Dann machen wir es eben selbst

Verena Dohms hat Mut zur Lücke. Den Bachelor in der Tasche, verabschiedet sich die 24-Jährige erst einmal von der Universität Münster und nimmt ihr „GapYear“. So heißt das Programm, das einige Unternehmen, darunter Allianz und Henkel, ins Leben gerufen haben, um Talenten zwischen Bachelor- und Masterstudium hochkarätige Praktika in unterschiedlichen Branchen und Ländern anzubieten. „Ich will erst lernen, wie es ist, eigene Projekte zu betreuen und die Ergebnisse professionell zu präsentieren, bevor ich meine Entscheidung für einen bestimmten Masterstudiengang treffe“, sagt Dohms. „Beim Bachelor kratzt man ja doch eher an der Oberfläche.“

Um tiefer in die Materie einzudringen, schließen die meisten Studenten das Master-Studium nahtlos an. Nur jeder vierte Student erwägt, den Bachelor als Anlass zu nehmen, um Praxisluft zu schnuppern, besagt eine Umfrage des Hochschul-Informations-Systems. Und noch weniger nehmen diese Gelegenheit wahr. Ein Versäumnis, wie die PwC-Studie „Hochschulabsolventen gesucht“ zeigt. „Die fachlichen Kompetenzen der Bachelor-Absolventen sind nicht das Problem. Die sozialen Kompetenzen aber schon“, sagt Norbert Winkeljohann, Vorstandssprecher von PwC. „Es macht im Job-Alltag einen Unterschied, ob eine Person charakterlich gefestigt ist.“ Daran hapere es bei vielen Bachelor-Absolventen. Winkeljohann: „Im Team agieren, Projekte leiten, interkulturelles Arbeiten – da gibt es deutliche Defizite.“ Viele Personaler gehen daher auf Nummer sicher und stellen Master-Absolventen mit vermeintlich größerer Lebenserfahrung ein. Entsprechend hängen Studenten reflexartig einen Master an, um ihre Job-Chancen zu verbessern. „Unser Eindruck auf Basis der Studie ist: Das ist nicht unbedingt erforderlich“, sagt Winkeljohann.

Die Unternehmen haben erkannt, dass hinter einem hervorragenden Abschluss nicht zwangsläufig ein hervorragender Mitarbeiter steckt. Die Papierform des akademischen Nachwuchses ist nicht alleine entscheidend: „Praxis ist Trumpf“, haben die PwC-Bildungsexperten analysiert. Und die liefern duale Studiengänge, bei denen praktische Elemente direkt mit dem Berufsbild verzahnt sind.

Bei diesen Studiengängen gibt es einen Boom. 929 zählt das Bundesinstitut für Berufsbildung derzeit, 2011 lag der Zuwachs bei 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Angeboten werden duale Programme weitgehend von privaten Hochschulen. Die staatlichen Universitäten zeigen sich zögerlich. „Gerade wenn Studenten am Wochenende oder abends studieren, stehen die Professoren der staatlichen Hochschulen nicht immer zur Verfügung“, sagt Kevin Heidenreich, Leiter des Referats Hochschulpolitik beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag.

Was den Universitäten an Flexibilität fehlt, gleichen die Unternehmen aus. Sie nehmen die marktnahe und praxisorientierte Ausbildung des benötigten Nachwuchses selbst in die Hand. So wie Allianz und Henkel mit ihrem gemeinsamen „GapYear“. „Die Teilnehmer des Programms arbeiten bei uns an komplexen und strategischen Projekten mit – etwa in den Bereichen Marktmanagement oder Inhouse Consulting“, sagt Tobias Haasen, Abteilungsleiter Personalentwicklung bei Allianz Deutschland. Die zwei Dutzend Bachelor-Absolventen schnuppern nicht nur in drei der vier Partnerfirmen hinein, sondern haben auch Zeit für ein persönliches Anliegen – vom sozialen Engagement bei einem der Partnerunternehmen bis hin zur Weltreise.

Auch BMW verlässt sich nicht allein darauf, was die Studenten an der Universität lernen. Im Arbeitsalltag setzt BMW zusätzlich auf sein Bachelor-Qualifizierungsprogramm „SpeedUp“. Im Rahmen eines siebensemestrigen dualen Studiums an der Technischen Hochschule Deggendorf und den Hochschulen für angewandte Wissenschaften in Ingolstadt und Esslingen absolvieren die Studenten insgesamt zwölf Monate Praxis in der vorlesungsfreien Zeit sowie zusätzlich ein komplettes Studiensemester in einem Auslandsbereich des Konzerns.

