Unternehmen statt spekulieren!

Reinhausen hat sich entschieden, für Indonesien. Vor zwei Jahren eröffnete der Maschinenbauer ein Verkaufs- und Service-Büro in Jakarta. Reinhausen baut Stufenschalter, die dafür sorgen, dass die elektrische Spannung stabil bleibt – schwankende Stromnetze plagen alle schnell wachsenden asiatischen Märkte. Deshalb wollte Reinhausen vor Ort sein, beim Kunden. „Das ist heute ausschlaggebend“, sagt Christoph Häring, Chef von Reinhausen Indonesia. Das Land boomt, die Wirtschaft wächst Jahr für Jahr um mehr als sechs Prozent.

Indonesien ist nur eines der Schwellen­länder, die auf die Überholspur wechseln wollen, im Windschatten von Brasilien, Russland, Indien und China. Fondsmanager haben sich eingängige Namen einfallen lassen für die neuen Helden der Weltwirtschaft: BRIC, nach den Anfangsbuchstaben der großen vier, hat sich längst eingebürgert, nun machen neue Begriffe die Runde. CIVETS etwa, das ist Englisch für Zibetkatzen, eine putzige Unterart der Schleichkatzen: Kolumbien, Indonesien, Vietnam, Ägypten, Türkei und Südafrika. Im Deutschen anrüchiger ist „MIST“, das steht für Mexiko, Indonesien, Südkorea und die Türkei. Die Banker von Goldman Sachs fassen den Kreis größer, ihre „Next 11“ nennen noch Bangladesch, Iran, Nigeria, Pakistan und die Philippinen.

Doch kaum sind die publikumswirk­samen Kürzel in der Welt, geschieht Eigentümliches: Die Börsenkurse dieser Länder werden mit Investitionschancen in den Realwirtschaften verwechselt. Derzeit rauschen viele BRIC-, MIST- und CIVETS-Indizes in den Keller, und schon werden diese Länder auch als Unter­nehmensstandorte abgeschrieben. Ein großer Fehler. Denn trotz aktueller Schwäche an den Finanzmärkten – Schwellenländer bieten, was Unternehmern in hoch entwickelten Ländern fehlt: hohes Wirtschafts­wachstum, steigende Konsumausgaben und eine gesunde demografische Struktur. In vielen der Länder entsteht derzeit eine kaufkräftige Mittelschicht, in Indien ist sie inzwischen größer als die Gesamtbevölkerung im Euroraum, ca. 400 Millionen Menschen.

„Gerade in diesen dynamischen Märkten ist man natürlich nicht vor Überrasch­ungen gefeit“, erklärt Ilja Nothnagel, Außenwirtschaftsexperte des DIHK. Bestes Beispiel ist derzeit Indonesien, dessen Rupiah seit dem Sommer rund 12 Prozent an Wert verloren hat. Dennoch, so Nothnagel, haben sich die Rahmen­bedingungen für deutsche Unternehmen deutlich verbessert, ebenso in Mexiko, Chile und Vietnam. „Insbesondere in Sachen Rechtssicherheit, Infrastruktur und Bildung gibt es Fortschritte.“ Den jeweiligen Mix aus Chancen und Risiken in einem Land muss jedes Unternehmen individuell abschätzen, die Finanzmarkt-Kürzel können dabei bestenfalls Alarmgeber sein: Wenn sogar Fonds­manager aufmerksam werden, dann lohnt sich ein genauer Blick auf ein Land. Und dann sind auch überraschende Erfolge möglich.

Duravit hat sich beispielsweise für Ägypten entschieden. Eine wachsende Mittelschicht auf konzentriertem Raum, diese Perspektive überzeugte den Hersteller von hochwertiger Sanitärkeramik. Die Geschäfte laufen prima, trotz der turbulenten Zeiten. „Wir haben selbst in kritischen Phasen unsere Werke nicht geschlossen, letztlich auch, um unseren Mitarbeitern ein wenig Normalität in wechselvollen Zeiten zu erhalten“, sagt Duravit-Vorstands­vorsitzender Frank Richter. Einen Anlass, das Engagement in Ägypten zu hinterfragen, sieht er nicht.

Die Medizintechniker von Dräger hingegen sehen Chancen in Südamerika, Venezuela etwa. Und bemerken zugleich, dass längst nicht alles leicht ist auf dem Kontinent, sagt Oliver Rosenthal, bei Dräger im Marketing als Globaler Segmentleiter für den Bereich Hospital zuständig. Der trägt bei den Lübeckern rund zwei Drittel zum Umsatz von fast 2,4 Milliarden Euro bei. Die Dräger-Tochter in Buenos Aires etwa macht der Mutter wenig Freude – wofür sie gar nichts kann. Argentinien schottet sich ab. Ausländischen Unternehmen wird abgefordert, alle ihre Einfuhren mit Ausfuhren im selben Wert auszugleichen. Deutsche Autobauer haben sich verpflichtet, argentinische Produkte zu exportieren, seitdem macht Porsche in Wein und Olivenöl, BMW in Reis.

