Volltreffer!

Kunst“, so hat der legendäre Komiker Karl Valentin einst gesagt, „ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Für Innovationen gilt das nicht minder. Zwar bewerben Unternehmen ihre Produkte bevorzugt mit dem Etikett als „innovativ“ – von der Zahncreme über den Schokoriegel bis hin zum Winterreifen. Doch die schöne bunte Welt der Reklame trügt oft: Längst nicht alles, was neu auf den Markt kommt, ist auch innovativ.

Echte Innovation ist nicht nur wertvoll – sondern zu Beginn auch immer eine Reise ins Unbekannte. Und verbunden mit hohen Risiken. In Deutschland werden jährlich rund 18.000 internationale Patente neu angemeldet. Doch zwei Drittel aller Innovationen scheitern: manche bereits in der Entwicklungsphase, andere an der fehlenden Akzeptanz beim Kunden. „Innovationen unterscheiden sich von bloßen Ideen dadurch, dass der Markt Hurra schreit“, bringt es der Wirtschaftswissenschaftler von der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen, Stephan A. Jansen, auf den Punkt.

Genau dieses „Hurra“ ist es, nach dem sich alle strecken. Ob Start-up, Mittelständler oder Großkonzern – jedes Unternehmen sucht für sich das ökonomische Potenzial des bislang Ungedachten, Unerhörten und Noch-nie-Dagewesenen. „Innovationen sind ein zentraler Erfolgsfaktor für Wirtschaft und Industrie“, bestätigt die „Globale Innovationsstudie“ von PwC. Neun von zehn Unternehmen halten Innovativität für unverzichtbar im globalen Wettbewerb. Das ist nur konsequent – denn sie ist der Schlüssel für langfristigen Erfolg: Unternehmen, die mit ihren Innovationen ins Schwarze treffen, so zeigt die Studie, wachsen um bis zu 15 Prozent schneller und machen entsprechend mehr Umsatz als ihre weniger innovationsfreudigen Konkurrenten.

Deutsche Unternehmen sind dabei besonders ambitioniert, hat Sebastian Feldmann beobachtet, Partner bei PwC und verantwortlich für den Bereich „Innovation, Product & Service“: „Innovationsführerschaft ist und bleibt ein klarer Anspruch an den Standort Deutschland.“ Mehr als 80 Prozent der befragten Unternehmen halten sich nach Erkenntnis von PwC für „echte Vorreiter“ in Sachen Innovation. Trotzdem ist nicht alles Gold, was glänzt: Zwei Drittel von ihnen legen den Fokus überwiegend auf die klassischen Bereiche der Produkt- und Technologie-Innovation. Bei der innovativen Gestaltung von Geschäftsmodellen, Prozessen und Dienstleistungen allein durch die Möglichkeiten der Digitalisierung würden längst nicht alle Potenziale ausgeschöpft, konstatiert PwC-Experte Feldmann. Dazu zählt er außerdem die Entwicklung von Mehrwert- und Niedrigpreismodellen ebenso wie die Etablierung von „open-innovation“-Kooperationen oder den intelligenten Einsatz begrenzter Ressourcen für sogenanntes „smartes Innovieren“.

Die Reise ins Unbekannte kann immer auf mehreren Wegen beschritten werden, so der Innovationsexperte Vijay Govindarajan. Vor jedem Start sei dabei wichtig zu wissen: „Erstens – in welchem Geschäft sind wir augenblicklich, und in welchem möchten wir in Zukunft sein? Und zweitens – welches Risiko nehmen wir in Kauf für große bahnbrechende Ideen?“

Das IT-Technologie- und Beratungsunternehmen IBM hat die Vorgehensweise innovativer Unternehmen auf diesem Weg analysiert und teilt sie in vier innovatorische Archetypen ein. Typ eins ist der „Marktplatz der Ideen“. Innovationen entstehen hier von unten nach oben: Google oder 3M funktionieren nach diesem egalitären Prinzip. Archetyp zwei stellt das Gegenmodell dar: Hier dominiert ein Visionär an der Unternehmensspitze die Innovativität von ganz oben. Kreative Tüftler wie der „Dübelvater“ Artur Fischer mit seinen mehr als 1.100 Patenten gehören ebenso in diese Kategorie wie das „Apple“-Genie Steve Jobs mit seinen disruptiv-radikalen Produkt- und Geschäftsmodell-Innovationen. Das Gros aller Unternehmen weltweit, rund 40 Prozent, gehört für IBM zu Archetyp drei: Innovation wird hier als planbarer und formal organisierter Prozess verstanden, wie etwa die Entwicklung der i-Modelle bei BMW. Archetyp vier setzt auf Innovation durch Kollaboration: Konsumgüterriesen wie Procter & Gamble, aber auch mittelständische Maschinenbauer wie die Wittenstein AG treiben neue Produkte über Open Innovation und Crowd-Sourcing gemeinsam mit Mitarbeitern, Kunden und externen Partnern bis zur Marktreife voran.

Zudem muss Innovieren im Unternehmen funktional verankert sein und erfordert Strategie ebenso wie Management, wie das Beispiel des Technologieriesen ABB deutlich macht. „Innovationen entstehen nicht mehr nur in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Unternehmen, sondern in allen Unternehmensfunktionen und auf allen Hierarchiestufen“, betont Sebastian Feldmann: „Um sie erfolgreich umzusetzen, muss ein sinnvoller Split zwischen Ideenmanagement, Continous Improvement, Patentteilung, Market Research und den weiteren Bereichen gefunden werden.“

Nur so, auch das zeigt die PwC-Studie, kann eine unternehmerisch erfolgreiche und effiziente Innovationskultur entstehen, wie sie beispielhaft beim Chemiekonzern Evonik gelebt wird. „Unternehmen sind nur so innovativ wie ihre einzelnen Mitarbeiter und Vordenker“, sagt Innovations-Experte Feldmann: „Insofern hat Innovation viel mit Change-Management zu tun. Innovationstreiber dürfen nicht nur die ‚kreativen Köpfe‘ der Firma sein. Sondern als Erstes muss das Top-Management das Thema nach vorne tragen.“ Mit anderen Worten: Wer innovativ sein will, muss viel arbeiten – an sich und mit anderen. Karl Valentin hatte recht.

Bildnachweis: Gettyimages, Gettyimages/Bloomberg, PwC, Gettyimages/Bloomberg (2), Corbis

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