Digitalisierung ohne Märchen und Mythen

Wir wissen, dass die digitale Transformation unsere Unternehmen verändern wird. Wir wissen auch, dass wir dafür neue Kompetenzen brauchen. Was wir jedoch noch nicht wirklich wissen, ist, wie wir die Veränderungsprozesse unseren Mitarbeitern auf die richtige Weise vermitteln. Die immer wieder in den Medien verbreiteten Prophezeiungen, wonach im kommenden Jahrzehnt durch Digitalisierung, Sensorik und künstliche Intelligenz (KI) Millionen Arbeitsplätze verloren gehen, schüren jedenfalls Unsicherheit. Da darf es nicht verwundern, wenn unter vielen Beschäftigten eine kontraproduktive Angst vor dem Neuen umgeht. Erfolgreich und schnell werden Unternehmen die digitale Reise der kommenden Jahre nämlich nur meistern, wenn sie lernen, alle Mitarbeiter auf allen Ebenen mitzunehmen.

Robotik, Digitalisierung, Big Data und KI werden viel zu häufig unter dem Gesichtspunkt der Disruption und des „großen neuen Dings“ diskutiert. Selbstverständlich sind „weltbewegende“ Umbrüche sexy, sie erzeugen neue Gewinner und degradieren einst mächtige Unternehmen zu Verlierern. Diese Storys haben aber zumeist mit dem Arbeitsalltag der Menschen wenig zu tun. Bei der Jagd nach dem nächsten Megatrend entstehen vielfach Märchen und Mythen, die mit der Realität nichts gemein haben. Sie tragen eher zur Verunsicherung bei. Viel wichtiger erscheinen mir Antworten auf die Frage, wie wir den technologischen Fortschritt einsetzen, um unsere Prozesse und Strukturen, unsere tägliche Arbeit, zu verbessern.

Freiheit schaffen für Entscheidungen der Mitarbeiter

Wer diesen steinigen Weg geht und möchte, dass Mitarbeiter digitale Technologien adaptieren, um kundennäher und effizienter tätig zu sein, kann das nicht einfach von oben verordnen. Er muss zunächst eine offene Organisation und Kultur schaffen. Bei Dachser verfolgen wir deshalb seit zwei Jahrzehnten einen äußerst dezentralen und unternehmerischen Ansatz, bei dem der Einzelne angehalten ist, selbst Entscheidungen zu treffen. Es geht um den Aufbau kybernetischer, sich selbst regelnder Systeme, in denen Mitarbeiter komplexe Aufgaben eigenständig und klug lösen. Führung in solchen Organisationen bedeutet in erster Linie, Visionen zu definieren sowie Spielregeln, Prinzipien und Werte vorzugeben. In diesem Rahmen bewegen sich die Mitarbeiter dann mündig und verantwortlich.

Für den Einsatz innovativer Technologien implizieren kybernetische Systeme, dass wir die Leute entsprechend ausbilden müssen, auch im gewerblichen Bereich. Anhand zweier Beispiele aus der Logistik lässt sich eine intelligente Mensch-Maschine-Koppelung veranschaulichen. Bei gewerblichen Jobs in großen Warenlagern spielt körperlich belastende Arbeit eine große Rolle. Mit Sensorik und Robotik wurde hier bei einfachen, repetitiven Arbeiten schon viel vorangebracht. Derzeit experimentieren wir mit sogenannten passiven Exoskeletten, die den Mitarbeitern beim Bücken helfen und langfristigen Gesundheitsschäden vorbeugen. Der Mensch bleibt, die Maschine unterstützt. Ähnlich ist es mit autonom fahrenden Kommissionierwagen. Hier folgt ein digital gesteuertes Transportsystem dem Mitarbeiter wie ein „schlauer Hund“.

Ein weiteres Beispiel aus der Logistik erläutert den Widerspruch zwischen seelenloser Technologiegläubigkeit und menschbezogenem Technologieeinsatz. Der selbstfahrende Lkw wird uns häufig wie Science-Fiction präsentiert. Künftig sollen auf unseren Autobahnen fahrerlose Großtransporte rollen. Bei so viel Fantasie ist es nicht verwunderlich, wenn wir in Deutschland keine jungen Menschen mehr finden, die Lkw-Fahrer werden wollen.

