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Glänzende Aussichten

Es ist ein erhebender Ort, den sich Bentley-Chef Wolfgang Schreiber ausgesucht hat. Hoch über den Dächern Londons, auf dem höchsten Stockwerk des Gherkin, des markanten Hochhauses im Bankenviertels, präsentiert Schreiber seine Erfolge. Denn wie der Ort, so sind auch die Zahlen des britischen Autobauers erhebend: Bentley hat 2013 so viele Autos verkauft wie nie zuvor, 10.120 Stück, ein Rekord. „Wir sind die führende Luxusautomarke“, sagt Schreiber. „Bald wachsen wir noch weiter.“

Er blickt dabei über die Londoner Skyline auf viele Kräne. Ein Bauboom hat die Stadt erfasst. Mehr als 220 neue Hochhäuser sollen in den kommenden Jahren entstehen – Gebäude wie der „Cheesegrater“, der aussieht wie eine große Käsereibe. Über 20 Milliarden Pfund, rund 24,5 Milliarden Euro, wurden im vergangenen Jahr in Londoner Gewerbeimmobilien investiert. 2014 dürften es noch mehr werden.

Der Absatzrekord bei Bentley und der Bauboom in London sind nur zwei Beispiele für das, was gerade im Vereinigten Königreich geschieht. Das Land hat sich nach einer der schwersten Rezessionen aller Zeiten erholt. Die britische Wirtschaft wächst schneller als alle anderen in Westeuropa, für dieses und das kommende Jahr zeigen viele Indikatoren nach oben. Der IWF rechnet für 2014 mit einem BIP-Wachstum von 2,4 Prozent, die EU-Kommission sogar mit 2,5 Prozent. Das ist viel für ein Land, das nach der Finanzkrise dem wirtschaftlichen Untergang geweiht schien.

Doch trotz der positiven Signale ist Skepsis angebracht: Viele strukturelle Probleme der britischen Wirtschaft bleiben ungelöst. Das Land ist abhängig vom Binnenkonsum und der Immobilienwirtschaft, die Privatverschuldung wächst – wie auch die Importe. Die Regierung von Premier David Cameron versucht nun, das Land mit einem harten Sparkurs, großflächigen Infrastruktur-Projekten und Investitionen aus dem Ausland zukunftsfähig zu machen. Ob das gelingt, hängt unter anderem auch davon ab, ob das Vereinigte Königreich in seiner jetzigen Form bestehen bleibt. Oder ob sich nach dem schottischen Unabhängigkeitsreferendum im September neue Abgründe auftun.

Trotz dieser Risiken sind viele Unternehmen zuversichtlich. Der Confederation of British Industry (CBI) zufolge ist die Zuversicht so groß wie seit 1973 nicht mehr. „Jetzt zeigen sich die Stärken der britischen Wirtschaft“, sagt Andrew Sentance, Senior Economic Advisor bei PwC UK, „ich bin für die kommenden zwei bis drei Jahre sehr optimistisch.“

Einige Branchen erholen sich dabei derzeit besonders gut. Die Autoindustrie steigert kontinuierlich ihre Verkäufe. Sie legten im März um 17,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu, der höchste Stand seit zehn Jahren. „Das ist wirklich eine beeindruckende Leistung“, sagt Howard Archer, Chefökonom bei IHS Global Insight in London. Das erhöhe die Wachstumserwartungen für das laufende Jahr deutlich. Neue Zahlen des nationalen Statistikamtes ONS zeigen, dass die britische Wirtschaft im ersten Quartal um 0,8 Prozent wuchs, zwischen März 2013 und März 2014 sogar um 3,1 Prozent.

Dennoch liegt das Wachstum für das erste Quartal 2014 immer noch 0,6 Prozentpunkte unter dem Höhepunkt in 2008. „Viele andere Länder haben ihr Vorkrisenniveau deutlich vor uns erreicht“, sagt Howard Archer. „Die Verbesserung, die wir jetzt sehen, geht von einem sehr niedrigen Ausgangspunkt aus.“ Großbritannien habe länger gebraucht als die Nachbarländer, um sich von den Folgen der Finanzkrise zu erholen.

