Mehr als Zufall

Wir kommen zum nächsten Lied.“ Arthur Fry blätterte um, und sein Notizzettel fiel zu Boden. Wieder einmal. Fry sang im Kirchenchor und hatte sein Gesangbuch mit Zetteln gespickt, um die Lieder schneller zu finden. Doch das nützte wenig, da die Lesezeichen ständig herausfielen. Könnte man da nicht … Das war der Moment, der Fry an seinen Kollegen Spencer Silver denken ließ. Der hatte für den US-Technologiekonzern 3M statt des geforderten Superklebers eine schwach klebrige, gallertartige Masse erfunden, die man auch nach Tagen problemlos wieder vom Untergrund ablösen konnte. Das Zeug muss für irgendetwas gut sein, war Silver überzeugt. Er wusste nur nicht, wofür. Bis Fry sich aus dem Labor eine Probe besorgte und den Kleber auf seine Zettel auftrug. Jetzt hielten die Lesezeichen zuverlässig, ließen sich aber auch problemlos ablösen, ohne die Notenblätter zu zerstören. Das Post-it war erfunden.

„Puh, das war Glück“, sagt Urs Blickenstorfer. Seit drei Jahren beschäftigt sich der Marketing-Leiter bei PwC Schweiz systematisch mit der Bedeutung des Glücks für den unternehmerischen Erfolg. „Ist Glück eine strategische Ressource, die Unternehmer und Manager gezielt nutzen können“, fragt Blickenstorfer, „oder ein unkontrollierbares Grundrauschen?“ Seine Erkenntnis: Glück ist kein Zufall. Die Kunst liegt darin, Glücksfälle zuzulassen, zu erkennen – und dann in den Griff zu bekommen.

Blickenstorfer versteht Glück nicht im Sinne des puren, prallen Lebensglücks, des Wohlgefühls, sondern als unerwartetes glückhaftes Ereignis. In einschlägigen Management-Lehrbüchern ist über diese Form des Glücks kein Wort zu finden. Unternehmerischer Erfolg basiere auf rationalen Entscheidungen, steht dort, die zu klugen Strategien führen. So sähen das auch die Manager.

Blickenstorfer scheiterte beim Versuch, eine offizielle Publikation einer Schweizer Aktiengesellschaft zu finden, in der es auch nur am Rande um Glück geht. „Das Wort scheint geradezu auf dem Index zu stehen“, sagt Blickenstorfer. „Den Entscheidungs-träger, der zugibt, einfach mal nur Glück gehabt zu haben, sucht man vergebens.“ Erfolg werde durch persönliche Leistung und Stärke erklärt, durch die richtige Strategie und deren konsequente Umsetzung.

Das alles spiele sicherlich eine wichtige Rolle, sagt Blickenstorfer, aber erkläre nicht alles. Es bleibt eine Black Box, deren Inhalt in den Curricula der Business Schools nicht auftaucht. In dieser Black Box, vermutet der PwC-Manager, verbirgt sich nicht zuletzt eine gute Portion Glück. Blickenstorfer will „ein bisschen Licht in diese Black Box bringen“. Ist Glück mehr als Zufall? Können sich Unternehmer und Manager auf den Moment vorbereiten, in dem das Glück über sie hereinbricht, damit sie es packen können? Im vorigen Jahr begab er sich auf die Spuren des Glücks und befragte gemeinsam mit Daniel Demisch, Senior Consultant in der Konzernentwicklung der Flughafen München GmbH, mehr als 400 Eigentümer und Führungskräfte kleiner und mittelgroßer Schweizer Unternehmen. 53 Einzelfragen zu „Glück, Erfolg und Strategie“ waren zu beantworten, aus denen die Forscher die „Potenziale des Glücks“ destillierten.

