Aqua minimale

Kalifornien, September 2014: Noch dürfen die Amerikaner ihre Wasserhähne ungestraft so lange aufdrehen, wie sie wollen, doch die Notfallpläne der Behörden liegen bereits in den Schubladen. Mit jedem Tag, an dem die Dürre im Südwesten der USA andauert, wächst die Angst vor Rationierungsmaßnahmen. Der einst mächtige Colorado River, an dessen Tropf die Metropolen Las Vegas, Los Angeles und San Diego hängen, erreicht noch nicht einmal mehr seine Mündung im Golf von Mexiko.

China, nur drei Monate zuvor: Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua räumt ein, dass 60 Prozent des Grundwassers im Reich der Mitte so hoffnungslos verseucht sind, dass es nicht mehr zum Trinken taugt. Schon die Hälfte aller Flüsse, 27.000 an der Zahl, sind einfach versiegt – leer gesaugt vom Wasserdurst einer wachsenden Bevölkerung und einer beispiellosen Industrialisierungswelle, die das Land binnen weniger Jahrzehnte zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt katapultiert hat.

Wasserkraft ist Wachstumskraft: Kein Konzern kann riskieren, in eine Situation zu geraten, in der eines seiner Werke künftig nicht mehr ausreichend mit Wasser versorgt werden kann.

Wasserkraft ist Wachstumskraft: Kein Konzern kann riskieren, in eine Situation zu geraten, in der eines seiner Werke künftig nicht mehr ausreichend mit Wasser versorgt werden kann.

Was klingt wie der Auftakt eines Katastrophenfilms, made in Hollywood, ist alles andere als übertriebene Panikmache. Wasser, der Grundstoff allen Lebens, wird weltweit immer knapper. In Afrika sowieso, aber zunehmend auch in Ländern wie den USA, in Russland oder China. „Nach Prognosen der OECD werden schon im Jahr 2030 fast 50 Prozent der Weltbevölkerung in sogenannten High-water-stress-Regionen leben. Also in Gegenden, in denen mehr Wasser verbraucht wird, als zur Verfügung steht“, sagt Barbara Johanna Wieler, Senior Managerin im Bereich Sustainability Services bei PwC. „Der Zugang zu sauberem Wasser wird damit zu einem der entscheidenden Wettbewerbsfaktoren des 21. Jahrhunderts. Unternehmen ohne vernünftiges Ressourcen-Management drohen auf mittlere Sicht Akzeptanzprobleme im Markt und sogar Produktionsengpässe.“ Mit einem effizienten Ressour­cenmanagement können sie aber gegensteuern.

Zwar befindet sich Deutschland in einer vergleichsweise komfortablen Situation. Nur rund ein Fünftel der jährlich von der Natur zur Verfügung gestellten 188 Milliarden Kubikmeter Frischwasser wird von Landwirtschaft, Industrie und Haushalten hierzulande überhaupt verbraucht. Und auch der Privatkonsum ist mit 122 Litern pro Kopf und Tag dank sparsamer Armaturen und optimierter Haushaltsgeräte rekordträchtig niedrig. Doch das ist nicht mal die halbe Wahrheit. „Unser tatsächlicher Wasserverbrauch“, rechnen die Experten der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft vor, „liegt mit gut 5.300 Litern um ein Vielfaches höher.“

Diese Menge ist erforderlich, um all die Waren zu produzieren, die wir täglich konsumieren – von der Tasse Kaffee über die Tankfüllung Biodiesel bis hin zum Mikrochip im Smartphone. Allein die Produktion eines Baumwoll-T-Shirts verschlingt nach Berechnungen der Organisation Water Footprint Network knapp 2.500 Liter Wasser, ein Kilo Schokolade sogar mehr als 17.000 Liter. Es ist dieser „virtuelle“ Wasser-Fußabdruck, der Deutschland heute zu einem der größten Wasserimporteure der Welt macht.

