Kolumne

Skills statt Ängste

Künstliche Intelligenz (KI) ist allgegenwärtig. KIs wie Siri und Alexa kommunizieren im Alltag für uns mit anderen Maschinen. Google Maps hilft uns, in Echtzeit Staus und Baustellen zu umfahren. Firmen wie Parlamind und Solvemate lösen Probleme im Kundensupport. AVA identifiziert Sicherheitsrisiken und informiert die Behörden vorab. Die KI von 20 Billionen Neuronen versteht, was in Videos passiert und kann darauf reagieren. So hat das Fraunhofer Institut eine KI entwickelt, die Videos generiert, die von menschlich produzierten nicht mehr zu unterscheiden sind.

Aber um das gleich richtig einzuordnen: Wir sprechen heute – noch – nicht von allgemeinwissenden Maschinen. Eher im Gegenteil. Die meisten KIs sind ziemlich dumm außerhalb ihres Spezialgebiets und werden daher als „enge“ künstliche Intelligenzen definiert. Sie sind nichts anderes als Werkzeuge, die mit Algorithmen und Daten trainiert werden, spezielle Aufgaben von vormals menschlicher Denkarbeit zu übernehmen.

Sobald die KI einmal trainiert ist, kann sie die menschliche Leistung allerdings in ausgewählten Nischen übertreffen. Ob dies Spiele wie Schach oder Go sind, die Steuerung eines Drohnenschwarms, die Lenkung von Lagerrobotern, das Schweißen von Autoteilen am Fließband oder Aktien in Bruchteilen von Sekunden zu handeln. Und wer würde heute noch freiwillig in einen Airbus 380 ohne Autopilot steigen? Moderne Flugzeuge haben gleich vier maschinelle Piloten und zwei menschliche Piloten als Backup. Seitdem fliegen wir Reisende sicherer, schneller und günstiger durch die Welt. Weil Menschen mit Maschinen zusammenarbeiten.

Die große Welle an intelligenten maschinellen Lösungen kommt erst

Für die Zukunft garantieren uns die konstante Steigerung der Rechnerleistung, das exponentielle Wachstum der digitalen Daten, Fortschritte im Bereich maschinelles Lernen sowie Deep Learning eine große Welle an maschinellen intelligenten Lösungen.

Angetrieben wird sie durch weitere Milliarden Dollar an Investitionen in Forschung und Firmen insbesondere durch die globalen KI-Supermächte China und USA. Derzeit decken alleine diese beiden Länder 87 Prozent aller Kapitalflüsse in künstliche Intelligenz und stellen mehr als 60 Prozent aller KI-Firmen. Die großen Digitalkonzerne wie Google, Alibaba, Baidu, iFlytek, Amazon, Facebook, Microsoft sind gleichzeitig auch die führenden Marktspieler für die stärksten künstlichen Intelligenzen.

Fabian Westerheide ist als Unternehmer und Investor in mehr als 40 Firmen involviert.  Mehr lesen »

Fabian Westerheide ist als Unternehmer und Investor in mehr als 40 Firmen involviert. Mit seiner Firma „ASGARD – human VC for AI“ hält er zahlreiche Beteiligungen an aufstrebenden KI-Start-ups. Er organisiert jedes Jahr „Rise of AI“, eine der weltweit größten Konferenzen für künstliche Intelligenz in Berlin. (© Kopf & Kragen Berlin) Weniger lesen »

„Künstliche Intelligenz ist die wichtigste Technologie des 21. Jahrhunderts.“

Fabian Westerheide

Da ist die Befürchtung keineswegs abwegig, ausländische KI könnte alsbald die Macht über die Wertschöpfungsprozesse deutscher Firmen übernehmen. Anfangs vielleicht nur in Abteilungen wie der Buchhaltung, im Controlling, bei Personal und Logistik, später dann in Produktionsketten. Immer mehr physische Produkte, die importiert werden, haben eine ausländische KI. Betroffen sind unsere Telefone mit Siri und Google Assist, Computer mit Cortane und Haushaltsgeräte mit Alexa. Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: In deutschen Unternehmen enthält alle Hardware, die made in China/Korea/Japan/USA ist, auch Software aus diesen Ländern. Und diese Software beginnt, Entscheidungen über Produktion, Qualität, Verfügbarkeit zu treffen. Ich will hier aber keine Ängste schüren, sondern zum Nachdenken über den Umgang mit KI anregen.

