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Auf Bärenjagd

Hadschi Halef Omar würde wohl vor Staunen glatt seinen vollständigen Namen vergessen. Der Weggefährte von Kara Ben Nemsi in Karl Mays Orientzyklus könnte bald – würde er heute leben – rasant von Medina nach Mekka gelangen: auf der ersten Eisenbahnstrecke der Welt, die fast vollständig durch die Wüste verläuft – mit ansehnlichen Beiträgen aus Deutschland. DB International, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn, hat einen wichtigen Auftrag erhalten, Klemmen für die Schienen liefert der deutsche Bahntechnik-Konzern Vossloh aus dem Sauerland nach Saudi-Arabien, die Münchner Knorr-Bremse AG hat eigens für sandige und staubige Umgebungen selbstreinigende Sandfiltersysteme entwickelt.

Was wie ein modernes arabisches Märchen klingt, ist für die deutsche Wirtschaft mit ihrer gewaltigen Infrastruktur-Kompetenz eine große Geschichte – nicht nur in Saudi-Arabien. Denn während die Krise in Russland gerade zahlreichen Firmen durch Sanktionen und Handelshemmnisse die Exportbilanz verhagelt, tun sich in zahlreichen anderen Regionen der Welt, besonders den Emerging Markets, neue Chancen auf – von China und Indien bis zu Nationen wie Kasachstan, Bulgarien, Vietnam, Brunei und Mexiko.

Bis zum Jahr 2025 dürften rund 78 Billionen US-Dollar in Transport- und Kommunikationsnetze, Bildungs- und Sozialeinrichtungen sowie große Industrie- und Bergbauprojekte solcher Länder fließen, wie aus einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC und des Forschungsinstituts Oxford Economics hervorgeht. Damit steigt die globale Investitions­summe jährlich um sechs bis sieben Prozent – von vier Billionen US-Dollar (2012) auf mehr als neun Billionen US-Dollar. Gut die Hälfte davon wird allein auf die Schwellenländer, die aufstrebenden Märkte, entfallen. Die Infrastruktur-Chancen in 49 Staaten, die für rund 90 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung stehen, wurden in der PwC-Studie „Billionen für Infrastruktur – Perspektive 2025“ analysiert.

Der deutschen Industrie – großen, aber auch etlichen kleineren Unternehmen – stehen die Türen der Welt weit offen. Besonders verlockend sind die Chancen in den „Mega-Cities“. Denn fast allen Emerging Markets ist eines gemeinsam: die massive Zuwanderung in die Städte, in denen heute bereits mehr als die Hälfte der Menschheit lebt. Im Jahr 2050 werden es rund 70 Prozent sein. Da ist für Infrastruktur-Ausrüster im wahrsten Sinn des Wortes der Bär los. „Bei den Mega-Cities sind hohe Investitionen in unterschiedlichste Infrastrukturzweige erforderlich“, sagt Martin Bork, Partner und Experte für Großprojekte bei PwC.

Die weltweiten Mega-Cities wie Shanghai und Jakarta (unten)(rechts) haben einen hohen Bedarf an Infra­struktur im Bereich Lebensqualität und grünes Wohnen.

Die weltweiten Mega-Cities wie Shanghai und Jakarta (unten)(rechts) haben einen hohen Bedarf an Infra­struktur im Bereich Lebensqualität und grünes Wohnen.

Vor allem im Ausbau der Verkehrsadern eröffnen sich beträchtliche Wachstumspotenziale. Die Mega-Cities brauchen gut funktionierende Transportverbindungen und müssen sich zudem untereinander verbinden. In vielen asiatischen Großstädten, von Japan abgesehen, gibt es keine ausreichenden Nahver­kehrssysteme. Enorm ist ebenso der Bedarf an Wasser- und Abwasserinfrastruktur oder stabiler Energieversorgung.

Deutschland wirkt dabei wie ein Kraftzentrum. Baukonzerne wie Hochtief oder Strabag erledigen als Generalunternehmer komplexe Aufträge, Spezialisten wie die Fraport AG managen komplette Flughafenstandorte wie in Saudi-Arabien und steuern wegweisendes Know-how bei – unter ihnen viele Mittelständler. Die Herrenknecht AG aus Baden-Württemberg hat beim Ausbau der Metro im chinesischen Guangzhou mit 55 Maschinen mehr als 200 Kilometer Tunnel erstellt, der Münchner Baugeräte-Hersteller Wacker Neuson AG will den Umsatzanteil außerhalb Europas von 29 auf 50 Prozent ausweiten. Sogar die ehemalige Deutsche Babcock ist als „Mitsubishi Hitachi Power Systems MHPS“ für die japanischen Konzerne Mitsubishi und Hitachi Drehscheibe beim Bau fossil befeuerter Kraftwerke in Osteuropa, Afrika, Indien und Russland. Den Japanern sei es wichtig, „aus dem Herzen von Europa“ heraus zu agieren, sagt Geschäftsführungsmitglied Pablo Hofelich.

Mega-Cities - Mega-Chancen: Karatschi und Mumbai (von oben nach unten)(von links nach rechts)

Mega-Cities - Mega-Chancen: Karatschi und Mumbai (von oben nach unten)(von links nach rechts)

Doch die Bären wollen erst erlegt sein, bevor die Felle verteilt werden. Denn überall pflastern größere Risiken den Weg: kulturelle Differenzen, komplizierte Rechtssysteme, unsicheres politisches Umfeld, kriegerische Auseinandersetzungen. Sogar der Fachkräftemangel ist nach einer aktuellen PwC-Studie in vielen schnell wachsenden Schwellenländern angekommen. Als Siemens in Nigeria ein Mobilfunknetz aufbaute, fiel der Strom mehrmals täglich aus. Mitarbeiter des bayerischen Tiefbau-Spezialisten Bauer beobachteten von ihrer Baustelle in Beirut aus, wie israelische Helikopter Raketen auf die libanesische Hauptstadt abschossen. Immerhin war die Situation „nicht vergleichbar mit Irak, wo es vorkommt, dass Baustellen und dort beschäftigte Personen tatsächlich gezielt angegriffen werden“, erinnert sich Bauer-Regionalleiter Wolfram Groh.

Es müssen nicht gleich lebensgefährliche Geschosse sein, die den Geschäftsaufbau behindern. Bereits in „good old Germany“ lauern Tücken. Mancher Anlagenbauer hat Schwierigkeiten, sperrige Maschinen über enge Straßen und baufällige Brücken zu transportieren, bevor er mit ihnen überhaupt ins Ausland gelangen kann. Für Hersteller wie die Erndtebrücker Eisenwerke, SMS Siemag, Dango & Dienenthal und Jung Großmechanik sind die ersten 100 bis 150 Kilometer aus der Region heraus besonders problematisch, beklagt etwa die Industrie- und Handelskammer Siegen. In ihrem Auftrag hat der Verkehrsplaner Professor Jürgen Steinbrecher drei Hauptursachen gefunden: problematische Verkehrsinfrastruktur, lange Genehmigungsverfahren, unkoordinierte Baustellen.

Die Herausforderungen bei der globalen Bärenjagd sind also vielfältig. Aber mit den zum jeweiligen Land passenden Strategien, können sie bewältigt werden.

Bildnachweis: Agentur Focus/Science Photo Library, PwC, Gettyimages (2), PwC, Gettyimages (2), Reuters, Gettyimages

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