Das zentrale Ergebnis der Studie ist eine nüchterne Zahl: 20 Prozent. So groß ist der durchschnittliche Anteil, den die Befragten dem Faktor Glück am Unternehmenserfolg zuschreiben. Am häufigsten ist Glück im Spiel, wenn neue Produkte eingeführt werden oder es um Qualitätsfragen geht. Es fällt auf, dass Top-Manager den Einfluss des Glücks auf den Erfolg tendenziell höher einschätzen als Führungskräfte auf mittleren Hierarchieebenen. „An der Spitze stehen meist ältere und erfahrene Manager, die nicht mehr in gleichem Maße wie jüngere Führungskräfte dem Trugschluss erliegen, sie hätten immer alles unter Kontrolle“, erklärt Blickenstorfer diese „gewisse Demut gegenüber der Begrenztheit der eigenen Schaffenskraft“. Das bestätigt einer der befragten Manager: „Wer eine positive Unternehmensentwicklung ganz seinem Können zuordnen möchte, hat weder von Märkten noch von Menschen noch vom Leben selbst etwas verstanden.“

Besonders hoch fällt die „Glücksrendite“ von Unternehmen aus, die auf Innovation setzen und auf die Qualität ihrer Produkte. Wer vor allem auf die Kostenführerschaft schielt, wird deutlich seltener beglückt. Was nichts anderes heißt als: Solche Firmen ignorieren die Gunst der Stunde. „In jedem Unternehmen gibt es ganz viele glückhafte Ereignisse“, sagt Urs Blickenstorfer. „Entscheidend ist, dass man sie erkennt und bei entsprechender Gelegenheit schnell und beherzt zupackt.“

Das hat tatsächlich mit dem sprichwörtlichen Glück des Tüchtigen zu tun. „Nur wer mindestens zehn neue Ideen startet, wird einmal ‚Glück‘ haben“, sagt einer der Befragten. Und das bedeutet mehr, als sich zu freuen über eine tolle Idee. Es fordert, etwas zu machen aus der tollen Idee. Wer das Glück sich selbst überlässt, den wird es schnell verlassen. Wer es dagegen in Erfolg, in einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz ummünzen will, der braucht die Tools aus dem Werkzeugkasten der Business Schools. Dann müssen vertraute Prozesse der Unternehmensführung greifen, und jeder Glücksfall sollte schnell unter Kontrolle gebracht werden.

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Auf der Suche nach dem Glück sind Blickenstorfer und Demisch vor allem außerhalb der Werkstore fündig geworden. Nichts gehe über den Austausch mit Kunden und das gezielte Eingehen von Allianzen und neuen Partnerschaften, sagen sie. Wer viel Zeit mit Kunden verbringt, regelmäßig deren Meinung einholt und alle Sinne auf Empfang stellt, wird häufiger „zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein“ – und sein Glück finden. Wie sonst können Manager frühzeitig von neuartigen Kundenbedürfnissen erfahren, von unerwarteten Schwächen der Konkurrenz oder einem anstehenden Technologiesprung? Im eigenen Betrieb jedenfalls schwerlich.

Eine kluge Idee kann sich nur verbreiten, wenn sie geäußert wird. Wer die eigenen Mitarbeiter nach der Devise „Schweigen und arbeiten“ führt, beraubt sich eines Inspirationsquells – und erwürgt das Glück. Je selbstverständlicher Mitarbeiter auf tieferen Hierarchiestufen ihre Anregungen und, ja, auch Bedenken äußern dürfen, desto eher hat eine beglückende Idee eine Chance.

Glückliche Unternehmen haben erkannt: Wenn sowieso alle ähnlich denken, bleibt Überraschendes aus. Also müssen Querdenker an Bord. „Traumbe-schleuniger“ („Dream Expeditors“) heißen sie bei Blickenstorfer und Demisch: neue Mitarbeiter, die anders ticken und neue Erfahrungen und Gedanken mitbringen. Einer der berühmtesten Traumbeschleuniger ist wohl Norio Ohga, der sich in den 1950er-Jahren als Musikstudent beim Elektronikkonzern Sony über die lausige Qualität der Tonbandgeräte beschwerte. Sony stellte den Kritiker ein. Ein Glücksgriff. Das Resultat waren nicht nur bessere Tonbandmaschinen: Ohga brachte es bis zum Chef und verantwortete die Einführung der Compact Disc. Die zählt das US-Magazin „Fortune“ zu den wichtigsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts, zusammen mit dem Kühlschrank, der Boeing 707 und einer anderen Glücksgeburt: dem Post-it-Zettelchen.

Mehr zum Thema: die PwC-Studie „Potenziale des Glücks“ im Web unter pwc.de/glueck

Bildnachweis: Fotolia/Electric Eye, iStockphoto, iStockphoto/Deborah L. Cheramie, iStockphoto/Anton Ignatenco

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