Lange Leitung

Günter Friedrich hat sich längst daran gewöhnt. Immer wenn Auftraggeber der Friedrich Metallgießerei eine Videokonferenz ansetzen, etwa um Detailkorrekturen an Gussteilen zu besprechen, dann setzen sich bei Friedrich die verantwortlichen Ingenieure und Meister in zwei Autos, fahren die acht Kilometer herunter nach Hofgeismar, wo sie bei einer Partnerfirma unterkommen und der Videokonferenz folgen. Anschließend geht es wieder zurück, immer am Flüsschen Diemel entlang nach Liebenau-Lamerden. Hier am Sitz der Firma reicht das Netz nicht aus. Nicht für Videokonferenzen und auch für vieles andere nicht. In Hofgeismar, bei der Partnerfirma, gebe es immerhin 40 MBit/s, erzählt Friedrich. In Liebenau-Lamerden sind es vielleicht 0,5, obwohl sich Friedrich bereits doppelte Anschlüsse hat legen lassen. „Es dauert ewig“, stöhnt der Seniorchef und Firmengründer. „Bis mal 5000 Seiten durchgeklimpert sind, vergeht eine Viertelstunde.“

Die mangelnde Breitbandversorgung, sagt Friedrich, werde immer mehr zum Problem in einer Industrie, in der Lieferanten in Produktionsverbünde integriert sind, die Daten über Aufträge und Abrechnungen, über Spezifikationen der Teile oder Produktionsanpassungen permanent über das Internet austauschen. Bei Friedrich fertigen sie Motorenteile für Lamborghini und Ferrari, aber auch für Umspannwerke von Siemens. Seine Auftraggeber können nicht warten, bis ein kleiner Lieferant seine Daten durch die lange Leitung geschoben hat. Inzwischen merkt Friedrich auch in anderer Hinsicht, dass es ein Standortnachteil geworden ist, im friedlichen Nordhessen zu sitzen, 35 Kilometer nördlich von Kassel: Er wollte einen seiner Top-Mechaniker ins Nachbarhaus am Ort lotsen, auch um ihn an die Firma zu binden. „Bloß nicht“, hat der geantwortet. „Kein Internet.“

In Nordhessen finden sich viele der weißen Flecken in den Karten des deutschen Breitbandatlas, doch die Gegend ist bei Weitem kein Einzelfall: Südniedersachsen oder die Lausitz, große Teile des deutschen Nordostens und Ecken von Thüringen, Bayern, Baden-Württemberg, überall müssen Firmen und Privatleute mit geringen Bandbreiten auskommen, mit teuren Umweglösungen oder mit einer Hoffnung auf bessere Zeiten, die die Politiker in Bund und Ländern derzeit zu wecken versuchen. „Noch sollten wir nicht generell sagen: Unsere Breitbandinfrastruktur ist schlecht in Deutschland“, sagt August Ortmeyer, Infrastrukturexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. „Aber es wird Zeit, dass wir aufwachen.“ Das gilt besonders, wenn man an die Prognosen glaubt, nach denen die Industrie der Zukunft von untereinander kommunizierenden Maschinen, Bestellsystemen und datengesteuerter Logistik bestimmt ist, ergänzt Werner Ballhaus, Telekommunikationsexperte bei PwC. „Wenn man nach vorne schaut und Konzepte wie Industrie 4.0 betrachtet, dann wird ein leistungsfähiges und flächendeckendes Netz enorm wichtig“, sagt er. „Früher hatten wir eine gute Infrastruktur. Jetzt fallen wir zurück.“

