Skilling me softly

Immer zwischendurch, wenn sich im Arbeitsalltag kleine Zeitfenster auftun, federt Norbert Ferchen ad hoc zu einer internen Vortragsrunde von Kollegen. Mal geht es ein, zwei Stunden um neue Oberflächen für mobile Applikationen, mal um Trends auf dem Entwicklermarkt. Der Projektleiter Mobile App beim Münchener IT-Experten Consol meldet sich aber auch hin und wieder spontan für mehrtägige Schulungen an, wie neulich zu Javascript und zum Thema „Agile Festpreise gestalten“. Und immer wieder setzen sich Kollegen im Team fünf Minuten zusammen, um sich gegenseitig pfiffige Kleinsttools zu präsentieren, die sie bei Recherchen entdeckt haben. Ferchen: „Weiterbildung durchzieht unseren Alltag, in der schnelllebigen Entwicklerbranche ist das überlebenswichtig.“

Seit zwölf Jahren arbeitet der Projektmanager bei dem IT-Beratungsunternehmen. Und es war das ausgetüftelte Weiterbildungskonzept, das den Softwareentwickler zum Unternehmen lockte. Consol lädt nämlich nicht nur externe Firmenvertreter zur Vorstellung neuer Softwareprodukte oder hyperspezialisierte Externe zu Meet-ups. Die Consol-Strategie heißt: Unsere Entwickler schulen unsere Entwickler. Wann und wozu die Schulungen stattfinden, entscheiden die Profis selbst. Die Company stellt Raum und Arbeitszeit für Durchführung und Vorbereitung. „Unsere ‚Consol-Akademie-Kurse‘ passen zu den Anforderungen unserer Arbeit und ermöglichen offene, kritische Fachdebatten auf Augenhöhe“, findet Norbert Ferchen. Was ist sinnvoll für die Teams, was vielleicht nur ein Hype? Was passt zum Einzelnen, wie will er sich weiterentwickeln? Wer im Haus ist Experte in Technik X oder Y?

Der Softwareentwickler hat sich auf Frontendthemen spezialisiert und berät Kollegen. Die wissen längst: „Frontend? – Frag mal den Ferchen!“ Mittlerweile darf er selbst Akademiekurse geben, für Ferchen inzwischen eine persönliche Herzenssache. Das jährliche Akademie-Essen im „erlauchten Kreis“ der Vortragenden sei „wie ein Ritterschlag“, sagt er. „Diese Anerkennung durch das Unternehmen motiviert mich mehr als alles andere.“

Digitale Fähigkeiten durch individuelles Lernen

Wenn Mitarbeiter ihr Bestes geben und sich für ihr Unternehmen einsetzen, wollen sie dafür auch wertgeschätzt werden – wie Norbert Ferchen. Fühlen sie diese Wertschätzung nicht, verlassen sie das Unternehmen bald. Bei einer aktuellen Studie der Karriereplattform von Compensation Partner ist fehlende Anerkennung mit 45 Prozent der häufigste Kündigungsgrund. Einen noch differenzierteren Blick auf den Zusammenhang zwischen Mitarbeiterengagement und Anerkennung wirft der aktuelle Gallup Engagement Index 2019: Knapp 70 Prozent der Mitarbeiter fühlen sich demnach nur wenig gebunden und machen Dienst nach Vorschrift. 16 Prozent – und damit fast sechs Millionen Beschäftigte – haben bereits innerlich gekündigt. Einer der wesentlichen Gründe, die zu dieser Haltung führen: Jeder dritte Mitarbeiter fühlt sich in Sachen digitale Weiterbildung von seinem Unternehmen nicht unterstützt. Und nur jeder fünfte Befragte stimmte der Aussage vollständig zu, dass ihn der Arbeitgeber beim Ausbau der Fähigkeiten und Fertigkeiten zur effektiven Nutzung neuer digitaler Technologien effektiv unterstützt.

Lebensmotiv Macht

Dabei wird das Upskilling immer wichtiger, um Anerkennung - einen wesentlichen Motivationstreiber im beruflichen Umfeld - zu erhalten. Denn im digitalen Wandel mit seinem rasanten Veränderungstempo geht es immer weniger um Erfahrung, Ansehen und Verdienste – sondern in der Regel darum, mit den Veränderungen Schritt zu halten. Globale Märkte, neue Technologien und neue Arbeitskulturen krempeln den Firmenalltag von links auf rechts. Wie erfolgskritisch Anerkennung durch Weiterbildung für sie und ihre Mitarbeiter ist, das haben erst wenige Unternehmen in ihrer Kultur derart verankert wie Consol.

