Erkenntnisse aus dem Daten-Bergwerk

Als ehemaliger IBM-Manager ist künstliche Intelligenz, kurz KI, für Sie keine neue Entwicklung. Wo stehen die deutschen Unternehmen bei diesem Thema?
Größere deutsche Unternehmen haben schon vor rund fünf Jahren stark in KI investiert. Doch sich als Vorstand gnädig zwischen den KI-Plattformen verschiedener Anbieter zu entscheiden – damit ist es nicht getan. Das haben einige Firmen schmerzhaft lernen müssen. Worum es eigentlich geht, ist der eigene Umbau in ein datengetriebenes Unternehmen. Denn ohne Daten gibt es keine Digitalisierung und erst recht keine intelligenten Systeme. KI sauber zu verankern und einzuführen, ist ein langwieriger und arbeitsreicher Prozess. Ich vergleiche das immer mit dem Kochen lernen: Wenn man ein Ei aufschlagen kann, bedeutet das nicht, demnächst ein Sternemenü zu servieren.

Christian Kirschniak ist Partner und Head of Data & Analytics Advisory PwC Europe.  Mehr lesen »

Christian Kirschniak ist Partner und Head of Data & Analytics Advisory PwC Europe. Als Experte für digitale Transformation beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit den Herausforderungen und Chancen rund um Big Data und Künstliche Intelligenz. Er und sein Team bilden bei den Themen KI, Analytik und Daten eine zentrale Schnittstelle bei PwC Europe. Weniger lesen »

Wenn ich mich für eine neue Technologie entscheide, möchte ich wissen, was sie mir bringt. Bei KI scheint das nicht so einfach zu sein?
Wir Berater arbeiten ja gerne mit Schreckensszenarien: Wenn Ihr das jetzt nicht macht, verliert Ihr den Anschluss im internationalen Wettbewerb. Und das stimmt leider auch. Aber der deutsche Unternehmer fragt natürlich mit Recht: Wie hilft mir KI, meinen Job besser zu machen? Wie ganz genau und um wie viel besser? Was kostet das, und wie zahlt das ein auf meinen Unternehmenserfolg? Und das ist eben nicht so einfach zu beantworten, weil am Anfang die böse Arbeit im Kellerraum steht: die Data Governance, das Zusammenführen von verschiedensten Systemen der Prozesssteuerung und Erfolgsmessung, die alle nicht miteinander sprechen können. Ich muss sicher sein: Sind die Daten sauber, korrekt, aus zuverlässiger Quelle, relevant? Wenn ich eine KI auf Datenmüll aufbaue, entsteht wieder Müll.

Aber es gibt doch immer mehr Chief Data Officers und überall vielversprechende Projekte. Ist das alles nur schmückendes Beiwerk?
In den USA hat die Hälfte der Unternehmen einen CDO, in Deutschland findet man sie nur selten. Und nur, weil man als Führungskraft ein „Proof of concept“ nach dem anderen veranstaltet, also tolle Machbarkeitsstudien aneinanderreiht, heißt das nicht, dass man eine KI-Strategie hat. Wir Unternehmensberater bekommen ja oft zu hören, dass wir mit all den schönen KI-Zukunftsszenarien nur Geld verdienen wollen und es doch im Grunde eher um Technologiefragen geht. Ich aber sage, nein, es geht um die Kernkompetenz des Unternehmens, um die Frage: Was möchte ich wirklich tun? Dafür brauche ich eine Richtung, einen sehr klaren Fahrplan. Und ich brauche einen allumfassenden Lernprozess, der die Chefs und alle Mitarbeiter einbezieht.

Sie sind ja dauernd bei Kunden. Welche real existierenden KI-Anwendungen haben Sie dort zuletzt am meisten beeindruckt?
Die Massenvideoverarbeitung ist faszinierend. Da laufen 1.000 Leute durch eine riesige Halle, und Sie wissen mithilfe der Gesichtserkennung sofort, wer genau da ist. Oder diese völlig überraschenden Zusammenhänge, die man mit KI entdecken kann. Da erkennt man nie zuvor bekannte Korrelationen von Parametern, zum Beispiel mit dem Kaufverhalten von Kunden oder den bevorstehenden Ausfall einer bestimmten Maschine. Man verlässt sich eben nicht mehr auf Hypothesen vernünftiger und erfahrener Menschen, sondern auf das Wühlen eines lernfähigen Systems in einem riesigen Bergwerk von Daten.

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