„Jetzt sind wir an der Reihe“

Die Frage nach den Kamelen, die hat er nicht vergessen. Als Teenager begleitete Fatih Sedele seinen Vater zu Industriemessen nach Deutschland. Der türkische Mittelständler Las Zirh stellt Fahrzeugketten her, was in den 1990ern viele Deutsche offenbar überforderte. „Die Leute haben mich gefragt, ob wir hier in Istanbul auf Kamelen reiten“, sagt Sedele und schüttelt den Kopf. Der 37-Jährige hat den väterlichen Betrieb mittlerweile übernommen, er kommt nur noch selten nach Deutschland. Was nicht an den merkwürdigen Sprüchen liegt, sondern daran, dass Sedele mittlerweile spannendere Märkte als Westeuropa entdeckt hat. Er hat jetzt auch Kunden in Afrika, Südamerika und Ostasien.

Die traditionelle Konzentration der Türkei auf Europa gerät ins Wanken. Es bleibt zwar Haupthandelspartner, doch Afrika, Asien und die Staaten der früheren Sowjetunion holen kräftig auf. Das rasante Wirtschaftswachstum hat die Türkei in ein Land verwandelt, dessen Unternehmer alle Gegenden auf dem Globus erkunden. Mit der Wirtschaft wächst auch das Selbstbewusstsein der Türken. In Vietnam, in Angola und in Russland werden sie hofiert. Gut fürs Ego, aber auch gut fürs Geschäft, denn das sind die Märkte der Zukunft. Die türkischen Unternehmen liefern, was in diesen Emerging Markets gefragt ist.

Zum Beispiel Olivenöl. Seit zwei Jahren wird das Olivenöl Ravika nach Malaysia exportiert – mit großem Erfolg, sagt Marketingchef Keskin Keskinoglu. Der Markt dort sei noch jung und ausbaufähig. Und die Türken würden dort als vitaler und umtriebiger Handelspartner gesehen und geschätzt. Keskinoglu: „Wenn die Türkei in solchen Emerging Markets schnell handelt, stärkt das unsere Position auf dem Weltmarkt.“ Wie global präsent türkische Unternehmen sind, ist nicht immer auf Anhieb zu erkennen. Der Nahrungsmittelkonzern Ülker verleibte sich vor einigen Jahren den angesehenen belgischen Schokoladen- und Pralinenhersteller Godiva ein. Und der Elektronikhersteller Beko kaufte die deutsche Traditionsmarke Grundig.

Noch ist Deutschland der größte Handelspartner der Türkei und nahm im vergangenen Jahr türkische Exporte im Wert von 12,9 Milliarden Dollar ab. Doch demnächst könnten die Deutschen vom Irak abgelöst werden. Während die türkischen Ausfuhren nach Deutschland sinken, wuchsen die Exporte in den benachbarten Irak von 2011 auf 2012 um mehr als zwei Milliarden auf 10,8 Milliarden Dollar. Das liegt vor allem am Öl-Boom im kurdisch verwalteten Nordirak, wo türkische Unternehmen, von der Baufirma bis zur Bekleidungskette, überall zu finden sind. Türkische Firmen stellen rund die Hälfte der knapp 2300 ausländischen Unternehmen, die im Nordirak vertreten sind. Die Istanbuler Bahcesehir-Universität prognostiziert in einer Studie, der Nordirak werde innerhalb der nächsten drei Jahre die Bundesrepublik als wichtigsten Exportmarkt der Türkei ablösen.

Saim Yavas vom Transportunternehmen Taha glaubt das sofort. „Jeden Tag wird es mehr“, sagt Yavas. An manchen Tagen muss er zusätzliche Lastwagen anmieten, um die Transportnachfrage für Exporte in den Irak zu befriedigen. Taha geht nicht davon aus, dass der Boom so bald enden wird: Die Gruppe hat 20 Firmenvertretungen im ganzen Irak gegründet. Das Nachbarland bietet für türkische Firmen deshalb so gute Chancen, weil kein anderes Land in der Region beim Wiederaufbau zehn Jahre nach dem Sturz von Saddam Hussein so viele Branchen bedienen kann: Der Iran ist mit der eigenen Wirtschaftskrise beschäftigt, Syrien versinkt im Bürgerkrieg. Daher besorgt selbst die Straßenreinigung in der irakischen Hauptstadt Bagdad eine türkische Firma. Noch zur Jahrtausendwende hätte niemand eine solche Entwicklung für möglich gehalten. 2001 ging die türkische Wirtschaft in die Knie, Dutzende von Banken machten Pleite, Hunderttausende Menschen verloren ihre Arbeit. Ein strenges Reformprogramm des Internationalen Währungsfonds und eine systematische Öffnungs- und Privatisierungspolitik der Regierung in Ankara machten die türkische Konjunktur damals wieder flott.