Da die Studenten nicht nur bei BMW, sondern auch in ihren Fachbereichen in Projekte eingebunden sind, „kommt in beide Richtungen ein Wissenstransfer zustande, der an die Hochschule getragen wird und die Professoren und Dozenten zu mehr Praxisnähe führt“, sagt Christoph Anz, Leiter der Bildungspolitik im Personalbereich der BMW Group.

Die Kämmerer-Group verzichtet komplett auf die Hilfe der Hochschulen, auch wenn die Stuttgarter erkannt haben, dass es häufig an Methodenwissen fehlt. „Die jungen Leute benötigen auf jeden Fall Unterstützung“, sagt Katja Schrafft, Personalleiterin beim 300 Mitarbeiter starken Engineering-Dienstleister. Aber diese Unterstützung kommt aus den eigenen Reihen: Fachexperten unterstützen die Berufseinsteiger als Mentoren im Tagesgeschäft so lange, bis es läuft – in der Regel etwa ein halbes Jahr lang. Zusätzlich finanziert Kämmerer ein duales Masterstudien- Programm mit reduziertem Arbeitspensum.

Bezahlt zur Vorlesung antreten: So funktioniert auch das Ausbildungsmodell, mit dem Hewlett-Packard (HP) in Böblingen vor vier Jahren zum Vorreiter sowohl in der Region als auch in der Branche avancierte. Andere Konzerne wie Aldi, Daimler oder IBM haben inzwischen mit ähnlichen Modellen nachgezogen. Der Kerngedanke ist in allen Fällen gleich: Der Konzern schließt mit den Mitarbeitern, die studieren möchten, einen Ausbildungsvertrag für die Zeit des dualen Master-Studiums. Die Master-Studenten sind zwar in Praxisbereichen tätig, berichten aber über ihre Arbeit an den Chef im Bereich Ausbildung.

Hewlett-Packard kooperiert mit der staatlichen Hochschule Reutlingen sowie der Zeppelin-Universität Friedrichshafen. Bernd Brennenstuhl, Leiter des Bereichs Ausbildung bei Hewlett-Packard: „Wir wollen keine einseitigen Fach-Spezialisten für HP schaffen, sondern eine attraktive Ausbildung für die gesamte Branche.“ Anders als Konzerne können es sich wenige Mittelständler leisten, ganze Jahrgänge an eine Hochschule zu schicken und auch noch den Studienplan auf ihre Bedürfnisse abzustimmen. Sie wären oft schon froh, jedes Jahr ein paar Mitarbeiter in ein duales Programm entsenden zu können. Mit vereinten Kräften kann das gelingen.

Das beweist seit zwölf Jahren das „Competence Center Duale Hochschulstudien – Studium Plus e.V.“, eine Art Ausbildungs-Pool, dem mittlerweile mehr als 500 Einrichtungen und Unternehmen angehören. Gemeinsam mit der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) in Gießen und dem in Wetzlar angedockten Wissenschaftlichen Zentrum Dualer Hochschulstudien hat der Verein ein intensives, praxisnahes Studium entwickelt, das nicht nur Fachwissen vermittelt, sondern Studenten auf breiter Basis auf ihre bevorstehende Berufstätigkeit vorbereitet. Die oftmals kritisierten mangelnden sozialen Kompetenzen des akademischen Nachwuchses werden hier mit Fächern wie „Etikette“ und „Unternehmensethik“ gefördert.

Wie das Zusammenspiel konkret aussieht, zeigt das Beispiel des Autozulieferers Schunk Group in Heuchelheim, genau zwischen Gießen und Wetzlar. Personalreferentin Stefanie Türk betreut pro Semester zwei bis sechs Studium-Plus-Studenten, die an der THM zu Wirtschafts- und Maschinenbau-Ingenieuren ausgebildet werden. Wie es später in der Arbeitswelt zugehen wird, erleben die Studenten 15 Wochen pro Jahr bei Schunk, dazu kommt ein komplettes Praxissemester. Damit ist Schunk bereits auf dem Weg, den die PwC-Bildungsstudie allen Unternehmen und Hochschulen empfiehlt: enger zusammenrücken, um das künftig benötigte akademische Personal heranzuziehen.

Bei der finanziellen Ausstattung dieser Studiengänge sieht PwC-Vorstandssprecher Norbert Winkeljohann die Unternehmen in der Pflicht – die im Gegenzug auch mehr Einfluss auf den Lehrplan hätten. Damit wäre allen gedient, denn die Absolventen bekämen bei diesem praxisorientierten Modell eine Ausbildung mit klarer Berufsorientierung. Die Studentin Verena Dohms hat das längst verinnerlicht: „Durch meine ‚GapYear‘-Praktika weiß ich jetzt viel besser, was für die Unternehmen zählt und welche Fähigkeiten ich mitbringen muss, um dort gut anzukommen.“

Bildnachweis: Getty Images/Dominik Pabis

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