Der Visionär

Nachdem der ältere Herr mit grauem Vollbart seine Rede beendet hat, erhebt sich der ganze Saal und spendet dem Mann im Rollstuhl minutenlang Applaus. Verschmitzt schaut Frithjof Bergmann auf Hunderte von Teilnehmern, die jubeln und klatschen, manche geradezu ergriffen. Das Motto der Konferenz, auf der er unlängst einen seiner inzwischen seltenen öffentlichen Auftritte hatte, hat der Senior mehr als 30 Jahre zuvor erfunden: New Work – Neue Arbeit. Und der Applaus beweist, dass die Thesen und Ideen des mittlerweile 87-Jährigen aktueller und wichtiger sind denn je.

Fremdbestimmte Lohnarbeit, wie wir sie kennen, ist laut Bergmann „wie eine milde chronische Krankheit“, die einen „zwar nicht umbringt, aber auslaugt“. Seine Alternative: Die Arbeitszeit eines Menschen wird gedrittelt: Ein Drittel der Zeit soll mit der bisherigen Lohnarbeit verbracht werden. Das zweite Drittel soll jeder mit einer Beschäftigung verbringen, die er „wirklich, wirklich will“. Und das letzte Drittel dient dazu, sich selbst zu versorgen – nicht nur mit Gemüseanbau hinterm Haus, sondern auch mit „Hightech-Minifabriken“, in denen komplexe Gegenstände gefertigt werden können. Freiheit, Selbstständigkeit und Gemeinschaft sind zentrale Säulen seines Modells von Neuer Arbeit.

Vom Preisboxer zum Philosophen

Bergmann – geboren am Heiligabend 1930 in Sachsen – ist gerade mal 18 Jahre alt, als er ein Essay über die Schule der Zukunft schreibt, das ihm ein einjähriges Stipendium in den USA beschert. Bergmann bleibt dort, schlägt sich als Tellerwäscher, Bauarbeiter, Preisboxer, Hafen- und Fließbandarbeiter durch. Zwei Jahre lebt er als Selbstversorger nach dem Vorbild von Henry David Thoreaus Buch „Walden“ in der Einsamkeit der Wälder von New Hampshire – doch die Entbehrungen und harte körperliche Arbeit („Zurück zur Natur ganz ohne Technik, das ist Sklaverei“) treiben ihn wieder in die Zivilisation. Nachdem er einen gewissen Erfolg als Drehbuch- und Theaterautor erzielt, beginnt Bergmann Philosophie zu studieren. „Ich merkte schon im Studium, wie richtig diese Wahl war, wie sehr ich lebendig wurde beim Philosophieren“, erinnert er sich später. Lebendig und offenbar auch gut – denn Bergmann promoviert in Princeton über Hegel und lehrt anschießend an so renommierten Institutionen wie der Stanford University, der University of Chicago und der University of Berkeley.

„Jeder Beschäftigte sollte ein Drittel seiner Arbeitszeit mit einer Tätigkeit verbringen, die er ‚wirklich, wirklich will‘.“

Frithjof Bergmann

Eine Tätigkeit zu finden, die man „wirklich, wirklich will“, ist bis heute die zentrale Säule von Bergmanns Arbeitsmodell. Zum ersten Mal in die Tat umsetzen konnte er es 1984 in Flint im US-Bundesstaat Michigan. Flint war lange Zeit der größte Standort des Automobilherstellers General Motors (GM). Doch in den Achtzigerjahren begann die Produktion abzuwandern. Viele Arbeitsplätze fielen außerdem durch zunehmende Automatisierung weg. Alles deutete darauf hin, dass bald die Hälfte der Bevölkerung ihre Beschäftigung in der Autoindustrie und damit ihre Lebensgrundlage verlieren würde und es zu einer tiefen Spaltung der Gesellschaft kommen könnte.

Bergmanns Vorschlag an das Management von General Motors: Statt eine Hälfte der Belegschaft zu entlassen, sollte das Unternehmen lieber alle Mitarbeiter für die Hälfte ihrer bisherigen Arbeitszeit bezahlen. Die übrige Hälfte der Zeit sollte den Mitarbeitern dafür zur Verfügung stehen, etwas zu tun, das sie „wirklich, wirklich wollen“. Um den Arbeitern, die oft jahrzehntelang am Fließband gearbeitet hatten, bei dieser Selbstfindung zu helfen, ließ Bergmann den Autohersteller das erste „Zentrum für Neue Arbeit“ finanzieren.