Wie abgehängt ist Deutschland? Wenn man die Statistiken über Durchschnittsgeschwindigkeiten im Netz anschaut, dann rangiert die Bundesrepublik unter den Industrieländern bestenfalls im Mittelfeld. In der weltweiten Betrachtung des Webdienstleisters Akamai folgen nach dem einsamen Spitzenreiter Südkorea, der eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 21,9 MBit/s bietet, Länder wie Japan (12,8 MBit/s), Niederlande (12,4), Hongkong (12,2) und die Schweiz (12,0). Deutschland rangiert mit mageren 7,7 MBit/s erst auf Platz 21, auch europaweit nur ein Mittelplatz, knapp vor Polen, Russland und Rumänien. Doch es ist nicht nur der mediokre Durchschnittswert, der das Problem im Land verdeutlicht, sondern es sind die weißen Flecken auf der Landkarte. Gegenden wie Nordhessen, wo – fast – gar nichts läuft. „Es ist eine der Stärken unseres Standorts, dass wir viele Wirtschaftszentren haben, viele davon in der Provinz“, sagt Ballhaus. „Wir müssen dafür sorgen, dass mit der zunehmenden Bedeutung der Netzanbindung der Vorteil nicht zum Nachteil wird.“

Wenn man der Bundesregierung glaubt, dann haben die Regierenden das Problem erkannt. Seit die Große Koalition ihr Amt angetreten hat, propagiert Alexander Dobrindt als Minister für Verkehr und digitale Infrastruktur eine Breitbandoffensive. Koalitionsangehörige verweisen auf die ehrgeizigen Worte im Koalitionsvertrag, der Bürgern und Unternehmen bis 2018 eine „flächendeckende Geschwindigkeit“ von 50 Mbit/s verspricht. „Das ist eine nationale Aufgabe“, sagt der Abgeordnete Sören Bartol, der die SPD im Bundestagsausschuss „Digitale Agenda“ vertritt. Da müsse man die Länder ins Boot holen, die Gemeinden und Landkreise handlungsfähig machen. Das heißt: Nicht nur die Koalitionspartner müssen sich einigen, sondern es muss ein ganz großer föderaler Prozess her, und diese Perspektive lässt nicht unbedingt erwarten, dass es schnell geht.

Einige Bundesländer, darunter Hessen, Baden-Württemberg und Bayern, haben derweil selbst die Initiative ergriffen – und warten nicht länger auf Entscheidungen auf Bundesebene. In diesem Zuge wurde in Bayern bereits Ende 2012 ein Förderprogramm zum Ausbau von Hochgeschwindigkeitsnetzen initiiert. Bis zu 1,5 Milliarden Euro will der Freistaat in den nächsten Jahren in den Breitbandausbau investieren; an Fördergeldern kann jede Kommune bis zu 950.000 Euro erhalten (Fördersätze zwischen 60 und 90 Prozent). Unterstützung auf dem Weg zu schnellem Internet erhalten die bayerischen Gemeinden durch das eigens eingerichtete Bayerische Breitbandzentrum.

SPD-Mann Bartol verbreitet Optimismus. Bis zur Sommerpause müsse Dobrindt eine erste Arbeitsgrundlage vorlegen, dann könne man sich ein Bild davon machen, wie das große Ziel erreicht werden soll. Einen Vorschlag immerhin hat der Minister bereits im Frühjahr auf der Cebit gemacht: Die Erlöse aus der kommenden Versteigerung von Mobilfunkfrequenzen wolle die Bundesregierung einsetzen, um Anreize zu schaffen, damit das Netz schneller ausgebaut wird. Allerdings steht noch gar nicht endgültig fest, wann die betreffenden Frequenzen verkauft werden – und ob die Auktion überhaupt die angestrebten Erlöse bringen kann.