In ihren eigenen Werken haben deutsche Unternehmen ihr Wasser­management bereits ziemlich gut im Griff, sowohl im In- wie auch im Ausland. Der VW-Konzern etwa konnte seinen Frischwasserverbrauch je Fahrzeug von 2010 bis 2013 weltweit schon um gut 4,6 Prozent reduzieren – von 4,54 Kubikmeter Wasser auf aktuell 4,33 Kubikmeter. Und damit ist das Unternehmensziel noch lange nicht erreicht. Bis 2018 soll der Verbrauch um insgesamt 25 Prozent sinken – auf dann nur noch 3,45 Kubikmeter Wasser pro Einheit.

„Entscheidend ist nicht nur die Frage, wie viel Wasser wir insgesamt einsparen, sondern an welchen Standorten uns das gelingt“, sagt Stephan Krinke, Leiter der VW-Konzernabteilung Produkt Umwelt. „Anders als bei der Verringerung von CO₂-Emissionen, die der Natur insgesamt zugutekommen, ist Wassermanagement immer eine standortbezogene Herausforderung. Wir müssen Wasser vor allem dort einsparen, wo die Ressource knapp ist.“

Deshalb hat der Konzern 2013 erstmals eine Bestandsaufnahme von wiederverwertetem Wasser durchführen lassen – mit Erfolg versprechenden Resultaten. „Wir kommen heute an 45 Standorten weltweit auf eine Recyclingwassermenge von 3,8 Millionen Kubikmetern, was in etwa acht Prozent der bezogenen Frischwassermenge entspricht“, sagt Krinke. Er weiß, dass die Konzernverantwortung nicht an den Werkstoren enden darf. Denn für die Produktion eines Fahrzeugs verbraucht VW in seinen eigenen Werken nur etwa zehn Prozent des benötigten Wassers. Der Rest entfällt auf die Vorkette. „Lieferantenmanagement ist das Gebot der Stunde“, so Krinke. „Bevor wir die Zulieferer auf unsere Umweltziele einschwören, müssen wir in unseren Werken mit gutem Beispiel vorangehen.“ Die Brisanz des Themas steht für ihn dabei außer Frage. „Auf mittlere Sicht hat das Thema Wasser das Potenzial, die CO₂-Problematik von Platz 1 der gesellschaftlichen Relevanz zu verdrängen. Wasserarmut ist unmittelbar existenzbedrohend.“ Auch für die Unternehmen selbst. Schließlich will kein Konzern in die Situation geraten, in der eines seiner Werke künftig nicht mehr mit ausreichend Wasser versorgt werden kann.

Ein Aspekt, der auch erklärt, weshalb Kapitalanleger das Thema in jüngster Zeit verstärkt ins Visier nehmen. So verlangt etwa das Carbon Disclosure Project (CDP) – ein Zusammenschluss von weltweit 722 Großinvestoren, die in Summe ein Vermögen von 87 Billionen Dollar verwalten – von den größten börsennotierten Firmen mittlerweile nicht nur Informationen über ihre CO₂-Bilanz und ihre Klimastrategien, sondern sie erwarten auch Transparenz darüber, wie sie mit der Ressource Wasser in der Lieferkette umgehen. Sie wollen quasi auf den Tropfen genau wissen: Wo liegt der Verbrauch? Wie hoch sind die Kosten? Und wie viel Wasser steht lokal überhaupt zur Verfügung? Denn die Vorstellung, dass der Wasserkreislauf das kostbare Nass mit jedem Tag wieder aufs Neue bereitstellt, gilt in Zeiten großindustrieller Landwirtschaftsnutzung längst nicht mehr.