Von 2002 bis 2012 hat sich die Zahl der Autos auf türkischen Straßen verdoppelt und das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf rund 600 Milliarden Euro fast verdreifacht. Das Land, einst Hungerleider am Rande Europas, sitzt heute in den G 20 und wäre als Mitglied der Europäischen Union deren siebtstärkste Volkswirtschaft. Im vergangenen Jahr exportierte die Türkei Waren und Dienstleistungen im Wert von 152 Milliarden Dollar, so viel wie noch nie in ihrer Geschichte. Ihre Unternehmen schauen sich zielstrebig um in der Welt. Vor zehn Jahren ging mehr als die Hälfte der Fahrzeugketten von Las Zirh nach Europa, heute sind es noch zehn Prozent. „Der Markt in Europa ist gesättigt, da kann man nichts mehr verkaufen“, sagt Fatih Sedele. „In Afrika ist es dagegen leicht.“ In Südafrika hat Las Zirh kürzlich seine erste Auslandsvertretung gegründet: Ketten für Bergbau-Fahrzeuge sind gefragt auf dem ressourcenreichen Kontinent.

Neulich war Sedele geschäftlich in Korea, auch in Vietnam und Indien hat er Kunden. Reisen zu seinen Geschäftspartnern sind für ihn leicht zu organisieren, denn die halbstaatliche Fluggesellschaft Turkish Airlines (THY) baut ihr Streckennetz zielstrebig aus und wirbt inzwischen, keine Fluggesellschaft der Welt fliege so viele Länder an wie sie. Während Sedeles Betrieb mit seinen 110 Mitarbeitern für den Aufstieg türkischer Mittelständler steht, erzählt THY die Erfolgsgeschichte der türkischen Konzerne. Ältere Reisende erinnern sich noch daran, warum THY mit „They Hate You“ übersetzt wurde: Der Service war berüchtigt schlecht. Das hat sich gründlich geändert. In den vergangenen beiden Jahren hat THY den prestigeträchtigen Skytrax-Award als beste Airline in Europa erhalten.

Und die Fluggesellschaft befördert jede Menge Passagiere: 40 Millionen waren es im vergangenen Jahr, 20 Prozent mehr als 2011. Entsprechend schnell wächst THY, die Flotte soll bis 2020 von derzeit 185 auf 350 Maschinen ausgebaut werden. Dafür entsteht im Norden von Istanbul der größte Flughafen der Welt, 150 Millionen Passagiere sollen hier durchgeschleust werden. Damit will sich die Stadt am Bosporus etablieren als Drehscheibe zwischen Ost und West, Nord und Süd. Während Sedele und andere Unternehmer durch die Welt jetten, verändert sich ihr Blick auf Deutschland und Europa. Bei Sedele sorgen vor allem die schwierigen Visa-Verfahren für Enttäuschung. Erst neulich erlebte er, dass Deutschland seinem Verkaufschef ein Visum für eine Geschäftsreise nach München verweigerte – obwohl Las Zirh dort einen Stand auf einer Industriemesse gemietet hatte. „Das ist kein fairer Wettbewerb“, sagt Sedele.

Aus Sicht des türkischen Mittelständlers ist das auch deshalb unverständlich, weil die Türkei nicht nur für die EU-Länder, sondern auch im Weltmaßstab immer attraktiver werde. In Istanbul gebe es zwar weiterhin keine Kamele zu sehen, scherzt Sedele, dafür gilt die Metropole als eine der aufregendsten Städte der Welt. „Paris hatte seine Zeit, New York hatte seine Zeit. Und jetzt ist Istanbul an der Reihe.“

Bildnachweis: Carsten Koall, Robert Brembeck/PwC

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