Unternehmen sollten sich intensiv mit KI beschäftigen

Schließlich stehen wir erst am Anfang. Künstliche Intelligenz ist die wichtigste Technologie des 21. Jahrhunderts. Sie wird unsere Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und unser Privatleben noch auf Jahrzehnte beeinflussen und prägen. Rund um künstliche Intelligenzen wird eine völlig neue Industrie entstehen. Millionen von KIs müssen trainiert werden. Sie brauchen saubere Daten und Schnittstellen. Müssen Moral und Ethik verstehen. Für all das braucht es Regulierung, Kontrolle und Sicherheitssysteme. Nicht nur deshalb tun Unternehmen gut daran, sich intensiv mit dieser Technologie auseinanderzusetzen. Ihr Einsatz führt Unternehmen ohnehin nur zum Erfolg, wenn sie gleichzeitig die menschlichen Stärken in den Vordergrund rücken.

Denn wir Menschen haben noch lange nicht ausgedient, auch wenn das in vielen Medien bisweilen so dargestellt wird. Wir stehen nicht im Wettbewerb mit den Maschinen. Wir brauchen nicht vor Angst zu erstarren. Allerdings wird es darauf ankommen, unsere urmenschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten besser zu nutzen. Noch sind wir mit unserer natürlichen Empathie und Kommunikationsfähigkeit den Maschinen weit überlegen. Deswegen sind persönliche Gespräche mit Kunden, Kollegen, Dienstleistern weiterhin nicht durch Maschinen zu ersetzen, wenn es um unternehmerische Entscheidungen geht. Zusammenhänge und Komplexität zu verstehen und diese anderen Menschen in Form von Beratung nahezubringen, wird eine Domäne der Menschen bleiben.

„Unternehmen und Gesellschaft brauchen Menschen, die das große Bild sehen.“

Fabian Westerheide

Nach wie vor sind wir Menschen es, die Maschinen Aufgaben zuteilen, ihnen vorgeben welche Ziele zu erreichen sind und welche Probleme gelöst werden müssen. Je individueller, unregelmäßiger und motorischer eine Aufgabe ist, desto länger werden wir Menschen diese noch erfüllen müssen. Zudem sind es weiterhin wir Menschen, die Ideen haben, Ziele setzen und dafür mit Leidenschaft kämpfen. Wir lieben, leiden, sind wütend, traurig und glücklich. Gerade unsere Emotionen machen den Unterschied.

Menschliche Skills werden wichtiger denn je

Wer als Unternehmen eine erfolgreiche und langfristige Rolle in der neuen Wirtschaftsordnung spielen möchte, sollte sich daher auf all die menschlichen Skills fokussieren – die indes in der Zukunft noch mehr Bedeutung bekommen.

Zum Beispiel Weitblick und Vision: Technologische Durchbrüche werden immer schneller in reale Produkte gewandelt, die bestehende Geschäftsmodelle auf den Kopf stellen. Das erfordert eine Vorfreude für den Wandel, gepaart mit sportlichem Spaß an Veränderungen. Unternehmen werden dazu wieder mehr Generalisten brauchen. Unternehmen und Gesellschaft brauchen Menschen, die das große Bild sehen und dies in konkrete Ziele runterbrechen, denen andere Menschen mit den gegebenen Fähigkeiten folgen können.

Dabei ist es hilfreich, auch selber eine moderne Lebensform zu führen und die Technologien privat und beruflich zu verwenden. Nur wer mit den künstlichen Intelligenzen lebt, kann diese verstehen und für sich nutzen. Ebenso ist es von Vorteil, wenn man versteht, wie die Maschinen funktionieren. Dazu muss man nicht programmieren können, aber auch Führungskräfte sollten eine Neugierde mitbringen für Aufbau, Funktion und Einsetzbarkeit von künstlichen Intelligenzen.

Denn auch wenn uns die Maschinen an Beständigkeit und Durchhaltevermögen bei Routinearbeiten weit überlegen sind – in einem werden sie uns Menschen ohnehin nie übertreffen, nämlich mit Freude und Begeisterung an seine Aufgaben zu gehen. Wir Menschen sollten uns daher nicht mit den Maschinen messen, sondern diese geschickt für uns arbeiten lassen, damit wir wieder mehr Zeit für das Leben jenseits jeglicher Technologie haben.

Bildnachweis: © Getty Images

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