Der KI-Trainer

Datenschätze schlummern meistens im Verborgenen. Sie zu heben, erfordert Intelligenz – menschliche wie künstliche. Wie beides kombiniert gut funktioniert, zeigt ein erfolgreiches Projekt der Stuttgarter Zeitung: Für die Stadtviertel und Landkreise in und um die oft durch Feinstaub belastete baden-württembergische Landeshauptstadt können sich Leser der Onlineausgabe zu jeder Tageszeit einen individuellen Feinstaubbericht für ihren Wohnort erstellen lassen. Auf knapp zwei Internetseiten je Bericht informiert die Lokalredaktion über die Qualität der Luft in der per Mausklick ausgewählten Region.

Basis der Berichte in diesem „Feinstaubradar“ sind Daten der Landesanstalt für Umwelt, von Kachelmannwetter sowie aus 750 Sensoren, die Bürger in der Region Stuttgart installiert haben. Die Messwerte – mehrere Hunderttausend offene Daten pro Tag – sind frei nutzbar und werden für den Feinstaubradar zusammengeführt. Im vergangenen Jahr wurde das Projekt als „Big Data im Lokalen“ mit dem Journalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet.

Noch heute muss Frank Feulner zufrieden lächeln, wenn er davon erzählt. Denn ein Teil der Lorbeeren gebührt auch ihm. Der Chief Business Development Officer des Stuttgarter KI-Start-ups AX Semantics hat den Bot, also das Computerprogramm, mitentwickelt, das die Texte des Feinstaubradars für die Stuttgarter Zeitung schreibt, ebenso wie die KI dahinter. Sein Arbeitgeber, das von ihm mitgegründete Stuttgarter Start-up AX Semantics, ist zur Zeit einer der wenigen Anbieter der Welt, die diese Natural Language Generation – einen speziellen Bereich künstlicher Intelligenz (KI) – anbieten, die derartige Texte erst ermöglicht.

Frank Feulner: „Unsere Kunden können einen Webservice beziehen, der aus Daten, mit der sie die KI füttern, ein Narrativ entwickelt. Dieser Webservice schaut sich die Daten an, die der Kunde liefert, zieht Schlussfolgerungen und entwickelt eine Geschichte daraus. So werden Daten zu Storys.“

Weltweit ist der Service von AX Semantics derzeit der erste, bei dem der Kunde das selbstständig tun kann. Der Nutzer des Webservices trainiert den Bot dabei auf das gewünschte Ergebnis, also wie er spezielle Aussagen formt und welche Wörter dazu benutzt werden. Diese tragen dazu bei, dass derjenige, der das System mit von ihm für relevant gehaltenen Daten füttert, von Beginn an auch versteht, welche Art Text am Ende dabei herauskommt.

Frank Feulner ist Chief Business Development Officer bei AX Semantics.  Mehr lesen »

Frank Feulner ist Chief Business Development Officer bei AX Semantics. Bei dem Stuttgarter Start-up-Unternehmen hat er von Beginn an das Produkt mitgestaltet und die Sprachalgorithmen entwickelt. Zu seinen Aufgaben gehören die Erhöhung der Venture-Capital- und öffentlichen Mittel sowie die Vertretung von AX Semantics und des Begriffs des Roboterjournalismus im öffentlichen Diskurs. Weniger lesen »

Der Nutzer gibt der Maschine ein Textbeispiel eines Zieltextes ein und füttert sie zusätzlich mit einem Datensatz, wie den Fakten zu einem Produkt. Dann hilft er der Plattform, zu verstehen, durch welche Mechanismen und aus welchen Schlussfolgerungen dieser Text entstanden ist. Dazu kommen KI-Komponenten zum Einsatz, die der Germanist und Journalist Feulner maßgeblich mitentwickelt hat. Beim Erlernen der hierfür notwendigen Fertigkeiten unterstützt den Nutzer ein interaktives eLearning-Programm in Form eines Webtutorials auf der Homepage von AX Semantics. Innerhalb von ein bis zwei Stunden ist er in der Lage, mit der KI zu arbeiten.

Die Maschine unternimmt teils auch selbstständig linguistische Annotationen, das heißt, sie lernt darauf zu reagieren, wenn sich etwas grammatikalisch ändert oder Formulierungen zu ändern sind, sowie den Zusammenhang von Text zu Daten. Zum Beispiel, wo die Morphologie, also die Wortendung, angepasst werden muss. All das leitet die Maschine mithilfe ihrer KI aus dem eingegebenen Beispiel ab.