Der Begriff war geboren. Und auch wenn es das GM-Management zuerst für eine naive Spinnerei eines Philosophieprofessors hielt, dass Fließbandarbeiter so etwas wie eigene Interessen und verborgene Talente haben könnten, erinnert sich Bergmann an diverse Erfolge: Ein Fabrikarbeiter habe beispielsweise ein sehr erfolgreiches Yogastudio eröffnet, ein anderer habe zuerst für die Lokalzeitung, dann für das Wall Street Journal geschrieben und später sogar Bestseller verfasst.

Bergmanns Rätsel

Im Lauf der Jahre ist Frithjof Bergmann mit seinen Ideen um die Welt gereist, hat Zentren für Neue Arbeit im Erzgebirge ebenso wie in Mumbai gegründet. Das System Lohnarbeit komplett zu knacken, gelang ihm jedoch nicht. „Es hat sich leider zu wenig Grundlegendes geändert“, gibt er rückblickend zu. „Es ist mir ein Rätsel: Die große Mehrheit der Menschheit lässt sich verführen, eine Arbeit zu verrichten, die sie müde macht und kleinhält, um dann Dinge zu kaufen, die sie nicht braucht.“

„Die große Mehrheit der Menschheit lässt sich verführen, eine Arbeit zu verrichten, die sie müde macht und kleinhält, um dann Dinge zu kaufen, die sie nicht braucht.“

Frithjof Bergmann

In manchen Dingen mag Bergmann seiner Zeit auch einfach lange voraus gewesen sein: Bereits um die Jahrtausendwende sprach er von „Fabbers“ oder „Personal Fabricators“, also Minifabriken für Individuen oder kleine Gemeinschaften. Von 3-D-Druck und Rapid Prototyping – Konzepte, die heute normal sind, damals aber noch visionär und beinahe unbekannt waren. Auch in anderen Bereichen sind viele von Frithjof Bergmanns Ideen heute noch in Umlauf. So gibt es Nachfolger im Geiste, die Bergmanns Ideen weiterdenken und ausbauen, wie etwa den Psychologen und New-Work-Experten Markus Väth.

Darüber hinaus orientieren sich Teile der in den vergangenen Jahren immer populärer werdenden Postwachstums- oder Degrowth-Bewegung an der bergmannschen Idee der Drittelung der Arbeitszeit in klassische Lohnarbeit, „wirklich, wirklich“ erfüllende Arbeit und Selbstversorgung beziehungsweise Eigenproduktion.

Kritische Worte für „New Work“

Effizienzgewinne – wie sie durch Automatisierung, immer häufiger aber auch durch künstliche Intelligenz entstehen – sollen statt ewigem Wirtschaftswachstum den Menschen zugutekommen. Wer nur 15 oder 20 Stunden pro Woche arbeitet, verdient am Ende wahrscheinlich nicht so viel Geld wie vorher. Er braucht aber auch nur einen Bruchteil, um gut zu leben, wenn er sich mit dem Nachbarn die Waschmaschine teilt, Gemüse aus dem eigenen Garten isst und sich den Computer von einem Bekannten reparieren lässt, der das „wirklich, wirklich“ gerne macht. So argumentiert nicht nur Bergmann, sondern auch beispielsweise Niko Paech, der an der Universität Siegen Postwachstumsökonomie, Alternatives Wirtschaften und Nachhaltigkeit lehrt und zu den bekanntesten Vertretern der deutschen Degrowth-Bewegung gehört.

Von der momentan ebenfalls populären Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ist Bergmann hingegen nicht überzeugt: „Davon halte ich wenig“, gibt er zu Protokoll. „Den Menschen einfach nur Geld zu geben und zu hoffen, dass sie damit etwas Gutes anstellen, das ist nicht nur naiv, das ist sogar verheerend.“ Auch die moderne New-Work-Bewegung und damit auch die Konferenz, bei der er nach seinem Auftritt mit Stehapplaus bedacht wurde, sieht der 87-Jährige durchaus kritisch: „Hier wurde sehr viel über Führungstechniken und Organisationsfragen geredet, also darum, wie Unternehmen ihre Angestellten noch raffinierter domestizieren und ausbeuten können“, sagte er am nächsten Tag in einem Interview. „Bezeichnenderweise waren vor allem gut bezahlte Führungskräfte auf der Bühne, die zu Führungskräften im Plenum darüber sprachen, wie flexibel und kreativ die Arbeit in Zukunft organisiert sein wird.“ Hat ihn der popstarartige Jubel, die vielfach emotionale Reaktion des Publikums nicht trotzdem berührt? „Eigentlich sind die Leute ja nicht berührt von mir, sondern von sich selber“, meinte Bergmann, „von dem Teil in ihnen, der über all die Jahre verkümmert ist.“

Bildnachweis: © Cooppa

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