Brain Works

Hallo, ich bin Amy“, stellt sich die kecke, leicht beunruhigend robotisch klingende Frauenstimme vor. „Niemand kennt die Zukunft. Aber ich bin hier, um Dich durch eine Vision zu führen, wohin wir gehen könnten.“ Amy ist die virtuelle Führerin durch Core City, eine Stadt der Zukunft, in der für die vier Millionen Einwohner selbstfahrende Autos, Roboter, Drohnen, personalisierte Werbung, 3D-gedruckte Gebäude und ständige Cyberangriffe an der Tagesordnung sind.

„Du befindest Dich auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch als Zukunftsforscher“, fährt sie fort. „Auf Deiner Reise wirst Du einer Reihe potenzieller Störungen begegnen, um Deine Fähigkeiten für den Job zu testen.“ Und schon taucht der Besucher ein in eine belebte Straße mit einer Art Glasgewächshausdach. Die vorbeisausenden Lastwagen, Autos, Busse sind alle fahrerlos. „Keine Unfälle, keine Parkscheine, keine Emissionen. Es ist Glückseligkeit ... Und alles elektrisch, angetrieben von Quantenbatterien“, frohlockt Amy.

Die futuristische Story-Telling-Tour auf Basis von Virtual Reality ist die jüngste Entwicklung von PwCs neu gestartetem Disruption-Consulting-Team. Unternehmen können dabei in Workshops 20 verschiedene disruptive Technologien und nichttechnologische Megatrends wie sozialer Wandel und Klimaveränderung hautnah kennenlernen und überprüfen, inwieweit diese ihre eigenen Geschäftsmodelle betreffen könnten.

Horrorszenarien schüren Angst

Um von heute ins Morgen zu kommen, sind allerdings weit mehr positive Inspirationen erforderlich. Denn die neuen Technologien in Amys Welt verändern auch die Arbeit dramatisch: Ob fahrerlose Autos, fliegende Paketdrohnen oder Algorithmen zur automatischen Generierung von Sport- und Börsennachrichten – Maschinen dringen immer stärker in Tätigkeitsbereiche vor, die bislang dem Menschen vorbehalten schienen. Das macht vielen von ihnen Angst vor einem Jobverlust.

Zusätzlich geschürt wird diese Angst durch krasse Horrorszenarien: 59 Prozent aller Arbeitsplätze hierzulande sind laut einer Studie von Volkswirten der ING-Diba-Bank gefährdet; von den rund 31 Millionen sozialversicherungspflichtigen und geringfügigen Beschäftigten hierzulande könnten 18 Millionen von Robotern und Software ersetzt werden, heißt es dort. Die globale Arbeitslosigkeit könnte laut einer Studie von Frey und Osborne auf 24 Prozent (oder mehr) im Jahr 2050 steigen.

„Intelligente Software ist auf dem Vormarsch und ändert alles. Die rasanten Entwicklungen der technischen Möglichkeiten werden vor allem repetitive Routinearbeiten ersetzen. Auch wenn Maschinen immer häufiger das Know-how liefern – das Know-why, also das Verstehen und die richtige Interpretation und Entscheidungsfindung, wird noch lange die Domäne des Menschen bleiben“, ist dagegen Ulrich Störk, Sprecher des Vorstands bei PwC Deutschland, überzeugt.

In welche Richtung das Pendel ausschlägt, liegt nicht zuletzt an den Unternehmen selbst: Sie haben die Chance, die Zukunft jetzt zu gestalten, wie SAP-Chef Bill McDermott auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos darlegte: „Wir befinden uns in einer Welt der erweiterten menschlichen Fähigkeiten. Neue Technologien verändern die Welt hin zu einer Besseren. Wir müssen nur sichergehen, dass die Menschen mitkommen in Bezug auf ihre Fähigkeiten, auf die Umrüstung und die Vorbereitung auf die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts. Klar, es werden andere Jobs sein. Aber es geht jetzt darum, wie wir am besten die Mitarbeiter auf die Veränderungen einstellen und diesen Wandel maximieren und kapitalisieren.“

Entwarnung: Neue Technologien bringen neue Jobs

McDermotts Sichtweise wird unterstützt von den Ergebnissen der internationalen Delphi-Studie des Millennium Project „2050: Die Zukunft der Arbeit“, herausgegeben von der Bertelsmann Stiftung. Sie hält es für „keineswegs gesichert, dass ein zunächst arbeitssparender technologischer Wandel insgesamt zu Beschäftigungsverlusten führt“. Sinkende Preise aufgrund einer gestiegenen Produktivität könnten die Konsumnachfrage stimulieren sowie zu einer Rückverlagerung von Produktionsprozessen aus Niedriglohnländern führen. Ferner entstehen durch neue Technologien neue Märkte und Beschäftigungsmöglichkeiten.

