Interview

„Genau hinschauen“

Abbildung articles/industrie40/genau-hinschauen/interview-bauernhansl.jpg

Worin liegen für Sie die wirtschaftlichen Vorteile von Industrie 4.0?
Eine sehr hohe Komplexität im Produktportfolio zu handhaben, das funktioniert nur über Dezentralisierung und Autonomie – das geht im Rahmen von Industrie 4.0 mit dem kompletten Produktionssystem in der Vernetzung von Mensch, Maschine und IT. Dabei werden mehr und mehr Aufgaben an dezentrale Einheiten übergeben. Durch die Vernetzung entstehen dann die Synergien – das ergibt eine sehr hohe Flexibilität, wie ein Vogelschwarm, der schnell auf Veränderungen reagiert. SEW-Eurodrive, ein Hersteller von Elektroantrieben, baut seine Montage nach diesen Prinzipien auf, mit bis zu 50 Prozent Produktivitätsgewinn.

Wie wird Industrie 4.0 Produktion, Automatisierung und Logistik verändern?
Unsere Erwartung ist, dass die Prozesse sehr viel wandlungsfähiger sind und einzelne Kundenanforderungen nach Stückzahl eins hocheffizient gefertigt werden können – in global vernetzten Supply Chains (also Lieferketten), die zudem eine hohe Produktivität erzielen. Die Möglichkeiten, unternehme­rische Ziele zu erreichen, werden enorm wachsen, auch wenn sich grund­sätzlich die Ziele der Produktivität wie die nach hoher Effizienz nicht ändern – aber durch die Digitalisierung wird der Gestaltungsspielraum größer.

Welche Rolle spielt dabei das Internet der Dinge?
Das Internet der Dinge hat weitaus mehr Möglichkeiten als das Internet der Menschen. Ab 2020 sollen weltweit bereits 50 Milliarden Dinge miteinander vernetzt sein. Für diese neue Welt werden Vernetzungsservices angeboten und neue Geschäftsmodelle entstehen. Das verändert die Wettbewerbssituation zum Beispiel für Roboterhersteller dramatisch. So hat Google inzwischen acht Roboterhersteller sowie eine Firma für künstliche Intelligenz gekauft. Jetzt entwickeln sie ein Betriebssystem für Roboter, das wie Android funktioniert. Die laufen dann mit dem Google-Betriebssystem und sind mit einer Internetplattform verbunden, von der sie sich je nach Aufgabenstellung neue Fähigkeiten aneignen – zum Beispiel über eine App etwa zur Bilderkennung, einer Achssteuerung oder einer Auswertungs­funktionalität.

Wird diese Entwicklung neue Firmenkäufe anheizen?
Dieses Prinzip, nach dem Google vorgeht, kann auch für die Hersteller anderer Produktionsmittel in Kürze gelten und gefährlich werden. Mein Rat an die Maschinenbauer lautet daher: Sie müssen genau hinschauen, welche Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle durch die Smart Factory entstehen. Und sie müssen sich überlegen – kann man das selber, oder können das andere Firmen besser. Ich kann mir gut vorstellen, dass durch diese Entwicklung neue Firmenkäufe in Schwung geraten. Vor allem große Firmen werden sich verstärken, aber ebenso werden Kooperationen zunehmen.

Welches sind die Erfolgsfaktoren bei der Einführung neuer Industrie-4.0-Anwendungen?
Unternehmen müssen verstehen, was Industrie 4.0 überhaupt ist. Sie müssen unter Einbezug von Mitarbeitern, Führungskräften und externer Expertise genau analysieren, wo die Potenziale liegen und wo die Umsetzungsrisiken gering sind, um ein Gefühl für das Thema zu bekommen. Auf diesem Weg entstehen weitere Ideen, die dann bisweilen nur so sprudeln, wie aktuell die Automobilindustrie zeigt.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Wenn man etwa in der Bestandsoptimierung die Bestände echtzeitnah mit dem tatsächlichen Kundenbedarf korrelieren lässt, dann lassen sich Bestände um mehr als 30 Prozent senken – und das bereits in Pilotprojekten. Der iBin von Würth etwa, ein intelligentes Lagerkistchen, kann auf Knopfdruck gefragt werden, was drinliegt. Die Kiste macht dann ein Foto, schickt das ans Internet und anhand dessen wird der Füllstand errechnet, und aufgrund dieser Information erfolgt dann das automatisierte Befüllen. Bei der Wittenstein AG wurde die Zahl der Versorgungszyklen der Arbeitsplätze um 38 Prozent minimiert. Dahinter steckt Internettechnologie, organisiert über eine interne Cloud, die nicht mit dem Internet verbunden ist. Das System lässt sich aber auch per Zertifikat mit einer Public Cloud auf Zulieferer ausweiten. Das ist deutlich sicherer als die bestehende Form der Zusammenarbeit über E-Mail.

Welche Technologien werden das Rennen machen und wie sieht die IT in Zukunft aus?
XaaS-Systeme, also „Everything as a Service“, werden sich sehr schnell durchsetzen. Dahinter steckt das Konzept, dass bestimmte Infrastruktur, Plattformen und Software nicht mehr selber vorgehalten wird. Beispielsweise erhält eine Maschine Internetzugang, und alles, was sie an Softwareunterstützung nutzt, kommt flexibel aus dem Netz: Rechenleistung, Software-Services, Speicher. Das funktioniert ähnlich wie im Vertriebsumfeld bei Salesforce – man kauft nicht, sondern mietet und bezahlt nur für die Nutzung. Dadurch werden die Kosten variabel und der Betrieb flexibel.

