Interview

Götz Werner, „dm“-Gründer

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... über sich

Als ich 24 Jahre alt war, hat mein Vater mich aus seinem Unternehmen geworfen. Beruflich war dies das Beste, was mir je passiert ist. Plötzlich musste ich mich auf die eigenen Füße stellen und fragen, was ich vom Leben wollte.

Der beste Leitsatz, den ich je gehört habe, stammt von meinem Rudertrainer: „Sei beharrlich im Bemühen und bescheiden in den Erfolgserwartungen.“ Und mehr als 50 Jahre später muss ich zugeben: Wenn in meinem Leben etwas schiefging, dann deshalb, weil jemand ungeduldig in seinem Bemühen und unbescheiden in seinen Erfolgserwartungen gewesen war.

Auch mit 69 Jahren versuche ich, mich ständig mit Neuem zu beschäftigen. Jeden Tag mein Geschäft, meine Ehe und mein Leben neu zu erfinden. Mit anderen Worten: beweglich zu bleiben.

... über den Menschen

Der Mensch lernt entweder durch Einsicht oder Katastrophe. Für Einsichten gilt das Gleiche wie für Haarwuchsmittel: kommen selten zu früh und nie zu spät.

Ich werde permanent enttäuscht. Das lässt sich bei einem Menschenbild wie meinem gar nicht vermeiden. Trotzdem ist mein Bild vom Menschen als ergebnisoffenes Entwicklungswesen zutreffender als ein materialistisches, das grundsätzlich allen und jedem misstraut. Würde ich beispielsweise davon ausgehen, dass die 1,5 Millionen Kunden, die jeden Tag bei „dm“ einkaufen, ohnehin nur klauen wollen, könnten wir die Läden gleich zumachen.

... übers Geschäft

Der verbreitetste Irrtum in Vorstandsetagen? Ganz klar: dass der Mensch nicht Zweck, sondern Mittel sei. Also Kosten-, Produktions- und Problemfaktor. Solange man diesen Irrtum nicht ausgeräumt hat, wird man immer wieder an seine Grenzen stoßen.

Großunternehmen ähneln Maikäfern: Wenn sie sich nur lange genug aufgepumpt haben, heben sie automatisch ab.

... über seine Kollegen

Für viele meiner Unternehmerkollegen gilt Wachstum als oberstes Ziel. Was für eine kolossale Verwechslung von Ursache und Wirkung! Denn Wachstum ist lediglich die logische Folge von gelungener Veränderung, nicht umgekehrt. Unternehmerschaft heißt, das eigene Leben zu unternehmen. Als Unternehmer bin ich selbst das beste Übungsfeld für Innovation, Offenheit und Veränderungsfähigkeit. Wer darin scheitert, wird über kurz oder lang auch mit seinem Unternehmen scheitern. Scheitern heißt, alte Fehler zu wiederholen

... über Führung

Die wichtigste Aufgabe einer Führungskraft besteht darin, permanent Leute zu finden, die etwas besser können als man selbst.

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, heißt es. Wenn man diesen Unsinn ernst nähme, dürfte man im Grunde nicht einmal Fahrstuhl fahren, ohne vorher geprüft zu haben, ob seine Konstrukteure und Monteure nicht eventuell geschlampt haben.

Hierarchien machen faul. Sie sorgen dafür, dass Mitarbeiter Probleme delegieren, anstatt sie zu lösen. Mit anderen Worten: Sie bleiben liegen.

... über Geld

Reich zu werden ist in Amerika keine Schande, reich zu sterben schon. In Deutschland ist es leider genau umgekehrt: Da ist es problematisch, reich zu werden, und wer seinen Kindern nichts hinterlässt, gilt als Rabenvater. Das ist unser feudalistisches Erbe. Ein Unglück.

Die Wirtschaft hat nicht die Aufgabe, Jobs zu schaffen. Im Gegenteil. Die Aufgabe der Wirtschaft ist es, die Menschen von jener Sorte Arbeit zu befreien, die besser von Maschinen erledigt werden könnte.

Um mit 1000 Euro pro Monat auszukommen, müsste ich meinen Lebensstandard natürlich dramatisch einschränken. Aber es ginge.Die schmerzlichste Einschränkung wäre sicher der Verzicht auf meine Bahncard 100. Die ist wirklich wunderbar.

Bildnachweis: Agentur Focus/Zeitenspiegel

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