Laut einer Studie der EU sind allein aus der App-Industrie seit ihrer Entstehung rund eine Million Arbeitsplätze hervorgegangen. Und auch Bill McDermott, der bei SAP gerade einen externen Ethik-Beirat für künstliche Intelligenz gegründet hat, ist überzeugt, dass die Zukunft mehr Chancen als Risiken bietet: Allein die künstliche Intelligenz werde bis 2021 drei Milliarden neue Nutzungsmöglichkeiten bieten – bis 2030 sogar das Zehnfache davon – und mindestens 500.000 neue Jobs schaffen.

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Milliarden Nutzungsmöglichkeiten wird KI bis 2021 bieten und bis 2030 das Zehnfache davon.

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Was dabei auf Unternehmen und Beschäftigte zukommt, skizziert die erwähnte Delphi-Studie sehr lebensnah: „Arbeit ist heute schon mobil und multilokal, morgen ist sie virtuell und findet im Metaversum – dem kollektiven virtuellen Raum – statt.“ Viele der neuen Berufe entstehen demnach in den Sektoren Freizeit, Erholung und Gesundheit sowie in technologienahen Feldern. Dazu gehören auch neue Berufsbilder, vom Algorithmen-Versicherer bis zum Empathie-Interventionist, vom Bildungs-Portfolio-Optimierer bis zum Biosignal-Trainer, vom Metaversum-Innenausstatter bis zum Trollinspektor. „Vor allem bilden sich Arbeitsbereiche und Berufe heraus, die als Gegenentwurf der Roboter geprägt sind von ureigenen menschlichen Fähigkeiten wie Empathie oder Kreativität“, schreiben die Studienautoren.

Lernen werde dabei integraler Bestandteil der Arbeit. Das bedeutet auch die endgültige Ablösung hierarchischer Führungskultur, die ersetzt wird durch eine Kultur der Kooperation und der selbst organisierten Zusammenarbeit in zunehmend virtuellen Teams sowie die rasch wachsende Relevanz von selbstbestimmtem Lernen in neuen Formen. Derzeit, so befinden die Delphi-Experten, sind insbesondere die großen Arbeitgeber jedoch weit davon entfernt, die Reichweite der digital-technologischen Revolution am Arbeitsplatz verstanden und ihre Konsequenzen umgesetzt zu haben.

Dabei ist das eine der größten Herausforderungen: Die Berufstätigen fühlen sich keineswegs für den Weg in die digitale Zukunft befähigt, so eine aktuelle Studie des Digitalverbands Bitkom. Der Mehrheit fehlt es für Weiterbildungen an Zeit und Angeboten, um im Job mit den Anforderungen der Digitalisierung Schritt halten zu können. 70 Prozent der abhängig Beschäftigten beklagen, dass während der Arbeit keine Zeit für eine Weiterbildung zum Umgang mit neuen digitalen Technologien bleibt. Sechs von zehn bemängeln, dass ihr Arbeitgeber keine Weiterbildungen zu Digitalthemen anbietet. Den immensen Handlungsdruck verdeutlicht eine weitere Zahl: 35 Prozent der für aktuelle Jobs erforderlichen Skills werden sich alleine bis 2020 ändern, schätzt das Weltwirtschaftsforum.

Wie der Weg in die digitale Zukunft aussehen kann, das macht gerade der Daimlerkonzern vor: 15–25 Prozent aller verkauften Pkws des Konzerns sollen laut Daimler-Chef Dieter Zetsche im Jahr 2025 vollelektrisch unterwegs sein. Allein 2017 investierte er daher bereits 120 Millionen Euro in die Aus- und Weiterbildung seiner Mitarbeiter. Jeder Daimler-Mitarbeiter wird im Schnitt drei Tage im Jahr qualifiziert. Einen Schwerpunkt widmet er dabei den Azubis des Unternehmens, die in vernetzten, flexiblen Fabriken an autonomen und elektrisch angetriebenen Fahrzeugen arbeiten.

„Wir integrieren moderne Produktionstechnik sowie neu entwickelte Seminare, Programme und E-Learning-Module fest in die Ausbildungspläne“, sagt Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth. Zum Beispiel im konzernweit ersten Industrie-4.0-Labor im Ausbildungszentrum Esslingen-Brühl. Dort lernen Azubis Anlagen per Tabletcomputer zu steuern und eine hochmoderne Produktionslinie zu programmieren. Das Labor stellt eine vernetzte Produktion dar und simuliert die Abläufe einer Smart Factory. In den deutschen Mercedes-Benz-Truck- und Pkw-Werken erproben die Azubis in Zukunftswerkstätten den Umgang mit neuen Technologien wie 3D-Druck oder Smart Glasses.