So extrem wie Argentinien ist kaum ein anderes der aufstrebenden Länder, doch wie Protektionismus funktioniert, das haben sie gelernt. Auch Indonesier, Malaysier oder Inder standen lange genug auf der anderen Seite, haben erlebt, wie etwa die Europäische Union heimische Produzenten vor Konkurrenz abschottet. Das Spiel spielen sie jetzt auch, nur umgekehrt. Dieser Protektionismus kann Hightech aus Deutschland unbezahlbar machen.

Treiber des Aufstiegs: In südkoreanischen Werften entstehen Schiffe der Superlative.

Treiber des Aufstiegs: In südkoreanischen Werften entstehen Schiffe der Superlative.

Das ärgert gerade die „Hidden Champions“, jene deutschen Firmen, die Märkte eher vorsichtig erschließen: Gern liefern sie ihre Güter in alle Winkel der Welt, aber am liebsten gegen Vorkasse. Wenn das klappt, folgen Kooperationen mit einheimischen Partnern. Erst dann fließen Direktinvestitionen, entstehen Vertriebs- und Servicestätten, vielleicht sogar Produktionshallen. Schritt für Schritt. Wer protektionistische Einfuhrhürden umgehen will, muss oft sogar mit dem letzten Schritt beginnen und im Land selbst produzieren. Gefordert ist also eine strategische Ganz-oder-gar-nicht-Entscheidung, und die fällt kein Unternehmen leichtherzig. Schließlich geht es meist um dreistellige Millionensummen, die für ein Werk investiert werden müssen. Das muss sich rechnen – und langfristige Perspektiven aufweisen. Genau darin besteht der Unterschied zum Finanzmarkt: Die nomadisierenden Anlagegelder sind schnell abgezogen, gute Unternehmer dagegen denken immer in langen Zyklen.

Deshalb ist Reinhausen nach Jakarta gegangen. Indonesiens Regierung investiert Milliarden in Kraftwerke und intelligente Netze. Strom wird überall gebraucht: in den Bergwerken auf Kalimantan, in den Fabriken auf Java und in den glitzernden Hochhäusern Jakartas. „Der Hunger nach zuverlässiger Energie ist riesig – und er wächst weiter“, sagt Michael Rohde, Geschäftsführer der Regensburger Maschinenfabrik, die 2012 auf mehr als 630 Millionen Euro Umsatz kam. Das klingt nach einer überzeugenden Perspektive.

Nach der sucht Dräger noch für Indonesien. Der Markt dort ist einer von 16, die das Unternehmen genau beobachtet. „Country Deep Dives“, Tieftauchen in Länderanalysen, nennt Oliver Rosenthal diese Exerzitien, die oft zu überraschenden Ergebnissen führen. Dräger engagiert sich beispielsweise in Aserbaidschan, weil das Know-how bei Öl- und Gasfeldern gefragt ist. „Nicht jeder muss auf jedem Markt präsent sein“, sagt Rosenthal. „Jedes Unternehmen muss für sich analysieren, wo es investiert – unabhängig davon, wohin die Masse rennt.“

Edle Rohstoffe: In Botswana werden Diamanten geschliffen (oben), in der Elfenbeinküste wird Gold gefördert.Edle Rohstoffe: In Botswana werden Diamanten geschliffen.

Edle Rohstoffe: In Botswana werden Diamanten geschliffen (oben), in der Elfenbeinküste wird Gold gefördert.Edle Rohstoffe: In Botswana werden Diamanten geschliffen.

Oft lohnen sich solche Investitionen auch aus Gründen, die jenseits von Umsatz und Ertrag liegen. Denn viele Unternehmen lernen in den fremden Märkten mehr über ihre Produkte und neue Ideen als in ihren Heimatländern. Im besten Fall erschließen sie nicht nur neue Märkte, sondern ein neues Verständnis des eigenen Geschäfts­modells. Mit den neuen Technologien – allem voran Internet und Handy – verändert sich das Verhältnis der Kräfte. In den Wachstumsmärkten wollten die Menschen „value for money“ – optimale Qualität fürs Geld. Das muss nicht immer Hightech sein, „Good-Enough-Tech“ reicht.

„Ein paar Knöpfe weniger tun’s auch“, sagt Oliver Rosenthal von Dräger. Ein Anästhesiegerät für Kambodscha muss nicht baugleich sein mit dem für die Uniklinik Heidelberg. Aber was in Kambodscha gut ankommt, lässt sich auch in Mexiko vermarkten. Dräger hat deshalb ein eigenes Entwicklungsteam in China: um zu verstehen, was die Menschen in den Wachstumsmärkten wirklich wollen. Und es ihnen zu geben. Ganz egal, in welche Richtung die Börse ausschlägt.

Bildnachweis: Getty Images/AFP/Bay Ismoyo, Laif/Thomas Grabka ,Getty Images/AWL Images/Jon Arnold, Laif/Contrasto/Antonio Scattolon, Getty Images/AFP, Laif/Hoa Qui, Laif/Martin Sasse, Getty Images/Bloomberg

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