In einer aufwendigen Untersuchung hat Petra Döll, Professorin für Hydrologie an der Goethe-Universität in Frankfurt, gerade erst auf die beschleunigte Verknappung der Ressource hingewiesen. Ihr Fazit: „Etwa 15 Prozent der globalen Grundwasserentnahmen sind nicht nachhaltig. Das heißt: Sie stammen aus nicht erneuerbaren Ressourcen.“ Die Folgen sind weltweit spürbar. In Peking fällt der Grundwasserspiegel jeden Tag um einen halben Meter. Am russischen Aralsee, dem einst viertgrößten Binnensee der Welt, liegen die Schiffe vielerorts auf dem Trockenen. Selbst im vermeintlich so regenreichen London muss eine Meerwasser-Entsalzungsanlage die Trinkwasserversorgung der britischen Metropole sicherstellen. Aqua minimale: Knapp 900 Millionen Menschen weltweit haben keinen ausreichenden Zugang zu sauberem Wasser – auch wenn die Vollversammlung der Vereinten Nationen genau das 2010 zum Menschenrecht erklärt hat.

Niedrigpegel: Auch in den USA wird Wasser  in diesem Sommer nicht mehr so üppig fließen wie bisher. Das Bild vom Hoover-Damm (oben)(links) zeigt das austretende Rinnsal.

Niedrigpegel: Auch in den USA wird Wasser in diesem Sommer nicht mehr so üppig fließen wie bisher. Das Bild vom Hoover-Damm (oben)(links) zeigt das austretende Rinnsal.

Es ist deshalb nur konsequent, wenn die Relevanz des Themas in den Chefetagen der Unternehmen zunehmend erkannt wird. Schon 2009 gaben 41 Prozent der im Rahmen des PwC Global CEO Survey befragten Vorstands-Chefs zu Protokoll, die zunehmende Wasserknappheit werde einen negativen Einfluss auf ihren langfristigen Geschäftserfolg haben. Laut einer aktuellen Befragung des World Economic Forum halten Vorstände die Auswirkungen der Wasserknappheit bereits für eines der „fünf größten Risiken der Zukunft“ – bedrohlicher als die Folgen einer weiteren Verbreitung von Massenvernichtungswaffen oder das Versagen, sich dem Klimawandel anzupassen.

„Um dieses Risiko besser in den Griff zu bekommen, müssen die Unternehmen ihre gesamte Lieferkette unter die Lupe nehmen“, sagt PwC-Expertin Wieler. So wie es beispielsweise der Chemiekonzern BASF getan hat. Ein Unternehmen mit mehr als 100.000 direkten Zulieferern und einer noch größeren Gruppe vorgeschalteter Lieferanten. Mithilfe des von PwC zur Verfügung gestellten ESCHER-Tools – die Abkürzung steht für Efficent Supply Chain Economic and Environmental Reporting – konnte der Konzern ein besseres Verständnis dafür entwickeln, wo die größten Wasserrisiken in der Lieferkette liegen. Im Kampf um jeden Tropfen hat BASF-Chef Kurt Bock das Ziel ausgegeben, „den Bezug von Trinkwasser für die Produktion bis 2020 gegenüber dem Basisjahr 2010 um 50 Prozent zu reduzieren“.

Technisch ist das ohnehin kein großes Problem. Spezialisten wie Siemens, General Electric oder Lanxess verfügen heute über Verfahren, mit denen sich selbst stark kontaminierte Industrieabwässer in Brauch- oder sogar sauberes Trinkwasser verwandeln lassen. Doch vielerorts fehlen noch immer die Anreize dafür. Vor allem, weil Wasser viel zu billig ist.

„Die Preise spiegeln nicht die Knappheit der Ressource wider“, kritisieren die Analysten der Deutschen Bank in einer umfangreichen Studie zum Thema. So sind Wasserzähler selbst in Industriestaaten wie Großbritannien oder den USA für Millionen Haushalte bis heute völlig unbekannt. Bezahlt wird nicht der tatsächliche Verbrauch, sondern pauschal – und das ist oft nicht mehr als ein bloßes Trinkgeld.

Bildnachweis: Gettyimages (2), Laif, PwC, Gettyimages, Reuters

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