„Es ist wichtig, dass von oben klare Ziele vorgegeben werden, was die normale Standortausstattung sein soll“, sagt DIHK-Experte Ortmeyer. Dass es am Ende superschnelle Verbindungen selbst im hinterletzten Winkel gebe, sei angesichts der Kosten wahrscheinlich eine Illusion. Aus den Äußerungen der Bundesregierung sei bislang noch nicht ersichtlich, ob die Politiker in Berlin wirklich wüssten, was die Unternehmer wünschten. Aber das liege auch an den Firmen selber. Einige seien bereit, für Geschwindigkeit jeden Preis zu bezahlen, und wenn man an moderne Produktionsverbünde denke, dann gehe es nicht nur um die Downloadgeschwindigkeiten, die die Statistiken in der Regel ausweisen, sondern ebenso darum, dass der schnelle Upload reibungslos klappt. „Andererseits ist auch bei den Unternehmen die Zahlungsbereitschaft sehr unterschiedlich ausgeprägt.“

Die dominierenden Netzanbieter wie die Telekom stehen praktisch überall in Europa vor einer misslichen Situation: Nachdem sie sich jahrelang erbitterte Preiskämpfe mit ihren Konkurrenten geliefert haben, sinken die Gewinnmargen, die die Netze abwerfen, seit Jahren. Perspektive bietet da nur die Hoffnung auf Zukunftsgeschäfte mit Smart Grids, Smart Cities, Industrie-4.0-Anwendungen und dem sogenannten Internet der Dinge, die aber allesamt ebenjenes gut ausgebaute Netz erfordern, das die großen Netzbetreiber erst aus ihrer immer magerer werdenden Rendite aufbauen müssten. „Ein Stück weit ist das ein Dilemma“, sagt Wolfgang Donie, Branchenanalyst der NordLB in Hannover. „Sie haben einbrechende Einnahmen, gleichzeitig sind milliardenschwere Investitionen erforderlich.“

In dieser Situation ruhen die Hoffnungen der Telekom und anderer Anbieter auf der Politik. Die Regierung, so die Vorstellung, könnte mit veränderten Wettbewerbsregeln dafür sorgen, dass die Konkurrenz nicht mehr ganz so hart ist, was entsprechend höhere Preise möglich machen würde. Ein Beispiel wäre, wenn der Netzbetreiber dort, wo er ein besonders schnelles Netz geschaffen hat, nicht mehr überall gezwungen wäre, dieses Netz zu festgelegten Preisen an Konkurrenten zu vermieten. Entsprechend mehr Geld könnte er hier verlangen. Ein anderer Vorschlag würde es dem Netzbetreiber erlauben, in Ausbaugebieten lang laufende Verträge mit seinen Kunden zu schließen (derzeit ist die Vertragsdauer auf 24 Monate beschränkt) und sich so verlässliche Barmittelrückflüsse zu sichern.

„Das geht in die richtige Richtung“, sagt PwC-Mann Ballhaus. „Wir haben zu hohe Regulierung und zu viel Wettbewerb“, stellt er fest. Man müsse den investierenden Unternehmen erlauben, Geld mit ihrer Investition zu verdienen, sonst werde nichts passieren. Für Firmen, die auf eine schnellere Netzanbindung hoffen, heißt das: Sie haben gute Chancen, diese eines Tages zu bekommen, aber sie sollten sich auf deutlich höhere Preise einstellen. „Es ist mehr verursachungsgerechte Preisdifferenzierung nötig“, sagt Ballhaus. „Wir müssen weg von den Flatrates.“ Am Ende werde der Unternehmer, der einen höheren Bedarf hat, diesen auch bezahlen müssen.

„Man muss die Klagen der Telekommunikationsunternehmen bis zu einem gewissen Punkt ernst nehmen“, sagt Branchenanalyst Donie. Wettbewerb und Regulierung hätten Deutschland zu einem der billigsten Telekommunikationsmärkte in Europa gemacht. „Jetzt muss die Regulierung wieder ein wenig gegenarbeiten.“

Trotz allem: Auch in der Provinz fließen Datenströme durch das Breitbandnetz – ob an der Mosel, in Ostholstein oder in Sören Bartols Heimatlandkreis Marburg-Biedenkopf: Überall haben Bürger und Lokalpolitiker die Initiative ergriffen. Und auch Unternehmer Friedrich gibt die Hoffnung nicht auf: „Wir können ja nicht umziehen“, sagt er.

Bildnachweis: backerdesign.com

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