Industrie 4.0

Der Zug in die digitale Zukunft braust mit Volldampf aus dem Bahnhof. Und der Reiseleiter heißt, so scheint es: Google. Mit einer klaren Vision für die globale Marktführerschaft in der digitalen Welt, unerschöpflichen Geldquellen für Zukäufe und in atemberaubender Geschwindigkeit gibt der Software-Gigant aus Amerikas Silicon Valley die Richtung vor: Mit dem fahrerlosen Auto versetzt er die Automobilindustrie in Angst und Schrecken und mit der Akquise acht führender Roboter­hersteller greift er weitere etablierte Industrien an – alles vernetzt mit dem Betriebssystem Android. Durch den Anfang 2014 für 3,2 Milliarden US-Dollar gekauften Thermostathersteller Nest Labs gehören über Nacht Millionen Haushalte zum Google-Reich.

Und nicht nur das: Auch zahlreiche Unternehmen sind damit ab sofort an Google gekoppelt. Es wird nicht allzu lange dauern, bis Google über die intelligenten Nest-Thermostate komplette Gebäudekomplexe – auch von Betriebsstätten – untereinander vernetzt. Die gewonnenen riesigen Datenmengen mittels künstlicher Intelligenz künftig noch besser auszu­werten, ist Aufgabe der britischen Firma DeepMind, die daran arbeitet, Computern das Denken beizubringen. Sie gehört seit Anfang des Jahres ebenfalls zum Datengiganten.

Der Kauf der erst 2010 von Apples iPhone-Entwicklungs-Chef Tony Fadell gegründeten Nest Labs macht deutlich, in welcher Geschwindigkeit sich Industrien durch die Digitalisierung kompletter Wertschöpfungsketten gerade verändern, gigantische Datenmengen generieren und neue Produkte und Services in digitale Geschäftsmodelle münden: Denn das Nest-Thermostat kann nicht nur die Wettervorhersage kontrollieren und die Raumtemperatur nach den Außenbedingungen regeln. Das vernetzte „Bewusstsein“ des Temperaturreglers reicht weiter. Nest arbeitet zum Beispiel mit Mercedes zusammen und lässt deren Autos direkt mit der Heizung kommunizieren. So kann der Wagen melden, dass man wegfährt und nicht mehr geheizt werden muss und wann man sich wieder dem Haus nähert. Die Geräte zeichnen auf und werten aus, wer sie wie, wann und wo benutzt. Diese Informationen, auch wann die Nutzer des Thermostats zu Hause sind, hat: Google.

Die Neuordnung der globalen Wirtschaft geht gerade in die entscheidende Phase. Zentrale Player wie Google, aber auch Smart-Gigant Apple – ausgerüstet mit großem Milliardenvermögen – sichern sich die besten Ausgangsplätze. „Die Weltwirtschaft gliedert sich heute in drei Bereiche“, konstatiert Professor Thomas Bauernhansl. „Wir Europäer sind die Weltmeister der Produktionsmittel und Fabrikationsexperten, in den USA arbeiten die Geschäftsmodell- und Software-Spezialisten, in China liegen die Hardwarehersteller vorn. „Jetzt“, so der Chef des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung, „werden die Karten nicht zuletzt durch Googles Aktivitäten neu gemischt, und die deutschen Unternehmen müssen sich schnell und ernsthaft überlegen, was das für sie bedeutet.“

Ein wesentliches Ergebnis dieser Überlegungen – und zugleich die Antwort der deutschen Industrie auf die Herausforderung aus dem Silicon Valley – heißt „Industrie 4.0“. Die Wissenschafts- und Wirtschafts-Initiative, 2011 durch die Bundesregierung ins Leben gerufen, fasst auf wunderbare Weise alle wichtigen Trends der Informations- und Kommunikationstechnik zusammen, um Google und Co. Paroli zu bieten. Es geht dabei um Mega-Themen wie Big Data, Cloud Computing, Machine-to-Machine-Communication – und es geht um das Internet der Dinge, Dienste und Daten. Denn sämtliche Technologien katapultieren Deutschlands Stärke – die Fabrikation – durch Vernetzung in die nächste Dimension. Dazu zählen Projekte wie die Smart Factory, in der sich cyber-physische Systeme untereinander selbst organisieren, aber auch mit RFID-Chips gesteuerte Logistikprozesse, der intelligente Mähdrescher in der vernetzten Ernte sowie Produkte, die wissen, wann sie gewartet werden müssen – und den Service-Vorgang selber eigenständig starten sowie nicht zuletzt die Transformation kompletter Unternehmenskerne in neue Geschäftsmodelle.

„Mit Industrie 4.0“, so formuliert es Professor Henning Kagermann, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech und Sprecher der Promotorengruppe Kommunikation innerhalb der Forschungsunion aus Wirtschaft und Wissenschaft, „haben wir nach der Mechanisierung der Fertigung im 18. Jahrhundert, der arbeitsteiligen Massenproduktion durch Einführung des Fließbands im 19. Jahrhundert sowie dem Einsatz von Elektronik und IT zur Automatisierung in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts nichts weniger als die vierte industrielle Revolution eingeleitet. Industrie 4.0 wird die umfassende Individualisierung von Produkten ermöglichen und dabei Fertigung, Handel und Vertrieb radikal verändern.“

Bildnachweis: PwC (11), Fraunhofer IPA/Steinert, Gettyimages, Fotolia/Sliver, PwC (2), acatech/D. Ausserhofer, Fotolia/Nektarstock, PwC (2)

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