Einige Analysten bezweifeln denn auch, ob die Wirtschaft des Landes wirklich gesundet ist. Simon Derrick, Chief Currency Strategist bei BNY Mellon in London, glaubt, dass es vor allem externe Faktoren sind, die das Vereinigte Königreich gut dastehen lassen. „Würden wir wirklich so viel Wachstum haben, wenn wir keinen Immobilienboom hätten?“, fragt er. Ihm zufolge profitiert Großbritannien vom Ruf, ein sicherer Hafen für Geldanlagen zu sein und davon, dass noch immer viel Geld im Umlauf ist. Ein großer Teil der wirtschaftlichen Erholung basiere daher nicht auf innenpolitische Reformen.

Das sieht die Regierung anders. Sie ließ sich Mitte März bei der Verkündung des Haushalts für ihre Wirtschaftspolitik feiern – sinkende Arbeitslosenzahlen, die Hochstufung der BIP-Prognosen und die steigende Zahl an ausländischen Investitionen scheinen der Koalition aus Konservativen und Liberalen recht zu geben.

Auch die Hauspreise erholen sich wieder. Sie stiegen im April um 10,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In London legten sie innerhalb eines Jahres um 18,2 Prozent zu. Die Regierung hatte zuletzt mit Programmen wie „Help to Buy“ den Hauskauf gefördert. Die Preisexplosion in London lässt nun allerdings die Angst vor einem Platzen der Blase wachsen. „Zumindest in London ist es gerechtfertigt, von einer Blase zu sprechen“, sagt Howard Archer von IHS. Außerhalb von London dagegen sei dies nicht der Fall. Dennoch sei die britische Wirtschaft zu sehr vom Immobilienmarkt abhängig, warnt Archer.

Ein großer Teil der 1,43 Billionen Pfund, die die Briten inzwischen an Privatschulden angehäuft haben, ist auf Hauskredite zurückzuführen. Dazu kommen die Konsumschulden. Seit Jahren sinkt die Sparquote, stattdessen geben die Briten ihr Geld lieber aus. „Das kurbelt den Binnenkonsum an“, sagt Archer. „Auf Dauer ist das aber auch nicht nachhaltig.“ Angesichts des niedrigen Leitzinses – er liegt seit über fünf Jahren bei 0,5 Prozent – scheint es vielen sinnvoller zu konsumieren, anstatt zu sparen.

Das treibt die Importe in die Höhe. „Das Handelsbilanzdefizit hat sich in den vergangenen zwölf Monaten nur wenig verändert“, sagt Robert Wood, Chefökonom bei der Berenberg Bank in London. Die Exporte legten im ersten Quartal um 1,9 Prozent zu, während die Importe dem nationalen Statistikamt zufolge um 3,7 Prozent zunahmen. „Diese Daten geben uns keinen Anlass zu glauben, dass der Außenhandel in den kommenden Jahren einen größeren Anteil am Wirtschaftswachstum haben wird“, sagt Wood.

Oben: Obenauf: London bleibt die Lokomotive des Wachstums. Unten: Die London Metal Exchange ist die kleine „Schwester“ der Londoner Börse.Links: Obenauf: London bleibt die Lokomotive des Wachstums. Rechts: Die London Metal Exchange ist die kleine „Schwester“ der Londoner Börse.

Oben: Obenauf: London bleibt die Lokomotive des Wachstums. Unten: Die London Metal Exchange ist die kleine „Schwester“ der Londoner Börse.Links: Obenauf: London bleibt die Lokomotive des Wachstums. Rechts: Die London Metal Exchange ist die kleine „Schwester“ der Londoner Börse.

Die Regierung will nun mit einer sogenannten „Rebalancing“-Strategie dafür sorgen, dass die Wirtschaft auf eine breitere Basis gestellt wird. Die Rückbesinnung auf die fertigende Industrie – als zweites Standbein neben dem Finanzsektor – soll ein Abstürzen der Wirtschaft wie 2007 und 2008 verhindern. Das braucht allerdings seine Zeit: Viele Industriezweige sind ins Ausland abgewandert. Es sind vor allem Nischenprodukte wie Luxusautos und mit Diamanten besetzte Handys, die noch das „Made in UK“ tragen.