Frank Feulner: „Man schaut der KI dabei quasi ins offene Gehirn, man sieht, was sie gerade denkt. Der Nutzer erkennt, welche Neuronen aktiv sind und welche es generell gibt. Er kann die Maschine auch piksen, indem er verschiedene Testdatensätze vorgibt und live sieht, wie diese das Ergebnis verändern.“

Feulner und sein Team haben die KI für diese Leistung intensiv vortrainiert, etwa mithilfe von Textkorpora und Lexikondaten. Daraus hat sie abgeleitet, welche Wortformungen und -Stellungen in welchem Fall möglich beziehungsweise in bestimmten Satzkonstellationen zwingend sind. In einer speziellen Modellierungsumgebung bringt der Nutzer der Maschine zusätzlich bei, komplexe Muster aus Datensätzen zu erkennen, Schlussfolgerungen zu ziehen, Gedankenpfade und sehr schnell, performant und lernfähig Wortformen und Satzstrukturen zu bauen.

Kern der logisch arbeitenden Applikation ist der semantische Aufbau aus Wahrheitswerten – daraus leitet sich auch der Firmenname ab. Diese Logiken werden dazu im Webservice für den Nutzer sichtbar in Bausteinen abgebildet und mit einer Art Bindfäden, quasi als nachvollziehbarer Gedankenpfad, verknüpft. Er sieht in Übersichten, was die Maschine als Ergebnis ausgeben würde.

Frank Feulner: „Wir haben uns viele Gedanken darüber gemacht, wie das Produkt zu verwenden ist: Woher kommt die sinnstiftende Information, wie zugänglich ist die Plattform, was muss der Nutzer mitbringen, welche Funktionen braucht er und wie sollen die aussehen? Das ist die menschliche Intelligenz, die hinter der künstlichen steckt.“

Hat die Maschine einmal verstanden, wie das jeweils eingegebene Thema logisch funktioniert, kann sie so erweitert werden, dass sie es in 110 Sprachen wiedergeben kann. Der Nutzer kann in jeder beliebigen dieser 110 Sprachen beginnen.

Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig, denn die KI ist branchen-agnostisch verwendbar: Ob als Spielbericht eines Fußballmatchs, als Kreditrisikoanalyse im Rahmen eines Finanzreports oder im eCommerce als Textgenerator für Onlineshops. In diesen Bereichen erreicht die KI Skalierungen, die mit menschlicher Arbeitskraft nicht mehr möglich sind. Sie erlaubt Texte, Themen und Publikationsstrategien, an die sich früher wegen des zu hohen Aufwands niemand herangewagt hätte. Zum Beispiel, wenn ein Onlinehändler mit mehr als 100.000 Produkten zweimal jährlich Texte für seine Shops in sechs unterschiedlichen Sprachen benötigt.

Frank Feulner: „Es geht nicht darum, einzelne Texte von Journalisten besser zu machen, sondern Content für den einzelnen Nutzer oder ausgewählte Nutzergruppen relevanter zu machen und zuzuspitzen.“

Zum Beispiel im Manufacturing: In Arbeitsumgebungen, die sich Menschen mit Robotikkollegen teilen, können sie mit diesen kommunizieren. Etwa mit Maschinen, die Fehlerverhalten zeigen. Die Maschine gibt mithilfe der AX-KI Informationen darüber, wo der Fehler liegt, wie er zustande gekommen ist, wie lange die Reparatur erfahrungsgemäß dauert und welches Werkzeug dafür benötigt wird. Der Arbeiter braucht keine Dokumentation mehr zu durchforsten, sondern stellt seine relevanten Fragen und bekommt die kontextuelle Antwort an Ort und Stelle von der Maschine geliefert.

Wenn Feulner an die vergleichsweise putzigen Anfänge denkt, als er noch mithilfe von Excel-Formeln über Nacht Texte für 1.500 Ferienwohnungen erstellte, muss er unwillkürlich schmunzeln. Dank einer neuen Algorithmik und der Programmiersprache Visual Basic gelang es ihm später immerhin, dieselbe Textmenge in wenigen Minuten zu erstellen. Schließlich entwickelte er die sogenannte Automated Text Markup Language (ATML), die es erlaubte, mit demselben Softwarekern unterschiedliche Branchen zu bedienen. Nach und nach formte das Team die Software zur echten KI mit den heutigen Fähigkeiten. 2015 erfolgte dann der Umbau von der lokalen Anwendung zum zentralen Webservice. Heute ist AX Semantics der erste und einzige Anbieter, bei dem Nutzer eine linguistische KI selbst konfigurieren können, ohne Informatiker zu sein.

Frank Feulner: „Es gibt aber keinen Geist in der Maschine, der unvorhergesehene Dinge ausgibt, oder etwas, das man nicht will. Weder durch intransparente Entscheidungspfade in Deep-Learning-Komponenten noch durch Corpus Infestation wie seinerzeit bei Microsofts Chat Twitterbot Tay.“

Künftig, da ist Feulner sicher, wird die AX-KI auch von der Industrie in Wearables und Fahrzeugen eingesetzt. Zum Beispiel, um dem Fahrer zu sagen: „Wenn Du noch eine Viertelstunde so durch Schlaglöcher rumpelst, wird Dein Versicherungstarif um 15 Prozent teurer.“ Die ersten solcher Anwendungen hat er jedenfalls schon persönlich getestet.

Bildnachweis: © Getty Images

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