Bernhard Simon ist CEO des Logistikdienstleisters Dachser SE (6,1 Milliarden Euro Umsatz, 29.000 Mitarbeiter).  Mehr lesen »

Bernhard Simon ist CEO des Logistikdienstleisters Dachser SE (6,1 Milliarden Euro Umsatz, 29.000 Mitarbeiter). Der Enkel des Firmengründers Thomas Dachser führt das Familienunternehmen seit 2005.  Weniger lesen »

Weder menschenleere Lagerhallen noch führerlose Fahrerkabinen

Wer will schon einen Beruf erlernen, den es scheinbar bald nicht mehr geben wird? Schon heute gefährdet der Fahrermangel unsere Lieferketten erheblich. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Technologie selbstfahrender Lastkraftwagen wird den Fahrerberuf deutlich aufwerten, ihn leichter und effizienter machen.

Der Fahrer wird zustellen und abholen, das Warenhandling und die Transportsicherheit gewährleisten und ein Gesicht des Unternehmens zum Kunden sein. Es wird also absehbar weder menschenleere Lagerhallen noch führerlose Fahrerkabinen geben.

„In den vergangenen Jahren haben 5.000 unserer Mitarbeiter an einem Anfängertraining zu unserer Speditionssoftware teilgenommen.“

Bernhard Simon

Und auch bei den Bürotätigkeiten gibt es in der Logistik keinen Kahlschlag, sondern eine Qualifizierung in Richtung digitalem IQ. Wir gewährleisten das in unserem Unternehmen, indem alle Mitarbeiter im Rahmen des Digitalisierungsprozesses aufgefordert sind, Vorschläge einzubringen. Unsere Strategie dazu heißt „Idea2Net“. Bei der Umstellung von analog zu digital, die bei integrierten Logistikunternehmen wie Dachser ohnehin weit fortgeschritten ist, binden wir die Leute ein. Digitale Apps mit Checklisten beispielsweise entstehen in Kollaboration mit unseren Mitarbeitern. Unsere gesamte interne Kommunikation mit allen dabei eingesetzten innovativen Tools ist darauf ausgerichtet, unseren Beschäftigten die digitale Transformation transparent zu machen.

Unsere internen Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen sind ebenfalls an die Breite unserer Mitarbeiter adressiert. Das fängt bei ganz grundlegenden Themen wie Microsoft an und geht bis hin zu umfangreichen Schulungen zu unseren selbst entwickelten IT-Kernsystemen. Allein in den vergangenen Jahren haben 5.000 unserer Mitarbeiter an einem Anfängertraining zu unserer Speditionssoftware teilgenommen.

Es geht zunehmend um intelligente Kollaboration

Technologische Zukunftsthemen erforschen und erproben wir in einer eigenen R&D-Einheit. Grundsatz dabei ist: Daten alleine sind wertlos. Erst erfahrene Mitarbeiter können daraus Services, Umsätze und Gewinne generieren. Zusammenhänge aus Daten erkennen nur gebildete Menschen – und ich meine damit nicht nur hochbezahlte IT- und Data-Analytics-Experten. Der Mensch bleibt das Regulativ bei der Steuerung von Warenströmen. Menschen bauen die Datenarchitekturen und entwickeln diese zusammen mit den Kunden weiter. Es geht zunehmend um intelligente Kollaboration.

„Wir sollten das Thema neue Technologien erden, statt mit Silicon-Valley-Sprech die Mitarbeiter zu verwirren.“

Bernhard Simon

Natürlich gibt es in der Logistik und bei Dachser noch unzählige weitere Beispiele, wie Wissen, Informationen und Technologien alltägliche Jobs aufwerten. Mir ist dabei wichtig, praxisnahe Konzepte aufzuzeigen, die einen zukunftsorientierten Human-Resources-Ansatz zur digitalen Transformation prägen sollten. Wir sollten das Thema neue Technologien erden, statt mit Silicon-Valley-Sprech die Mitarbeiter zu verwirren.

Last but not least ist es gerade im Rahmen der dualen Ausbildung notwendig, digitale Fähigkeiten und Kompetenzen frühzeitig zu schulen. Mit stärker zukunftsorientierten Lehrinhalten wird es auch gelingen, die aktuelle Krise dieses exzellenten Ausbildungskonzepts zu überwinden.

Ich bin überzeugt, dass unter den etablierten Unternehmen jene aus Digitalisierung, Big Data und KI den größten Nutzen ziehen, die ihre Belegschaft in der Breite mobilisieren. Die alte Erkenntnis, der Mensch (nicht die Technologie) steht im Mittelpunkt, wird weiterhin seine Gültigkeit behalten. Gleichzeitig können Firmen damit auch entscheidende Punkte im Kampf gegen den Fachkräftemangel und Engpässe beim gewerblichen Personal machen, die unsere Wachstumsmöglichkeiten in Zukunft erheblich einschränken werden.

Bildnachweis: © Stocksy

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