„Es ist wichtig, dass die Wirtschaft besser ausbalanciert wird“, sagt David Kern, Öko­nom bei den British Chambers of Commerce. Noch immer produziert die Industrie rund zehn Prozent weniger als vor der Krise. Die Regierung versucht, die Exporte zu fördern, gleichzeitig wird gespart. Trotzdem soll das Defizit 2014 mit 4,5 Prozent des Brutto-inlandsprodukts (BIP) deutlich über der 3-Prozent-Grenze liegen, die in der EU gilt.

Andere Probleme wie die Arbeitslosenquote – 2013 lag sie noch bei über 7 Prozent – lassen sich derweil schneller lösen als erwartet. In den drei Monaten bis Februar ging die Zahl der Arbeitslosen auf 6,9 Prozent zurück. „Dies unterstreicht die Widerstandsfähigkeit und die Flexibilität unseres Arbeitsmarktes“, sagt Kern.

Dennoch liegt das Vereinigte Königreich bei der Produktivität im Vergleich zu den europäischen Nachbarn zurück. Dem Statistikamt ONS zufolge war die Produktivität im Jahr 2012 so niedrig wie seit 1994 nicht mehr. Der einzelne britische Arbeitnehmer trug im Schnitt 19 Prozent weniger als seine G-7-Nachbarn zum BIP seines Landes bei.

Oben: Amazon-Lager in Rugeley. Unten: „Wir müssen reden“: Londons Bürger­meister Boris Johnson (l.) und der britische Premier David Cameron in der Tube.Links: Amazon-Lager in Rugeley. Rechts: „Wir müssen reden“: Londons Bürgermeister Boris Johnson (l.) und der britische Premier David Cameron in der Tube.

Oben: Amazon-Lager in Rugeley. Unten: „Wir müssen reden“: Londons Bürger­meister Boris Johnson (l.) und der britische Premier David Cameron in der Tube.Links: Amazon-Lager in Rugeley. Rechts: „Wir müssen reden“: Londons Bürgermeister Boris Johnson (l.) und der britische Premier David Cameron in der Tube.

„Wir haben in Großbritannien grundlegende Probleme“, sagt Andre Spicer, Professor an der Cass Business School. „Die geringen Investitionen, die mangelnde Ausbildung der Arbeitskräfte und schlechtes Management tragen zum Produktivitätsrückgang bei.“ Erst jetzt mehren sich die Anzeichen, dass die Produktivität zunimmt. Laut Berenberg Bank ist sie im Januar um 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen.

„Wir sehen an vielen Stellen Verbesserungen“, sagt Simon Derrick von der Bank BNY Mellon. Er beschäftigt sich derzeit vor allem mit der Frage, welche Folgen das schottische Referendum für die britische Wirtschaft haben könnte. „Realistisch betrachtet ist es klar, dass Schottland vom Verbleib in der Union profitiert“, sagt er. Die Regierung hat in den vergangenen Monaten sehr deutlich gemacht, dass sie ein unabhängiges Schottland nicht unterstützt – und dass dieses ohne das britische Pfund auskommen müsste. „Es bleibt zu hoffen, dass dieser Fall nicht eintritt“, sagt Derrick.

Denn auch ohne den Austritt Schottlands aus der Union bleibt für die Regierung genug zu tun. Sollte sie die Wahlen im kommenden Jahr gewinnen, müsste sie weitere grundlegende Reformen anschieben. „Das britische Steuersystem muss überarbeitet werden“, sagt Andrew Sentance von PwC. „Das bisherige Planungssystem hemmt die Wirtschaft, auch der Mangel an Talenten schadet.“ Ganz offensichtlich: Noch hat die Regierung nicht bewiesen, dass sie Großbritannien wirklich neu erfinden kann.

Bildnachweis: Gettyimages/AFP, Gettyimages/Dan Kitwood, Gettyimages/AFP, PwC, Gettyimages/Pawel Libera, Gettyimages/Bloomberg (2), Gettyimages/AFP

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