Weiche Skills verdrängen harte

Absehbar ist schon jetzt, dass die Zukunft Unternehmen gehören wird, die bei der Personalauswahl und -bildung mehr auf weiche statt auf harte Skills setzen. Die Ergebnisse der im Dezember 2017 veröffentlichten PwC-Studie „Human value in a digital age“ aus den Niederlanden zeigen: Die Mitarbeiter von morgen müssen besser denn je mit weichen Sozialfaktoren ausgestattet sein. Zwar werden digitale Technologien vor allem repetitive Routinetätigkeiten ersetzen. Aber die fachlichen Kompetenzen des 21. Jahrhunderts rücken in den Fokus: kritisches Denken, problemlösungsorientiertes Arbeiten, Kreativität, Innovationskraft, Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit zusammenzuarbeiten. „Neben der gezielten Qualifizierung und der Neuausrichtung von Arbeitnehmern brauchen wir auch charakterliche Qualitäten wie Neugier, Empathie, Anpassungsfähigkeit und emotionale Agilität“, sagt Ulrich Störk, Sprecher der PwC-Geschäftsführung in Deutschland.

Eine gemeinsame Studie des Portals LinkedIn und Bitkom Research sieht zudem künftig funktionsübergreifende Kompetenzen an der Spitze der Soft Skills stehen, gefolgt von Gesprächs- und Verhandlungsführung sowie Team- und Mitarbeiterführung. Zwischenmenschliches Fingerspitzengefühl wird Führungs- und Charaktereigenschaften überholen. Und wo heute noch Unternehmergeist und kreatives Potenzial zählen, wird schon in zehn Jahren fachübergreifende als auch interkulturelle Kompetenz im Vordergrund stehen, so die Studie.

Immerhin erkennt die Politik die Brisanz des Themas überraschend klar: Bundesforschungsministerin Johanna Wanka rief sogar das Wissenschaftsjahr 2018 aus. In Forschungsverbünden entwickeln Wissenschaftler und Unternehmer nun gemeinsam neue Konzepte und Werkzeuge der Arbeitsgestaltung und -organisation in und mit der Praxis. „Arbeitswelten der Zukunft“ lautet das Leitmotiv.

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Die gefragtesten Hard Skills im Business

Klicken Sie sich durch die einzelnen Skills, und erfahren Sie, wie sich die Nachfrage nach ihnen in zehn Jahren geändert haben wird:

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Legende:heutein 10 JahrenQuelle: Bitkom

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Die gefragtesten Soft Skills im Business

Klicken Sie sich durch die einzelnen Skills, und erfahren Sie, wie sich die Nachfrage nach ihnen in zehn Jahren geändert haben wird:

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Legende:heutein 10 JahrenQuelle: Bitkom

Auch an der Hochschule Niederrhein läuft zu diesem Thema ein Forschungsprojekt. Erste Ergebnisse sind aufschlussreich: Knapp drei Viertel der Befragten (72,62 %) gehen davon aus, dass Unternehmen im Jahr 2030 weitgehend virtuelle Organisationen sein werden, das heißt, sie werden aus Netzwerken von Unternehmen und Personen bestehen, die durch Kommunikationstechnologien zeitweise miteinander verbunden sind, um ein gemeinsames Geschäftsergebnis zu produzieren. „Führungskräfte, Mitarbeiter und Personaler werden ihre Rollen ändern müssen, um die Arbeitswelt der Zukunft erfolgreich zu gestalten“, sagt Professor Alexander Cisik, der die Studie leitete. „Sie müssen zu komplementären Partnern werden: Führungskräfte werden dabei vom Vorgesetzten zum Managing Partner, Mitarbeiter vom Arbeitnehmer zum Operating Partner und Personaler vom Administrator zum Creating Partner.“

Erste Unternehmen haben sich schon auf den Weg in die Zukunftswelt der Arbeit gemacht: Beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos schlossen sich 26 Konzerne (aus Deutschland SAP) zur Initiative „Closing the Skills Gap 2020“ zusammen. Sie wollen ihre Mitarbeiter und Organisationen schulen und trainieren, um sie fit für die digitalisierte Wirtschaft zu machen.

Simone Bagel-Trah, Aufsichtsratsvorsitzende und Vorsitzende des Gesellschafterausschusses bei Henkel, sieht jenseits von Skills und Werten eine weitere Möglichkeit, um Mitarbeiter in die künftige Arbeitswelt mitzunehmen: „Immer mehr Menschen wollen auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und haben den Wunsch nach mehr Individualisierung und Freiheit. Als Unternehmer muss man darauf eine Antwort haben. Wer für den Weg in die Zukunft Mitarbeiter haben möchte, die seiner Philosophie entsprechen, muss ihnen auch ein entsprechendes Angebot machen und Freiheiten zur individuellen Entfaltung bieten.“

Denn selbst in Amys digitalisierter Core City werden Unternehmen weiterhin Menschen brauchen, die den Unterschied ausmachen.

 

Bildnachweis: © Getty Video

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