Welche Chancen und Potenziale zeichnen sich durch Industrie 4.0 für Unternehmen und ihre Kunden ab?
Der Kunde wird künftig in die Wertschöpfung integriert, wie im Consumer-Geschäft bei Ikea, wo der Kunde selber seine Waren an der Kasse einscannt. So etwas lässt sich auch im Produktionsprozess ermöglichen. Man stellt ein Standardprodukt zur Verfügung, etwa ein Smartphone und erweitert damit die Möglichkeit der persönlichen Konfiguration per App, wie Apple das heute schon tut. Dieses Prinzip, den Kunden in wertschöpfende Prozesse einzubeziehen und ihn auch noch dafür zahlen zu lassen, ist ein wirklich smartes Geschäftsmodell. Die Kunden sind gerne bereit, einen Beitrag zu leisten – und das Wissen sowie die Vernetzung sind auch schon gegeben.

Bisher ist Industrie 4.0 in erster Linie ein Thema der großen Konzerne. Warum hält ein Teil des Mittelstands sich noch zurück?
Im Mittelstand ist noch nicht richtig bekannt, in was investiert werden soll. Aufgrund fehlender technischer Standards ist vielen Unternehmen nicht klar, wie etwa Referenzarchitekturen aussehen. Auch das Thema Datensicherheit hat mancher im Hinterkopf. Die NSA-Diskussion schürt da eher die Ängste, sein Know-how zu verlieren. Das ist aber auch eine heilsame Diskussion, denn viele Unternehmen gehen davon aus, ihre heutigen Anwendungen seien sicher. Das ist aber nicht richtig.

Scheut man dort die Investitionen?
Zahlreiche Mittelständler warten auch erst mal ab, wie es mit Industrie 4.0 weitergeht, weil es ihnen reicht, Follower zu sein. Da hat man bekanntlich weniger Kosten als die First Mover. Dabei ist der Aufwand gar nicht so groß. Was etwa die IT betrifft, so müssen im Rahmen von Industrie 4.0 ja keine Software-Programme oder -Lizenzen und teure Rechner mit großen Speichern gekauft werden. Bezahlt wird nur, was genutzt wird, seien es Apps oder Datenspeicher in der Cloud. Pay-per-Use heißt hier das passende Modell. Zudem geht es um neue Geschäftsmodelle, die dank der Möglichkeiten des Internets bezüglich Skaleneffekten auf der Verkaufsseite auch durch mittelständische Unternehmen entwickelt und schnell global verbreitet werden können.

Was kann die Smart Factory, was in der computergesteuerten Fertigung nicht umgesetzt werden konnte?
Der wesentliche Unterschied zu CIM(computer integrated manufacturing) in den 80er-Jahren ist, dass man damals von der menschenleeren Fabrik geträumt hat. Heute spielt der Mensch im Rahmen von Industrie 4.0 im Gegensatz dazu die entscheidende Rolle. Er wird sogar umfassend von den Maschinen assistiert. Wichtig ist dabei, dass konzeptionell gut orchestriert wird, dass der Mensch genau die Aufgaben übernimmt, die er besser kann als die Maschine, und umgekehrt. Außerdem müssen beide – Mensch und Maschine – optimal aufeinander abgestimmt sein. Bei zahlreichen praktischen Anwendungen, etwa beim Maschinenbauer KUKA, können die Maschinen allein über Gesten oder Sprache gesteuert werden. Der Mensch wird seine Fähigkeiten künftig noch stärker zur Maschinensteuerung einsetzen, siehe die Nutzung von Augmented Reality und Google Glass. Dabei werden ihm Zusatzinformationen, über Google Glass ins Gesichtsfeld eingeblendet. Das Gerät erkennt gleichzeitig auch das Umfeld. Die Kunst wird sein, keine Informationsüberflutung, sondern genau gefilterte Anwendungen zu liefern.

Trotzdem: Laut aktuellen Studien, etwa aus den USA, könnte durch die vierte industrielle Revolution die Hälfte der Arbeitsplätze wegfallen.
Das ist sicherlich zu hoch gegriffen, aber es ist schon davon auszugehen, dass man künftig mit weniger Menschen auskommt oder auch mehr mit der gleichen Anzahl von Menschen produzieren kann. Ein Großteil der Arbeitsplätze, die heute noch von niedrig qualifizierten Arbeitskräften ausgeführt werden, dürfte tatsächlich wegfallen. Dafür werden viele andere Arbeitsplätze aufgewertet. Es entstehen neue Mensch-Maschine-Schnittstellen. Der Mensch wird noch mehr bewerten und entscheiden müssen – und es wird weiterhin Fertigungsspezialisten und Facharbeiter wie etwa den Werkzeugmacher geben, die mit sehr viel Erfahrung und haptischen Fähigkeiten Dinge tun, die sich rein maschinell nicht darstellen lassen. Zudem: Aufgrund der demografischen Entwicklung muss die Wirtschaft ohnehin einen zunehmenden Mangel an Arbeitskräften verdauen. Da ist die aktuelle Entwicklung ein Schritt nach vorne. Der sich aufeinander zubewegende Rückgang an verfügbaren Arbeitskräften sowie der gleichzeitige Ersatz von menschlicher Arbeitskraft durch Technologie – das wäre doch ein Idealzustand!

Bildnachweis: PwC (11), Fraunhofer IPA/Steinert, Gettyimages, Fotolia/Sliver, PwC (2), acatech/D. Ausserhofer, Fotolia/Nektarstock, PwC (2)

Newsletter abonnieren

Mit dem Newsletter verpassen Sie keine Ausgabe der next: Das Magazin für Vorausdenker

Anmelden
Feedback

Sie möchten uns Feedback zu diesem Beitrag geben? Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung.

Feedback
Diesen Beitrag teilen

Hier können Sie den Beitrag über soziale Medien teilen.

Teilen