sonst droht der Flop. Mittlerweile wird mieses Marketing sogar prämiert: mit der „Goldenen Runkelrübe“ für die herausragend schlechte Personal-Kommunikation. Die Kategorien: die abschreckendste Stellenanzeige, das furchtbarste oder peinlichste Karriere-Video, die unattraktivste Karrierewebsite und der misslungenste Social-Media-Auftritt.

Beispiel gefällig? Rapper wie Sido, Bushido und Co. erreichen mit ihrem Sprechgesang ein Millionenpublikum. Aber muss das auch der IHK Potsdam gelingen, wenn sie im Hip-Hop-Stil um Azubis für den Hotel- und Gaststättenbereich wirbt? Oder wie attraktiv ist nackte Haut? Die Volksbank Franken geizte bei ihrer Low-Budget-Eigenproduktion weder mit Bett- noch mit Badezimmer-Szenen. Doch wie verlockend wirkt ein solches Job-Video auf die angepeilte Zielgruppe potenzieller Bankkaufleute – zumal wenn es amateurhaft umgesetzt wird? Und auch peinlich tanzende Brummifahrer auf dem Rastplatz steigern womöglich nicht das Bewerberinteresse an einem Job als Profi-Trucker.

Selbstironie hingegen wirkt hip: Dem Axel-Springer-Konzern, einem Verlag auf dem steinigen Weg vom analogen ins digitale Medien-Zeitalter, glückt in seinen Recruiting-Videos der reputative Spagat am Rande des Fettnapfs. Bei seiner Suche nach internetaffinen „Media-Entrepreneuren“ nimmt das Medienhaus sogar den eigenen Vorstand auf die Schippe. Und wenn es dabei hilft, das passende Personal für die Online-Aktivitäten des Hauses zu finden, posiert auch der Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, Kai Diekmann, höchstpersönlich in einem schreiend bunten Video – immerhin diesseits der Schmerzgrenze.

Bildnachweis: Bob Thomas/Gettyimages

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