„Unsere Welt ist hochkomplex. Veränderungen stehen auf der Tagesordnung. Deshalb ist es so wichtig, sie mit positiver Neugierde mitzugestalten“, sagt Ulrich Störk, Sprecher der Geschäftsführung von PwC Deutschland. „Es ist auch Aufgabe der Unternehmen, ihre Mitarbeiter dabei zu unterstützen, digitale Fähigkeiten individuell zu erlernen oder deutlich auszubauen.“ Die Mitarbeiter sind auf jeden Fall dazu bereit. Für die Studie „Upskilling Hopes and Fears“ im Auftrag von PwC hat das Forschungsunternehmen Opinium 22.000 Arbeitnehmer in elf Ländern befragt. Ergebnis: 79 Prozent der Erwachsenen bilden sich bereits weiter, 58 davon auf eigene Faust, 28 Prozent nehmen Weiterbildungsangebote ihrer Arbeitgeber vor allem in puncto digitale Skills wahr. 81 Prozent würden Bildungsangebote ihres Unternehmens wahrnehmen, um Technologien besser nutzen zu können.

Was tut ihr für die Weiterbildung? So einiges!

Jutta Rump, Professorin für Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen und Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE), beobachtet aktuell sogar einen „Mindshift“ bei zahlreichen Unternehmen: „Wir beobachten einen neuen Stellenwert der Bildung in der Wirtschaftswelt.“ Während vor einigen Jahren noch Weiterbildung vor allem bei Jüngeren gefördert wurde, sei heute lebenslanges Lernen auch bei Mitarbeitern der Generation 45+ selbstverständlich. „Und sie erwarten es auch von einem guten Arbeitgeber“, so Rump. „Denn ihre Kompetenz ist der wichtigste stabile Vermögenswert für ihre Beschäftigungsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt.“

Andrea Stellwag erlebt das täglich. In Bewerbungsgesprächen wird die Geschäftsführerin Finanzen bei Consol zunehmend gefragt: Was tut ihr für die Weiterbildung? Dann erzählt sie von der Consol-Akademie, dem selbst organisierten Wissens- und Bildungsmarktplatz. Erzählt von acht bis zehn Tagen im Jahr, an denen Consol Mitarbeiter für deren Weiterbildung freistellt. Sie berichtet vom „Consol Development Day“  alle vier Monate mit Methodenworkshops und Impulsvorträgen sowie den jährlichen Fedex-Days, an denen Entwickler um die Wette programmieren.

„In unserer Branche ist selbst das Wissen von Uniabsolventen nur eine Momentaufnahme“, so Stellwag. „Ein flexibler Mix aus Weiterbildungen gehört daher zur DNA unseres Unternehmens.“ Für sein Konzept wurde Consol 2018 mit dem Bildungsaward ausgezeichnet, seit Jahren steht das Unternehmen ganz oben auf der Liste der Wettbewerbe „Deutschlands beste Arbeitgeber“ und „Deutschlands beste Ausbilder“.

Training am digitalen Zwilling

Nicht nur bei Consol, sondern auch anderswo haben sich Themen und Formen der Weiterbildung in den vergangenen Jahren erheblich geändert. Arbeiter in der Produktion trainieren dann an einem „digitalen Zwilling“ neben der Produktionsstraße, lernen und üben danach das Umsetzen am Band. Controller am PC klicken sich on demand auf Lerntools im Intranet, wenn sie nicht mehr weiterkommen. Projektmanager schlagen sich mit ihrem Avatar durch Case Studies in Augmented-Reality-Lernwelten. Gamification nennen das die Didaktiker. „Menschen lernen permanent, indem sie Informationen verarbeiten, aber am effektivsten funktioniert der Informationsverarbeitungsprozess in einem strukturierten, systematischen Kontext“, erläutert Rump.

Für Consol-Entwickler Ferchen ist es jedenfalls ein großer Pluspunkt, selbst entscheiden können, wohin die Bildungsreise geht. „Das macht die Arbeit viel befriedigender.“ Er muss jetzt los, seinen nächsten Weiterbildungsslot für die Kollegen vorbereiten, „React native für mobile Apps“. Denn kommende Woche ist es wieder so weit: Der „Consol Development Day“ 2020 startet.

Newsletter abonnieren

Mit dem Newsletter verpassen Sie keine Ausgabe der next: Das Magazin für Vorausdenker

Anmelden
Feedback

Sie möchten uns Feedback zu diesem Beitrag geben? Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung.

Feedback
Diesen Beitrag teilen

Hier können Sie den Beitrag über soziale Medien teilen.

Teilen

Sie möchten für immer auf Höhe der Vorausdenker sein?
Hier für den next: Newsletter anmelden!

Anmelden