Interview

Felix Ahlers

Felix Ahlers

Wie reagiert ein Manager, dem gerade Stammkunden, Marktführerschaft und ein Drittel seines Umsatzes von der Stange gehen? Was macht einer, den seine Branche unisono belächelt, weil er Millionen aus eigener Tasche zuschießen und Mitarbeiter entlassen muss, um seine Firma irgendwie über Wasser zu halten? Was also tut man, wenn man Felix Ahlers heißt?

„Erst einmal“, sagt Ahlers und fährt sich durchs wellige Haar, „ist man natürlich ziemlich fassungslos.“ Der Vorstands­vorsitzende und Mehrheitseigner der Frosta AG trägt Cordjeans, blaue Strickweste und ein weißes Hemd, das hinten ein wenig aus der Hose zipfelt. Ahlers spricht leise, langsam und überlegt. Phänotypisch ginge der Hobby-Cellist sofort als Literaturwissenschaftler oder Kammermusiker durch. Bis zu jenem Schlüsselmoment war er öffentlich höchstens dadurch aufgefallen, dass er nach dem Abitur nicht im familiären Tiefkühlkonzern, sondern als Koch­lehrling im Pariser Sterne-Restaurant „Le Bristol“ eingestiegen war.

Mit dem 1. Januar 2003 jedoch änderte sich das schlagartig. Von diesem Tag an nämlich verbannte Frosta sämtliche branchenüblichen Farb- und Aromastoffe, Geschmacksstoffe und Stabilisatoren aus seinen Tiefkühlmenüs. Das revolutionäre „Frosta Reinheitsgebot“ hatte die Familie zusammen mit dem umstrittenen Lebensmittelchemiker Udo Pollmer entwickelt, was in etwa so unkonventionell ist, als würde der Verlag Axel Springer Günter Wallraff zum Vorstand ernennen. „Ich habe mich einfach gefragt, warum wir im Unternehmen nicht so qualitätsbewusst kochten, wie ich es in der Küche gelernt hatte“, erklärt Ahlers seinen radikalen Abschied von Glutamat und Co. Testverbrauchern schmeckte das neue Frosta, das anstelle billiger Zusatzstoffe auf wertige Zutaten setzte.

An den Kühltresen und Supermarktkassen jedoch servierten es Deutschlands Verbraucher eiskalt ab. Mit den unvermeidlichen Preisaufschlägen vergraulte Frosta binnen weniger Wochen sowohl Handelsketten als auch preissensible Stammkunden. Neue Kunden jedoch konnte das Unternehmen nicht so schnell gewinnen, wie es mit ihm bergab ging. Branchenintern galt Ahlers’ Reinheitsgebot als Flop. Ende des Jahres 2003 war sein ewiger Konkurrent Iglo erstmals Marktführer, Frosta tief in den roten Zahlen und der familienfremde Vorstandschef gefeuert. Felix Ahlers übernahm die Marketingleitung und später auch den Vorstandsvorsitz seiner strauchelnden Firma.

Dort tat der neue Unternehmenslenker zunächst einmal etwas sehr Überraschendes: nichts. „Ich wusste intuitiv, dass wir mit dem Reinheitsgebot das Richtige getan hatten. Warum also sollten wir unseren Kurs ändern?“, fragt der Top-Manager, dessen Familie rund 70 Prozent der Frosta-Aktien hält. Ohnehin habe ihn die Meinung von Branche und Beratern nie sonderlich interessiert. „Was mir wichtig ist, sind die Meinungen unserer Mitarbeiter und Kunden.“ Also reiste der Frosta-Boss kreuz und quer durch die Republik, sprach mit Lebensmittelhändlern und Verbrauchern. Lernte, dass Frosta mit dem Reinheitsgebot zwar das Richtige gewollt, es den Verbrauchern aber nicht geduldig genug erklärt hatte. Und setzte daher entgegen allen Warnungen auf mehr statt auf weniger Transparenz.

Heute können Verbraucher auf der Firmen-Website nicht nur die Herkunft aller Zutaten einsehen, sondern auch sämtliche Frosta-Produkte unzensiert loben oder in die Pfanne hauen. Die Marke selbst, im vergangenen Jahr als Deutschlands nachhaltigste Marke ausgezeichnet, ist längst wieder Marktführer. „Ohne das mittlerweile viel kopierte Reinheitsgebot würde es uns heute vermutlich nicht mehr geben“, glaubt Ahlers. „Auf jeden Fall würde Kunden, Mitarbeitern und mir ein entscheidender Motivationsfaktor fehlen. Was wir in unserer Großkrise gelernt haben: Es lohnt sich, authentisch zu bleiben.“

Bildnachweis: Dennis Williamson

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