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Von etwas verrückten Kapitänen auf großer Fahrt

Das Volk der Dichter und Denker verehrt seine Elite nicht mehr. Exzellenz gilt als Marotte von Psychopathen. Einem Messi gebührt, wofür ein CEO gegeißelt werden muss. Die veröffentlichte Meinung und die Unterhaltungsindustrie betreiben ein doppeltes Spiel. Vorstadtfiguren werden in Castingshows als Stars in einen synthetischen Ruhm gehoben, während die exzellenten Eliten sich einer Psychiatrierung ihrer Reputation ausgesetzt sehen. Es gehört zur deutschen Selbst­befind­lichkeit, die Amis für stupide Pragmatiker zu halten, sich aber nicht zu fragen, warum das Gros der Nobelpreise genau dorthin geht.

Müssen wir den Zeitgeist beklagen? Die zunehmende Menge an Studien, in denen Top-Manager mit Psychopathen gleichgesetzt werden, schürt populistische Verirrungen. Dabei liegt das Problem tiefer und ist so alt wie die Menschheit. Man muss es verstehen wollen, als Hoch- wie als Minder­begabter.

Wer sich die Entstehung der großen amerikanischen Vermögen zur Zeit der historischen Rockefellers erklären wollte, dem boten Presse und Literatur dieser Zeit eine ebenso einfache wie plausible Erklärung. Der Journalist Upton Sinclair wie der Historiker Gustavus Myers legten die „History of the Great American Fortunes“ als Kriminalgeschichte an: Aus Verbrechern wurden Kapitalisten. Die Wohltätigkeiten, zu denen sich die frühen Unternehmerfamilien in Amerika entschlossen, sah man als Versuch, die zweifelhaften Anfänge hinter einem calvinistischen Habitus zu verstecken.

Diese Annahmen gehorchten auch einer marxistischen Denkfigur. Karl Marx nimmt als Geschichtsphilosoph an, dass eine „ursprüngliche Akkumulation“ für die Gründungskapitalien sorgte, die sich dann in legalisiertem Rahmen vermehrten. Damit war einiges an Klassenkampfstimmung zu generieren, die eine Gewerkschaftsbewegung zu ihrer eigenen Legitimation zu nutzen wusste. Aber es blieb doch ein Rest an Erklärungsbedarf. Was hatte ein Henry Ford, das Legionen von Zeitgenossen nicht hatten? Ein Roosevelt, ein Carl Benz, ein Robert Bosch oder ein Thyssen? Waren das alle Irre?

Stigmatisierung von Spitzen­leistung: Studien und Fach­bücher unterstellen Führungs­kräften einen Hang zum Wahnsinn. Stumpfer Populismus? Irrtum! Das Problem liegt tiefer und ist so alt wie die Menschheit.

Stigmatisierung von Spitzen­leistung: Studien und Fach­bücher unterstellen Führungs­kräften einen Hang zum Wahnsinn. Stumpfer Populismus? Irrtum! Das Problem liegt tiefer und ist so alt wie die Menschheit.

Genie und Wahnsinn liegen eng beieinander, sagt der Volksmund. Man billigt die außergewöhnliche Leistung zu, hat aber Bedenken gegenüber dem Geisteszustand des Schöpfers selbst. Was offenbart sich in dieser ambi­valenten Einschätzung? Der irritierte Blick der Menge auf eine Ausnahme ihrer selbst. Man kann dahinter die biologische Reaktion des Rudels auf den Leitwolf sehen. Man gehorcht zwar dem Anführer, aber empfindet sein Charisma als Mysterium. Hinter der Bewunderung lauert ein Misstrauen, warum die Götter einen Einzelnen aus der Menge herausgehoben und mit besonderen Gaben versehen haben.

Er zeigt Größe und wirkt als Größe, aber er entschlüsselt sich nicht für die vielen Kleinen. Führende sind aus anderem Holz geschnitzt als Geführte. Vom Rudel weiß man, dass es unter seinesgleichen darauf achtet, dass keine Verhaltensabweichungen entstehen, die die Einheitlichkeit des Massenprofils infrage stellen. In Schulen werden Streber abgestraft, die „vorgelernt“ haben. In der Fabrik ächtet man mit Unterstützung der Belegschaftsvertreter Kollegen, die „den Akkord kaputt machen“.

Reziprok zur gewollten Mittelmäßigkeit der Menge verhält sich die positive Stigmatisierung von Spitzenleistung. Dass man das Genie für wahnsinnig erklärt, hat die angenehme Folge, sich selbst als „underperformer“ für normal halten zu dürfen. So beruhigt, legt sich das Mittelmanagement auf die andere Seite und schläft weiter. Die Lehmschicht zwischen Vorstand und der operativen Ebene des Unternehmens wurde von einem amerikanischen Freund, der sich fleißig um sein Deutsch bemühte, als „Lähmschicht“ verstanden, ein Missverständnis, dem man viel abgewinnen kann.

1887 erschien das Standardwerk von Cesare Lombroso mit dem paradig­matischen Titel „Genie und Irrsinn“, das bis heute fliegen­bein­zählende Psychologen zu Experimenten verleitet, in denen die Marotten von inhaftierten Geisteskranken und TV-Mitschnitte von Vorstandsvorsitzenden verglichen werden. Man kennt ein solches Unterfangen von Wirtschafts­medien weltweit. Sie alimentieren sich mit solchen Ferndiagnosen, weil sie sich immer weniger mit wirtschaftlichen Zusammenhängen beschäftigen, aber gern schmutzige Wäsche waschen. Wenn man aus einer Neid­per­spektive die wirklichen Erfolge schon nicht leugnen kann, so will man doch wenigstens die Persönlichkeit diskreditieren dürfen. Die Wahrnehmung von Originalgenies, so nennt die Geisteswissenschaft Hochbegabte und Spitzen­leister, war schon immer durch den eigenartigen Widerspruch gekenn­zeichnet, dass man die Vaterschaft für ihre Wunderkinder nicht bestreiten wollte, aber die charakterliche Eignung zur Aufzucht derselben.

Prof. Dr. Klaus Kocks war PR-Chef in der deutschen Energie­wirtschaft und Auto­mobil­industrie, zuletzt Volkswagen-Vorstand; heute ist er als freier Meinungs­forscher und Kom­mu­nikations­berater tätig.

Prof. Dr. Klaus Kocks war PR-Chef in der deutschen Energie­wirtschaft und Auto­mobil­industrie, zuletzt Volkswagen-Vorstand; heute ist er als freier Meinungs­forscher und Kom­mu­nikations­berater tätig.

Blicken wir ins 18. Jahrhundert und lauschen dem preußischsten aller deutschen Philosophen, Immanuel Kant: „Ein Genie ist jederzeit undankbar, hochmütig, unbändig und hohnsprechend. Aber so wie das Gackern einer Henne ertragen werden muss, weil sie doch mit Wehen uns ein Ei legt, wie darum trächtige Hausfrauen gemeiniglich den Ohren viel Plage machen, weil sie sich die Beschwerlichkeit machen müssen, ein Kind zu gebären, so ist das von der plastischen Natur geschwängerte Genie auch gebieterisch, hoch­mütig und trotzig.“ Deshalb zieht Kant eine Konsequenz, die erklärt, warum die Genies an der Spitze von Unternehmen eigene PR-Abteilungen haben, die das Genie des CEO zu inszenieren wissen: „Das Genie ist ein Gestörter, den ein anderer erstlich auslegen muss.“

Führungspersönlichkeiten, die weit über Befehl und Gehorsam ausstrahlen, spricht man Charisma zu. Charismatische Unternehmensführer müssen um die Ambivalenz des Geniebegriffs, der ihre Reputation begleitet, wissen. Viele jener Originale pflegen das, was der Engländer einen „Spleen“ nennt und jedem Gentleman zubilligt. Die „Tops of the Pops“ nehmen gern jene spöttischen Spitznamen und satirischen Anekdoten hin, die in der Alltags­kultur ebendiesen Doppelcharakter bedienen.

Schiffe auf großer Fahrt mit reicher Beute haben berüchtigte Kapitäne. Dem legendären Captain Ahab aus „Moby Dick“ ist das Wort zu verdanken: „Sie dürfen mich hassen und fluchen, wie sie wollen, solange sie wissen, wo der Wal bläst.“ Oder stammt der Ausspruch von William Bligh, dem Captain der „Bounty“? Letzterer hatte eine beträchtliche Meuterei zu überstehen. Vielleicht erkennt man die wirklichen Genies daran, dass sie ebendies durch Marotten zu verbergen suchen.

Bildnachweis: Interfoto, Scientific American, Penguin Books, Piper, Harper Business (2), Privat

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